Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Stefano und Francesca allein zu Haus

Von Marcello Berni, Handelsblatt
Vor drei Monaten schrieb die italienische Tageszeitung ?La Repubblica? in ironischer Anspielung an die tief katholischen Wurzeln der Familie Tanzi: ?Heute sitzt er zur Rechten des Vaters. Morgen wird Stefano der Boss von Parmalat sein.?
Stefano Tanzi
MAILAND. Manchmal liest sich etwas so schön ? und entpuppt sich doch als Fehleinschätzung... Oder er sitzt auf der Straße.Denn der Nahrungsmittelriese ist durch Betrug unter einem Berg von zehn Milliarden Euro Schulden zusammengebrochen. Von seinem Posten als Chef des Fußballclubs AC Parma ist der Sohn von Calisto Tanzi gestern bereits zurückgetreten. Und statt im bequemen Chefsessel wird der 35-Jährige bald Platz nehmen auf den harten Stühlen in den Räumen der Staatsanwaltschaft. In den kommenden Wochen wird dem Kronprinz ohne Kleider eine Vorladung zugesendet, schon in dieser Woche wollen sich die Ermittler seine um ein Jahr ältere Schwester Francesca vorknöpfen.

Die besten Jobs von allen

Die Staatsanwaltschaft interessiert zwei Aspekte. Erstens: Was wussten die beiden Kinder über die Betrügereien des Vaters? Zweitens: Waren Stefano und Francesca als Manager des Konzerns mitverantwortlich für den Zusammenbruch von Parmalat?Der diplomierte Betriebswirt Stefano saß ab 1997 im Verwaltungsrat des Milchproduzenten. Im Jahr 2000 wurde er vom Papa zum Vertriebsdirektor befördert und nahm teil an den Sitzungen des zentralen Führungskreises. ?Er spricht besser Englisch als ich. Sein Beitrag wird für uns sehr nützlich sein? ? so soll Calisto Tanzi den kometenhaften Aufstieg des Sohnes vor dem Top- Management begründet haben.Zudem schenkte der Vater seinem verheirateten Sohn 1996 den konzerneigenen Fußballclub AC Parma. Man sagt, um dem schüchternen Jungen mit den blauen Augen die für die Geschäftswelt notwendige Kantigkeit zu verpassen. Derzeit liegt das Team auf Platz fünf, die Qualifikation für die Champions League ist machbar.War Fußball das Spielzeug für den Sohn, so waren es Reisen in ferne Länder für Tochter Francesca. Die studierte Geologin hat aus dem familieneigenen Tourismusunternehmen Parmatour einen weit verzweigten Konzern geformt. Die zahlreichen Akquisitionen wurden wie im Milchladen des Alten auf Pump getätigt ? die Erstgeborene soll beim Shopping völlig freie Hand gehabt haben. Ergebnis: Parmatour dürfte nach Schätzung der Staatsanwälte ein Bilanzloch von mindestens einer Milliarde Euro aufweisen und damit neben Parmalat die zweite Großbaustelle von Insolvenzverwalter Enrico Bondi sein.?Ich hoffe, dass Parmatour fortgeführt werden kann, vor allem, um die vielen Arbeitsplätze zu retten?, flötete die Tochter mit sanfter Stimme und braver Frisur vor drei Tagen in die Mikrofone der Fernsehreporter. Francesca will von den Betrügereien nichts gewusst haben. Sie hofft nur eins: dass Papa Calisto bald aus dem Gefängnis rauskommt und nach Hause zurückkehrt.Stefano sieht das anders ? vielleicht auch, weil er besser informiert ist als seine Schwester: ?Er spricht nicht mehr mit mir?, hat Calisto bei seiner Verhaftung gesagt. Kein Wunder: Die Zeiten haben sich geändert. Heute möchte der Sohn nicht mehr zur Rechten des Vaters sitzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.01.2004