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Starkes Doppel

Hans-Martin Barthold
Das Hoch dauert an – und zwar schon seit Jahren: Mehr noch als alle anderen Ingenieure stehen Wirtschaftsingenieure auf der Sonnenseite des Arbeitsmarkts.
Das Hoch dauert an - und zwar schon seit Jahren: Mehr noch als alle anderen Ingenieure stehen Wirtschaftsingenieure auf der Sonnenseite des Arbeitsmarkts. "Ich kenne keinen einzigen Absolventen, der bei der Jobsuche ein wirkliches Problem hatte", sagt David Meyer, promovierter Wirtschaftsingenieur und Partner der Münchener Unternehmensberatung 4C Intermedia AG. Er und seine Kollegen vom Fach sehen kein Wölkchen am Himmel. Im Gegenteil, es entstehen noch mehr Arbeitsplätze - etwa im Controlling, einem klassischen Revier von Betriebswirtschaftlern.

Der Grund: Infolge des wachsenden Konkurrenz- und Kostendrucks müssen allerorten Betriebsabläufe umstrukturiert werden. Als Generalisten sind Wirtschaftsingenieure für solche Querschnittsaufgaben wie geschaffen. Sie haben gelernt, über den Tellerrand verschiedener akademischer Disziplinen zu schauen. Unternehmerische Entscheidungen treffen sie sowohl mit technischem, mathematischem, ökonomischem als auch mit juristischem und psychologischem Sachverstand.

Die besten Jobs von allen


Die gängigste Ausbildungsform ist das Simultanstudium. Alternative: Diplomierte Ingenieure oder Naturwissenschaftler krönen ihren Abschluss mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Aufbaustudium.

Das Simultanstudium umfasst vom ersten bis zum letzten Semester parallel ingenieur- und wirtschaftswissenschaftliche Lehrveranstaltungen. Darin liegen Reiz und Schwierigkeit zugleich. "Es geht hier nicht bloß um die Addition von technischem und ökonomischem Wissen, sondern um die Verschmelzung zweier unterschiedlicher Denkweisen", erklärt der Kaiserslauterer Professor Heiner Müller-Merbach. Viele Studienanfänger sind damit überfordert und wechseln nach den ersten Semestern in die konventionellen wirtschafts- oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge.

Guido Krupinski, Montageleiter der C-Klasse im Daimler-Chrysler-Werk Bremen, beurteilt sein Studium rückblickend so: "Mit 60 Prozent Ingenieurwissenschaft und 70 Prozent Betriebswirtschaftslehre erreicht die Gesamtbelastung 130 Prozent." Ein Teil der Wertschätzung, die Personaler Wirtschaftsingenieuren entgegenbringen, liegt hier begründet. Durch die harte Arbeit im Studium sind die Absolventen auf hohe Belastungen im Beruf vorbereitet.

Jeder Dritte hat seinen Schreibtisch in den oberen Etagen eines Unternehmens. Wirtschaftsingenieure haben gelernt, sich durchzubeißen. Schließlich gibt es bis auf eine kleine Zahl von Querschnittsfächern keine Lehrveranstaltungen, die ausschließlich für sie konzipiert sind. Mit Maschinenbauern sitzen sie in Vorlesungen wie Mathematik, Mechanik, Thermodynamik und Werkstoffkunde. Seite an Seite mit künftigen Diplom-Kaufleuten pauken sie Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Rechnungswesen, EDV, Statistik und Recht. Alles, ohne dass die dort jeweils gültigen Leistungsanforderungen für sie auch nur um ein Jota reduziert würden.

Die Ingenieurdisziplin kann an den Hochschulen meistens nach persönlichem Interesse gewählt werden: Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen, Verfahrenstechnik/Technische Chemie oder Informatik. Berufsentscheidend wirkt sich diese Wahl allerdings nicht aus. Schließlich sollen Wirtschaftsingenieure die Experten unterschiedlicher Disziplinen zusammenführen, sie aber nicht ersetzen. Der Anteil der betriebswirtschaftlichen Fächer wird mit fortschreitendem Studienverlauf ohnehin immer größer.

Unternehmensberater David Meyer hat eine simple Antwort auf die Frage nach dem optimalen Studienschwerpunkt: "Mit einem Wirtschaftsingenieurstudium kann man im Grunde sowieso nichts falsch machen." Die Ausbildungsform sollte jedoch sorgfältig gewählt sein. "Das anwendungsorientierte Fachhochschulstudium führt in der Regel in eine Sachbearbeiterfunktion, aber selten über die untere Führungsebene hinaus", sagt Guido Krupinski von Daimler-Chrysler. Einer Karriere in der Unternehmensberatung ebenso wie bei den Top Ten der Industriegiganten kann die Promotion einen Kick geben.

Wirtschaftsingenieure sind keine Überflieger, aber Generalisten mit Spezialwissen. Sie sollten sich Fremdsprachen und Grundkenntnisse in sozialwissenschaftlichen Fächern aneignen, Auslandserfahrung sammeln und die Hochschule wenigstens einmal wechseln. "Der ideale Wirtschaftsingenieur ist verständnisvoller Vermittler", sagt Professor Müller-Merbach. "Er hat gelernt, ethische Verantwortung zu übernehmen: für den technischen Fortschritt, wirtschaftliches Wachstum und gesellschaftlichen Wandel."
Dieser Artikel ist erschienen am 17.08.2001