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Starke Lobby für die Generation Praktikum

Dorothee Fricke, Heft 07/06
Foto: Pixelquelle.de
Seit zwei Jahren kämpft karriere mit der Aktion Fair Company gegen die Ausbeutung von Hochschulabsolventen. Sie sollen eine faire Chance auf eine feste Anstellung erhalten ? statt in Dauerpraktika verheizt zu werden. Mehrere Initiativen haben das Thema aufgegriffen. Sogar in der Politik tut sich einiges.
Sie habe nichts gegen Praktika, sagt Désirée Grebel, 29: Nur das, was sie im Bekanntenkreis erlebe, bringe sie auf die Palme: Hochschulabsolventen, die sich monatelang un- oder unterbezahlt von Praktikum zu Praktikum hangeln. ?Ich weiß sogar von einer Firma, die Praktikantenverträge für drei Jahre schließt ? unbezahlt. So etwas hat mit Ausbildung nichts mehr zu tun?, sagt Grebel.Ihr Anliegen machte die Berlinerin mit einer Online-Petition an den Deutschen Bundestag öffentlich: ?Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass Praktika von Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern und in dem Berufsbild abgeleistet werden, für das der Hochschulabsolvent ausgebildet wurde, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden?, fomulierte Grebel. ?Es ging mir darum, einen konstruktiven Vorschlag zu machen?, sagt sie.

Die besten Jobs von allen

Grebels Vorschlag traf den Nerv von Studenten und Hochschulabsolventen: Mit über 45.000 Unterzeichnern hält sie den absoluten Rekord in der Geschichte der Online-Petition. Zwar hätte der Petitionsausschuss die Antragsstellerin erst bei einer Marke von 50.000 Unterzeichnern persönlich anhören müssen. Trotzdem wird derzeit darüber beraten, ob Désirée Grebel vorsprechen kann.Praktikanten haben RechteZumal sie nicht die einzige ist, die das Thema Praktika in die Politik bringt. Von ehemaligen Kommilitonen bekommt auch der grüne Bundestagsabgeordnete Kai Gehring mit, selbst erst 28 und diplomierter Sozialwissenschaftler, wie schwer der Berufseinstieg für viele Hochschulabsolventen geworden ist: ?Auch bei guten Leuten dauert es sehr lange, bis sie eine Stelle finden?, beobachtet der hochschulpolitische Sprecher seiner Fraktion. ?Wenn man dann ein Praktikum angeboten bekommt, greifen viele zu diesem Strohhalm.?Nicht nur, weil er sich in die Situation von Hochschulabsolventen sehr gut hineinversetzen kann, macht sich Gehring für die Rechte der so genannten Generation Praktikum stark. ?Wenn viele nur noch über Praktika nach dem Studium den Berufseinstieg schaffen, ist dies ein Beleg für einen gefährlichen Trend zur Prekarisierung?, meint Gehring. ?Die Folgen sind neben Verunsicherung und Desillusionierung auch, dass zum Beispiel die Familiengründung immer weiter hinaus geschoben wird.Gehring bereitet derzeit ein Positionspapier zum Thema vor und plant eine parlamentarische Initiative. ?Das wichtigste ist aber die systematische Aufklärung, damit die Leute ihre Rechte kennen.? Dass auch Praktikanten ganz normale Arbeitnehmerrechte wie Urlaubsanspruch haben, sei manchen nicht klar. Wenn die Arbeitsleistung den Erwerb beruflicher Erkenntnisse überwiegt, haben Praktikanten sogar Anspruch auf vollen Lohn. Das ist im Berufsbildungsgesetz (§138) klar geregelt.Stiftung GefordertDie SPD-Abgeordnete Ulla Burchardt befürwortet eine generelle Begrenzung der Praktikumsdauer auf höchstens drei Monate und fordert eine ?Stiftung Praktikum?, die Unternehmen, die faire Praktika anbieten, zertifiziert. Gespräche mit dem Arbeitsministerium über die mögliche Gestaltung und Zusammensetzung einer solchen Stiftung laufen bereits. Dabei ist es sicher ein gutes Zeichen, dass Arbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering die Initiative ?Fair Company? als Schirmherr unterstützt.Neu ist die Idee der Zertifizierung von Unternehmen freilich nicht: Genau dies macht die karriere Initiative Fair Company seit fast zwei Jahren. Unternehmen, die die fünf Regeln zum fairen Umgang mit Hochschulabsolventen und Praktikanten unterschreiben, werden mit dem Fair-Company-Siegel ausgezeichnet. Eine echte Orientierungshilfe: Denn wer sich bei einer Fair Company bewirbt, weiß, wo er als Student ein faires, vergütetes Praktikum findet und als Absolvent eine faire Einstiegschance erhält. Waren es anfangs 37 Mitglieder, hat sich die Zahl der Fair Companies mittlerweile verzehnfacht. 301 waren es am 30. Juni 2006, fast täglich kommen neue hinzu. Das große Medieninteresse an der Aktion hat das Problem der Absolventenausbeutung in die Öffentlichkeit gebracht und eine breite Diskussion angestoßen.Druck auf schwarze SchafeNeben Fair Company kämpfen weitere Initiativen für einen fairen Umgang mit Praktikanten: Fair Work ist ein Zusammenschluss von Hochschulabsolventen, an den sich Betroffene wenden können. Die DGB Jugend hat einen Leitfaden für Praktikanten erarbeitet und will sich verstärkt für sie einsetzen. In Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung entsteht derzeit eine repräsentative Studie, die die Dimension des Phänomens erfassen soll.Denn noch immer gibt es keine aussagekräftige Datenbasis, wie viele Hochschulabsolventen in der Praktikaschleife hängen. Erste Daten einer Absolventenstudie, die das Hochschulinformationssystem HIS durchgeführt hat, zeigen, dass etwa jeder fünfte BWL-Absolvent und jeder vierte Sozialwissenschaftler des Abschlussjahrgangs 2004 nach dem Studienabschluss noch mindestens ein Praktikum absolviert hat.Zahlen, die einerseits Hoffnung machen, weil die Mehrzahl der Absolventen offenbar ohne den Umweg über Praktika den Jobeinstieg schafft, die andererseits zeigen, dass ein großer Bedarf an Aufklärung und Initiativen wie Fair Company besteht, die faire Arbeitgeber auszeichnen und Druck auf die schwarzen Schafe ausüben.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.07.2006