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Starke Impulse aus Raum 38

Von Bolke Behrens
Der Chef des Drogeriemarkt-Konzerns dm, Götz Wolfgang Werner, steht in geistiger Nähe zu den Lehren des bedeutenden Künstlers Joseph Beuys. Wie sein Vorbild will Werner mit seinem Unternehmen ein soziales Kunstwerk schaffen, getreu Beuys' Credo: ?Jeder ist ein Künstler.?
Dieser Raum in der Stuttgarter Staatsgalerie ist nicht nach jedermanns Geschmack. Viele Besucher sind verwirrt angesichts von großen Planen an der Wand, Schutt und Schrottresten auf dem Fußboden, wähnen sich auf einer Baustelle eines Museums, das gerade seine Bestände neu ordnen und präsentieren will. Rätsel geben große Batterien und eine Luftpumpe auf, ein Stativ mit Autorückspiegel oder ein Stuhl, der augenscheinlich nicht als Sitzgelegenheit für Aufseher oder Besucher dienen soll, sondern bedeutungsschwer mit einer großen Wachsmasse beladen ist.Wer jetzt leise den Verdacht äußert, er werde wohl an der Nase herumgeführt, outet sich als Kunstbanause und erntet verachtende Blicke der Eingeweihten, die entzückt und ehrfurchtsvoll alle Werke des Meisters im Raum 38 bestaunen. Denn hier hat sich Joseph Beuys, einer der Größten der deutschen Kunstszene, mit Objekten und Installationen verewigt. Für Begriffsstutzige erläutern Tafeln an den Wänden den tiefen Sinn etwa des raumgreifenden Ensembles aus Gips, Wachs und Filz, Eisenstäben und Fotografie, in dessen Mitte der Stuhl steht. Der spielt die Rolle des ?Energiezentrums?, in dem sich die ?den Raum durchziehenden geistigen und materiellen Kraftströme? sammeln .

Die besten Jobs von allen

Der Künstler Joseph Beuys, 1921 in Krefeld geboren und 1986 in Düsseldorf gestorben, gehörte zu den wichtigsten Kunstschaffenden des 20. Jahrhunderts. Foto: dpa
Der Künstler Joseph Beuys, 1921 in Krefeld geboren und 1986 in Düsseldorf gestorben, gehörte zu den wichtigsten Kunstschaffenden des 20. Jahrhunderts. Foto: dpa
Neben der Installation des Meisters vom Niederrhein sitzt ein Beuys-Bewunderer aus Baden-Württemberg, der sich als Seelenverwandter des Künstlers verstanden wissen will: Götz Wolfgang Werner, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Karlsruher Drogeriekonzerns dm. Er verkündet: ?Ein Unternehmen ist eine sozial-künstlerische Veranstaltung.? Seine Botschaft: ?Hier tun sich Menschen in einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, um sich entwickeln zu können und über sich hinauswachsen.?Da berühren sich in der Tat die Gedankenwelten, hat doch das Credo von Beuys gelautet: ?Jeder Mensch ist ein Künstler in dem Sinne, dass er etwas gestalten kann. Das würde die Entfremdung in der Arbeitswelt überwinden.? Der Kunstschaffende mit gesellschaftspolitischen Ambitionen wollte bewusst keine Skulpturen im traditionellen Sinn schaffen. Ihm ging es darum, Prozesse anzustoßen ? auch wenn die Metaphorik der Materialien wie Wachs und Filz, vom ?Wärmeprozess? beim Gestalten als Hinweis auch auf einen dringend nötigen ?therapeutischen Prozess? in der Gesellschaft sich zuweilen in solch esoterische Höhen verflüchtigt hat, dass nur noch sehr belesene Kunsthistoriker die Beuys-Arbeiten deuten können.Götz Werner versucht erst gar nicht, sich als ein solch bildungsbeflissener Kenner darzustellen. Er will nicht prunken, sondern Nutzen ziehen: ?Was mich an der Kunst interessiert, ist die Methode, Dinge sichtbar zu machen, die nicht ohne weiteres sichtbar sind.? Da verordnet er sich und seinen Kollegen in der Geschäftsleitung denn auch öfter ganztägige Arbeitsbesuche in Museen, um zu lernen, genauer hinzusehen. Mit Rembrandts ?Nachtwache? beispielsweise haben sie sich in Amsterdam beschäftigt. Und als Werner nach Stuttgart gezogen ist, hat er hier Beuys entdeckt und Parallelen im Hinschauen und Handeln bemerkt: ?Ich verstehe Beuys so, dass es ihm ebenso um die Entwicklung des Menschen geht wie mir.?Das treibt den 1944 in Heidelberg geborenen Badener ständig um. Unaufhörlich hat er Neues in seine Welt zu bringen versucht, zunächst alleine und dann mit anderen zusammen. ?Ich bin Unternehmer geworden, weil ich mich entwickeln wollte?, sagt Werner. Wohl auch, um mit einer Mischung aus Trotz, Eigensinn und Willenskraft sich und der Umwelt zu beweisen, wie man sich durchbeißen kann. Als fünftes Kind einer Drogistenfamilie, die das Geschäft schon in der dritten Generation betrieb, ist er in nicht eben üppigen Verhältnissen aufgewachsen. Seine Schulzeit empfand er als eine Tortur.Mehr Anerkennung findet der leidenschaftliche Sportler beim Rennrudern im Doppelzweier. Sein energisch betriebenes Hobby bringt ihm und seinem Partner Günter Bauer 1963 einen Titel als deutscher Jugendmeister. Der sagt im Rückblick, Werner sei schon immer ein ?Querdenker? gewesen. Was die gesamte Republik spätestens seitdem weiß, da Werner ein Grundeinkommen für jeden Bürger bis zur Höhe von 1 500 Euro fordert, dafür die Mehrwertsteuer auf 50 Prozent erhöhen und das bisherige Abgabensystem abschaffen will.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Beweis der Kraftanstrengung: Schwielen an den Händen Mag ja sein, dass er von seinem Vater ? einem Goethe-Verehrer ? vorausschauend den Vornamen ?Götz? in Anspielung auf den leidenschaftlich für Gerechtigkeit kämpfenden Götz von Berlichingen bekommen hat. Beruflich ist der junge Götz Werner zunächst alles andere als ein Revoluzzer. Er macht treu und brav eine Drogistenlehre, erwirbt gründliche Berufspraxis in verschiedenen Handelsunternehmen, tritt schließlich in die elterliche Drogerie-Firma in Heidelberg ein. Doch die Branche ist in einem tiefgreifenden Umbruch. Das Familienunternehmen muss Insolvenz anmelden. Sohn Götz wechselt nach Karlsruhe zur Idro, die bereits eine Nummer größer als das elterliche Geschäft ist.Als die Preisbindung für Drogerieprodukte fällt, offeriert die Nachwuchskraft der Idro-Führung ein neuartiges Konzept. Er schlägt vor, aus den personalintensiven Drogerien im Kleinkrämer-Stil Supermärkte zu machen. Die Idro hält nichts von dieser Marketing-Konzeption. Werner kündigt und eröffnet 1973 als 29-Jähriger in Karlsruhe seinen ersten eigenen Laden. Er nennt ihn Drogeriemarkt, kurz dm. Ein Jahr später steigt der Gesellschafter des Karlsruher Lebensmittelfilialisten Pfannkuch, Günther Lehmann, als Geldgeber ein. Seither teilen sich die beiden das dm-Kapital.Das Konzept hat Erfolg. Unermüdlich sucht Werner fortan nach Läden und reist durch Deutschland. Mit über 17 000 Mitarbeitern setzt die Kette inzwischen mehr als drei Milliarden Euro um, europaweit über vier Milliarden mit 27 000 Beschäftigten. Im Schnitt ist im letzten Geschäftsjahr, das bis Ende September ging, alle drei Tage eine neue Filiale eröffnet worden. An mehr als 1 800 Läden prangt inzwischen das dm-Logo. Und wenig dezent auch am Anzug des Firmengründers.So tut der Praktiker allemal etwas für das Geschäft. Das ist seine ganzheitliche Methode, Kalkül mit Kunst in eins zu bringen. Bei Joseph Beuys betonen berufene Interpreten die von ihm ?wiederholt herausgearbeitete Polarität von Intuition und Vernunft , deren Gleichgewicht die alleinige Grundlage des Lebens und des künstlerischen Schaffens darstellt?. Bei Werner weisen die Analysten darauf hin, dass er seine Filialen sehr geschickt platziert und dank ihrer überdurchschnittlichen Größe Kostenvorteile gegenüber Mini-Läden der Konkurrenz zieht. Das ist strategische Intelligenz.Wenn Werner als Honorarprofessor das Institut für Entrepreneurship der Universität Karlsruhe doziert, wird er geradezu poetisch: ?Zwar heißt es immer, Liebe mache blind. Den Unternehmer aber macht Liebe sehend.? Nicht jeder seiner Studenten kann sich mit solch blumiger Betriebswirtschaftslehre anfreunden. Und nicht jeder dm-Azubi ? die in Werners Terminologie ?Lernlinge? heißen ? weiß wohl allzu viel mit Goethes ?Faust? oder anderen Werken der Weltliteratur anzufangen, wenn er während seiner Ausbildung zwei Mal ein achttägiges Theaterprojekt absolviert.Für Personalentwickler ist klar: Die jungen Leute sollen dadurch einerseits Team- und Kommunikationsfähigkeit trainieren, andererseits spielerisch lernen, Konflikte zu lösen und auf Kunden besser einzugehen. Mithin Renditepotenzial aufzubauen. Werner sagt das in seiner Sprache selbstverständlich anders: Die Mitarbeiter sollen sich entwickeln und zu ?Kreativposten? werden.?Dialogische Führung? nennt er sein Konzept, in dem jeder Mitarbeiter nicht nur Anweisungen von oben bekommt, sondern sich auch selber zu Worte melden soll. Selbst hartleibige Gewerkschaftsfunktionäre erkennen an, dass Werner einen fairen Umgang mit seinem Personal pflegt. Eigenverantwortung ist angesagt. Die Filialen vor Ort bestimmen selber Sortiment und Dienstpläne, zum Teil die Vorgesetzten und sogar die Gehälter. Damit es so bleibt, muss eine Grundbedingung des Konzepts verinnerlicht werden: ?Offenheit für Neues? , die Werner für sein ?lernendes Unternehmen? einfordert. Denn dauernd müsse es auf veränderte Marktbedingungen reagieren. Wie er sich als noch immer aktiver Ruderer auf ?permanentes Wildwasser? einstelle ? und zum Beweis der Kraftanstrengung die Schwielen an seinen Händen vorzeigt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Götz Werner sammelt MenschenLieber noch zitiert der Praktiker aber die Philosophie. Für Mensch wie Unternehmen gilt: ?Die Welt ist nicht fertig.? Da spricht aus ihm der Multi-Denker Rudolf Steiner, der auch Beuys beeinflusst hat. Steiners frühe Philosophie der Freiheit hat es Werner angetan: ?Jeder von uns baut in sich die Wirklichkeit auf.? Und wichtiger als der reine Wissenserwerb ist die Formung des Menschen. Deswegen hat der von der eigenen Schulvergangenheit frustrierte Werner seine sieben Kinder auch alle in die auf Steiners Anthroposophie-Lehren basierende Waldorfschule gesteckt. Da gibt es keine frühe Selektion, und es wird nicht Stoff gepaukt, sondern ? so meint Werner ? ?gelernt, etwas zu unternehmen?.Trotzdem ist er kein ?bekennender Anthroposoph?, wie gern behauptet wird: ?Das ist Schwachsinn. Aus dem, was Steiner in die Welt gebracht hat, kann ich Einsichten gewinnen. Aber nichts rezepthaft übernehmen.? Denn in der Philosophie ?bleiben zwar stets dieselben Fragen. Aber die Antworten ändern sich. Das ist auch für ein Unternehmen so.? Es wird auch so bleiben, wenn er in diesem Jahr die operative Konzernführung abgibt und dann an die Spitze des Aufsichtsrats rückt. Nachfolger wird sein Stellvertreter Erich Harsch. Und erben wird seine milliardenschwere Firmenhälfte eine Stiftung. Die soll, so gut es geht, seine Gedanken weitertragen und für stete Erneuerung sorgen.Und ebenda trifft sich der Unternehmer hier im Raum 38 der Stuttgarter Staatsgalerie mit dem Künstler Beuys. Denn dessen Postulat ?Durch Menschen bewegen sich Ideen fort, während sie in Kunstwerken erstarren und schließlich zurückbleiben? hat es Werner angetan. Nachdenklich sagt er: ?Ich weiß nicht, ob Beuys es wohl gewollt hätte, dass seine Sachen im Museum konserviert werden.?Götz Werner sammelt keine Kunstwerke. Er sammelt Menschen.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.01.2008