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Stadt, Land, Frust

Hans-Martin Barthold
Ein Drittel der Geographen arbeitet in einem Job, der mit dem Studium wenig zu tun hat. Die Stellensuche ist schwierig - auch wenn das interdisziplinäre Wissen der Absolventen zunehmend nachgefragt wird. Die Liste der Arbeitgeber reicht von Wohnungsbauunternehmen über Naturschutzverbände bis zu Forschungsinstituten.


Eineinhalb Milliarden Euro investierte die Berliner Bank im vergangenen Jahr in Immobilien. Kurz darauf war sie pleite. Die vermeintlichen Filetstücke hatten sich als Ladenhüter erwiesen - sanierungsbedürftige Plattenbauten in mieser Lage, die Infrastruktur veraltet. ?Eine solche Fehleinschätzung wäre unseren Studenten schon nach dem dritten Semester nicht mehr passiert", behauptet Peter Meusburger, Professor am Geographischen Institut der Uni Heidelberg. ?Denn sie werden darin ausgebildet, Ursache-Wirkung-Zusammenhänge in Räumen zu analysieren."

Fachkollege Götz von Rohr aus Kiel gibt ein Beispiel: ?Wenn Krebsforscher feststellen, dass in einer Stadt die Lungenkrebshäufigkeit in den Bezirken mit der stärksten Luftbelastung hoch ist, gehen sie meist von einer direkten Kausalität aus. Geographen dagegen fragen, ob es mehrere Gründe gibt."

Die besten Jobs von allen


Erklärung für die hohe Erkrankungsrate könnte etwa sein, dass die sozial schwachen Bewohner an ihren Arbeitsplätzen in anderen Stadtteilen hohen Umweltbelastungen ausgesetzt sind. Oder ihre preiswerten Wohnungen sind von schlechter Qualität. Oder die Bewohner achten aus Unwissen nicht auf ihre Gesundheit. Soziologie und Naturwissenschaften sind die direkten Nachbardisziplinen der Geographie - mit Stadt-Land-Fluss-Erdkunde hat das Studienfach nichts zu tun.

Im Grundstudium eignen Studenten sich methodisches und fachliches Wissen an: Zu Geostatistik, Empirischer Sozialforschung, Geoinformatik und Kartographie kommen Veranstaltungen in Physischer Geographie, Wirtschafts-, Sozial- und Regionaler Geographie. Diese Fächervielfalt zieht viele Unentschlossene an. Jeder dritte Erstsemesterstudent ist an der Uni kein Neuling, sondern war zuvor in einem anderen Studiengang eingeschrieben.

Über die Hälfte der Studienanfänger kehrt der Geographie vor dem Vordiplom den Rücken. Ein möglicher Grund ist der hohe naturwissenschaftliche Anteil des Studiums. ?Gute Kenntnisse in Mathe, Physik, Biologie und Chemie sind für den Studienerfolg unverzichtbar", sagt André Albertsen, Student im siebten Semester an der Uni Kiel. Viele Anfänger seien über den prallen Lehrplan und die zahlreichen Exkursionen überrascht. ?Man muss schon wetterfest sein und sich gerne im Freien aufhalten.“ Ein so praxisorientiertes, interdisziplinäres Programm könne in einem nur sechssemestrigen Bachelorstudiengang nicht umgesetzt werden, urteilt der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Verbandes für Angewandte Geographie (DVAG), Peter M. Klecker. Er sieht die neuen Studienangebote an einigen Hochschulen skeptisch. Zu Beginn des Hauptstudiums muss jeder Student eine Weiche stellen. Möchte er in Umwelt- und Naturschutz, Klimaforschung oder Landschaftsplanung tätig werden, setzt er auf die Physische Geographie, das heißt den naturwissenschaftlichen Schwerpunkt. Reizen ihn die Wirtschafts- oder Verkehrsplanung, Fremdenverkehr oder die Immobilienwirtschaft, wählt er Wirtschafts- und Sozialgeographie, an einigen Hochschulen auch Anthropogeographie genannt. Dann heißt es, Statistik pauken, Standortfaktoren analysieren und nebenher Fremdsprachen lernen.

Trotz Spezialisierung sollten auf dem Stundenplan noch Fächer der anderen Hauptstudienrichtungen stehen. ?Unsere breite, fachübergreifende Qualifikation macht schließlich unseren Arbeitsmarktwert aus", erklärt Professor Meusburger. Die Zahl der Absolventen übersteige die Nachfrage aber deutlich, kommentiert Arbeitsmarktexperte Klecker vom Geographenverband.

Professor von Rohr empfielt, Grundlagenfächer und Arbeitstechniken im Hauptstudium nicht brach liegen zu lassen: ?Empirik für die Erhebung von Primärdaten, Fernerkundung zur Erschließung zusätzlicher Datenquellen, Statistik, mit der die Primärdaten aufbereitet werden und schließlich die Kartographie als Hilfsmittel, räumliche Phänomene darzustellen."

Wichtig ist die Wahl der Nebenfächer im Magisterstudium, beziehungsweise die der so genannten Anwendungsfächer im Diplomstudium Geographie. Für viele Berufe – sei es im Umweltschutz oder in der räumlichen Planung - sind die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften relevant. Außerdem sollten Studenten viele Praktika absolvieren. Der Geographenverband hilft bei der Vermittlung von Plätzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.03.2002