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Sprunghafter Artist

Von Tobias Moorstedt
Michael Büttner, Chef der Unternehmensberatung Capgemini, vergleicht seinen Beruf mit seinem Hobby ?Moto Trial?-Fahren. Hinsetzen, findet er, sollten man sich erst, wenn die Aufgabe gelöst ist. Ein Besuch auf der Rennstrecke mit dem Firmenchef.
Michael Büttner gleicht sein Büro-Leben als "Moto Trial"-Fahrer aus.
Er blickt über die hügelige Landschaft vor den Toren von Wien. Die Sonne steht tief am Himmel und kann die Schuttberge, die blattlosen Wälder mit ihrem milchigen Licht kaum erhellen. Leichter Sprühregen weht vom Himmel herab. Er kneift die Augen zusammen: Wo andere Menschen nur die recht reizlose Peripherie der österreichischen Hauptstadt sehen, da tut sich vor den Augen von Michael Büttner ein großer Spielplatz auf: Der 48-jährige Unternehmensberater sieht Rampen, Sprungschanzen, Möglichkeiten, zerlegt die Topografie in ihre Bestandteile, in Steine, Stufen, Steilkurven, aus einem Hügel wird eine Aufgabe, die er mit seinem Motorrad bewältigen muss. Büttner zieht dünne, weiße Lederhandschuhe an, setzt den Helm auf und stellt den Benzinhahn auf "on". Dann tritt er drei, vier fünf Mal auf das Kickstart-Pedal, der Motor springt an. Michael Büttner lässt den Motor aufheulen, fährt zweimal im Kreis, bevor er hinter einem steilen Hügel verschwindet.Michael Büttner, Doktor der Wirtschaftswissenschaften, dreifacher Vater, leitet seit Januar die Strategie- und Managementberatungsfirma Capgemini in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der gebürtige Wiener hat deshalb nur noch selten Zeit für sein liebstes Hobby, das "Moto Trial"-Fahren, eine Motorrad-Disziplin, bei der es nicht darum geht, eine neue Bestzeit zu erzielen, sondern über einen Hindernisparcours, und ja, Stock und Stein, zu balancieren. Professionelle Trial-Fahrer springen mit dem Motorrad auf einen zwei Meter hohen Felsquader, balancieren über einen dünnen Holzsteg - Artisten mit einem 600-ccm-Motor.

Die besten Jobs von allen

Büttner sagt: "Man steht immer unter Spannung, balanciert zwischen Vorwärtsstreben und Bremsen, wenn man das Gleichgewicht verliert, dann tut es weh."Im Motorzentrum "Driving Camp" nahe der kleinen Ortschaft Pachfurth herrschen schwierige Bedingungen. Tiefer, gelber Kies bedeckt die Wege, auf denen selbst die breiten Reifen einer Maschine einsinken. Der Regen färbt die Granitstufen dunkelgrau und macht sie zu einer rutschigen, tückischen Oberfläche. Büttner, der Strategie-Berater, fährt langsam durch das Gelände, mustert die Oberfläche und schätzt das Risiko ab. "Man muss sich sicher sein, dass man eine Route auch fahren kann. Wenn man erst einmal auf den Stufen ist, kann man nicht mehr absteigen." Acht Jahre alt ist die "GasGas"-Maschine, ein Zweitakter, 600 ccm, "mit viel Sprungkraft" , wie er sagt. Die Chrom- und Lackteile blitzen angriffslustig.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Bike ohne SattelEin Detail fällt selbst dem Laien ins Auge: das "Trial Bike" hat keinen Sattel. Büttner steht während der Fahrt auf den Fußrasten. Hinsetzen, findet er, sollte man sich erst, wenn die Aufgabe gelöst ist.Unternehmensberater haben in der Öffentlichkeit das Image einer Motorrad-Rocker-Bande, die auf ihren lauten Maschinen und mit Hochgeschwindigkeit in ein ruhiges Städtchen kommen (etwa dem Sitz eines Mittelständlers), die Bar betreten (den Konferenzraum) und alles kurz und klein schlagen (Massenentlassung, Verlagerung der Produktion nach Osteuropa etc.). So einfach sind die Dinge nicht, aber "die Leute sagen immer: Consultant und Bike. Das passt", erzählt Büttner und fügt hinzu: "Mit einem Motorrad kann aber man verschiedene Disziplinen ausüben." Man kann mit der Rennmaschine im Asphaltdschungel des Hockenheimrings nach der Ideallinie suchen, oder mit der Motocross-Maschine im australischen Outback so lange über Sanddünen springen, bis einem wieder einfällt, wie sich Freiheit anfühlt. Oder man sucht ruhig und überlegt mit dem "Trial Bike" nach einer Route durchs Gelände.Fahrzeugwahl und Fahrstil als ein Spiegel der Persönlichkeit? Büttner schweigt und lächelt. Aber genau wie er nicht mit Vollgas über Betonpisten rast, "will ich auch nicht in Lösungstrance in einer Firma eintreffen, alle vor den Kopf stoßen und unreflektiert Schema A anwenden", sagt er. Büttner kneift lieber die Augen zusammen, zerlegt die Oberfläche der Firma in ihre einzelnen Segmente und sucht nach dem perfekten (Lösungs-)Weg. "Als Führungskraft kann man nur funktionieren, wenn man die Dinge durchdringt und auf gewisse Grundprinzipien reduziert", sagt er. Transparenz und Zukunftsorientierung, darauf legt Büttner Wert, darauf, dass die Dinge, wie der Wiener sagt, "ein Gesicht haben", eine Identität, eine unverwechselbare Idee.Capgemini gehört mit 83 500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 8,7 Milliarden Euro zu den weltweit größten Beratungsfirmen. In der Region Deutschland/Central Europe Raum erlöste die Firma im Jahr 2007 588 Millionen Euro. Tendenz stark steigend. Capgemini hat sich auf Unternehmenstransformationen spezialisiert, bietet weniger punktuelle Beratung als vielmehr die Begleitung einer Firma von Status A zum Status B. "Das sind oft sehr langfristige Prozesse", sagt Büttner, der jede Beratung mit einem langen Konzernrundgang beginnt. "Ich will die Leute im Vorstand genauso kennen wie die Leute an der Linie", sagt er. Dahinter steht die Philosophie, dass Mitarbeiter den Veränderungen aufgeschlossener gegenüberstehen, wenn sie sich als Teil dieser Transformation empfinden. "Bottum-up statt Top-down" will Büttner die Strategie zusammen mit den "Mitarbeitern vor Ort entwickeln. Dann werden die Berater auch nicht als Gegner der Belegschaft gesehen."Lesen Sie weiter auf Seite 3: Büttner hat eine Schwäche für schweres GerätDer Wirtschaftswissenschaftler Büttner, der so sicher und brillant mit Zahlen spielen kann, hat eine Schwäche für schweres Gerät. Neben seinem Wirtschaftsstudium, "der Karriere-Option", studierte er freiwillig und nebenher auch noch einige Semester lang Forstwissenschaften, lernte Bäume fällen und bestand sogar den Sprengmeisterkurs. "Wenn man sieht, wie ein kleines Stäbchen Dynamit die Erde aufwühlt, bekommt man erst einen Bezug dazu", sagt er. Die erste Karrierestation war dann auch der Chemiekonzern Degussa, wo er als Vorstandsassistent arbeitete. Später war er bei Roland Berger und wechselte dann zu Capgemini. "Der Vorteil des Berater-Jobs ist es", sagt er, "dass man mit jungen Jahren viel Verantwortung hat und mit Wirtschaftskapitänen auf dem Sofa über Strategien spricht." Normale Berufsanfänger, meint Büttner, würden den "Chef nur aus 300 Metern mit dem Fernglas sehen". Der Nachteil an dem Job sei allerdings der hohe Reiseaufwand. Büttner arbeitet in Berlin, Hamburg, Zürich und Wien. "Egal wie schön das Hotel ist, irgendwann verliert man den Bezug zur Realität." Büttner achtet bei sich und auch bei seinen Mitarbeitern darauf, dass "wir höchstens von Montag auf Donnerstag beim Kunden sind und so mehr Nächte zu Hause verbringen als im Feld". Familie, Freunde, Hobbys, Heimat seien wichtig, "damit man nicht sozial denaturiert".Ein kleiner Ausflug mit dem "Trial Bike" zum nächsten Steinbruch oder zum "Driving Camp" hilft, diesem Spielplatz für Erwachsene, auf dem die Menschen mit Formel-Wagen, Hummers und Jetskis den Alltag vergessen. Nach fünfzehn Minuten sind Rennanzug und Motorrad mit Schlamm bedeckt. Büttner betrachtet seine Maschine, streicht über den Reifen und sagt: "Ich mag das symmetrische Reifenprofil, es ist eine kindliche Freude, im Matsch Spuren zu hinterlassen."Wahrscheinlich kommt man nicht so weit wie Michael Büttner, wenn man den Beruf und die Karriere nicht auch ein wenig sportlich nimmt und am Ende jedes Tages als Gewinner dastehen möchte. "Arbeiten ist, als würde man seine Muskeln trainieren", sagt er. Man wird stärker, man sucht sich immer größere Herausforderungen, man muss aufpassen, dass man es nicht übertreibt (und Doping ist natürlich vollkommen tabu!). Büttner schätzt den Ausflug in Natur und Extrembereiche nicht nur als Privatmann, sondern legt Wert darauf, "dass wir ab und zu mal das Büro und den Computer hinter uns lassen": Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts besteht aus Nullen und Einsen, Icons und Pixeln, "da tut es doch gut, wenn man als Team mal eine Kajak-Fahrt unternimmt oder ein Fußballturnier veranstaltet." Büttner sieht Firmensport vor allem als Mittel gegen das "Berater-Bäuchlein", und hält nichts von sportiven Motivationsseminaren im Hochseilgarten und anderer Aerobic-Esoterik sowie den dazugehörigen Slogans "Elf Freunde sollt ihr sein", "Der Star ist die Mannschaft" und natürlich "Just do it". Büttner sagt: "Keiner meiner Kollegen vertraut mir, weil ich ihn einmal aufgefangen habe. Vertrauen entsteht nicht aus Events, sondern aus Experience."Michael Büttner steht gerne auf der Spitze eines Hügels, behält den Überblick. "Ich bin ein visueller Typ", sagt er. Es geht ihm nicht um den Panorama-Blick, sondern um das "echte Schauen-Können", das Sammeln von verwertbaren Informationen. Wenn Büttner, ehemaliger Paraglider, Skilehrer, passionierter Bergsportler, vor oder auf einem Berg steht, dann geht es ihm darum, die Oberfläche zu scannen, Topografie, Material, Dramatik, die Kanten, Buckel, Ecken zu finden und sein Verhalten darauf auszurichten. Das gilt sowohl für den Bergsteiger, der eine Wand hochklettern will, als auch für den Tourenskifahrer, der eine Gletscherabfahrt wagt. "Wenn man sich den Weg gut eingeprägt hat", sagt Büttner, "fällt es leichter, auf das Kommende zu reagieren." Und wenn er Glück hat, dann erlebt Büttner auf dem Bike einen dieser seltenen Momente, in denen "man endlich mal nicht nachdenkt", sondern die Hände von alleine die richtigen Bewegungen durchführen, wenn Intuition und das Muskel-Gedächtnis den Weg finden. In der Psychologie gibt es den schönen Begriff des "Flow". Mihaly Csikszentmihalyi, der den Begriff prägte, nennt folgende Merkmale für den begehrenswerten Zustand: "Wir sind unserer Aktivität gewachsen, wir haben das Gefühl der Kontrolle über unsere Aktivität, die Tätigkeit hat ihre Zielsetzung bei sich selbst, und unsere Sorgen um uns selbst verschwinden."Lesen Sie weiter auf Seite 4: Hang zur Haptik zeichnet Büttners Hobby-Gestaltung ausNach dem Ausflug von der Karriere-Überholspur auf die Schotterpiste lädt Büttner seine Maschine in den Transporter. Auf der Autobahn fährt er ruhig und überlegt, 100 Stundenkilometer Schnitt, auf der linken Spur. "Ich spüre gerne die Maschine", sagt er. Das gilt für das leichte Vibrieren des Motorrad-Lenkers genau wie für sein "MG Midget", das 40 Jahre alte Oldtimer-Cabrio. "Da sitze ich fast auf dem Asphalt", sagt er, "ich spüre den Wind, die Geschwindigkeit, die Kräfte, die wirken, und bekomme einen gesunden Respekt." In dem modernen Transporter hingegen, sagt Büttner, und klopft auf das Plastik-Armaturenbrett, "da merkt man doch gar nicht, dass das Teil zwei Tonnen wiegt".Dieser Hang zur Haptik zeichnet seine Hobby-Gestaltung aus. "Ich arbeite 65 Stunden in der Woche in meinem Kopf", sagt er, "da bin ich am Wochenende froh, in der Garage ein paar Zündkerzen auswechseln zu können, etwas mit den Händen zu machen". Sport und Handwerk sind "reine Defizitbekämpfung", meint Büttner, als Kontrast zur modernen Arbeitswelt, in der man zwischen Internet, Datenbanken und Anwendungsfenstern hin und her schaltet. "Ich habe etwas gegen Scheinwelten", sagt Büttner, gegen die Existenz im Virtuellen, die Playstationisierung der Wirklichkeit. Bei Sportarten wie "Moto Trial", Klettern oder Paragliding lerne man eine Sache mit Konsequenz zu Ende zu bringen, meint Büttner. "Manchmal in der Luft bekommt man ein mulmiges Gefühl und würde lieber aufhören. Aber das geht nicht. Man ist 50 Meter über der Erde. Im Leben gibt es keinen Reset-Knopf", fügt er leise hinzu.
Trial - Was Sie brauchen und wo Sie's probieren könnenRegeln: Anders als beim Motocross wird das Motorrad-Trial im Stehen gefahren. Die Fahrtzeit spielt eine untergeordnete Rolle. Fuß aufsetzen, anhalten, schieben, gar stürzen oder zurückrollen sind Fehler und bringen Strafpunkte.Off-Road-Landschaften: » www.msc-porz.de, » www.msc-herbede.deWeb-Adressen: » www.dmsb.de » www.adac.de/Auto_Motorrad/ » www.trialscentral.com/ » www.pro-moto.eu/trial/pm-trial-team.php » www.welterleben.de
Dieser Artikel ist erschienen am 22.03.2008