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Sprungbrett in die Werbewelt

Jedes Jahr im Sommer trägt der Gesamtverband Kommunikationsagenturen seinen GWA-Junior-Agency-Nachwuchswettbewerb aus - die Gelegenheit für Studierende, ihr Wissen anhand eines fiktiven praktischen Beispiels zu präsentieren und direkte Kontakte mit Designern und Strategen zu knüpfen.
Schweiß auf der Stirn, das Herz rast, die Nerven spielen verrückt: Vorbei ist?s mit der Selbstsicherheit, als die Jury die Preisträger des diesjährigen Nachwuchswettbewerbs für Werber, der GWA Junior Agency, bekannt gibt. "Wir hoffen auf den zweiten Platz", hatte Phillip Sternkopf vom Team Hamburg eben noch verkündet, nachdem er auf der Bühne mit der Präsentation eines Integrationsprojekts für Migranten geglänzt hatte. Aber jetzt sind Bronze und Silber vergeben. Aus der Traum?

Für den 28-jährigen Studenten der Kunstschule Alsterdamm ist klar, wer der Sieger sein wird: Den goldenen "Junior" wird wohl das Frankfurter Team mit seinem Fundraisingprojekt für die Stiftung Pfadfinden gewinnen. Tick, Trick und Track und Fähnlein Fieselschweif - mit diesem Klischee wollten die Frankfurter aufräumen und sorgten mit originellen Ideen wie provozierenden Schülerdemos und "Erpresserbriefen" für Begeisterungsstürme beim Publikum.

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Unter Hochspannung
Totenstille im Saal der Fachhochschule Wiesbaden "Unter den Eichen", wo der Wettbewerb entschieden wird. Die neun Mitglieder des Hamburger Teams, alle zwischen 22 und 28 Jahre alt, schauen abwechselnd einander oder die weiße Tischdecke vor sich an, wirken gespannt und geknickt zugleich, als der Moderator auf die Bühne tritt, um die Sieger zu verkünden ...

"Hamburg gewinnt" - wie gerne würden sie das jetzt hören. "Hamburg gewinnt" - mit diesem Slogan war das norddeutsche Team drei Monate zuvor noch hoffnungsfroh in den Wettbewerb gestartet. Denn so betitelten die Betriebswirte der Uni und die Kunststudenten vom Alsterdamm ihr Internetforum, das für sie die einzige Möglichkeit bot, vernünftig Kontakt zu halten und aktuelle "Wasserstandsmeldungen" abzugeben. Anfang April erst hatten sie sich für die Integrationskampagne im Rahmen der GWA Junior Agency zusammengefunden.

Die Idee dieses Wettbewerbs: Studierende unterschiedlicher Fakultäten und Hochschulen sollen gemeinsam mit einer Werbeagentur als Coaching-Partner konkrete Fallstudien aus dem Werbealltag strategisch und konzeptionell erarbeiten. So lernen sie in der Praxis Agenturarbeit kennen, üben sich im Team und in der Wettbewerbssituation. Gleichzeitig entstehen wertvolle Kontakte für beide Seiten.

Ernst zu nehmendes Potenzial
"Da wird wirklich was gelernt, und zwar unabhängig vom kreativen Ergebnis", sagt Andreas Mengele, Mitbegründer der Berliner Werbeagentur Heimat und Vorsitzender der unabhängigen Wettbewerbsjury. Es gehe darum, wie man an eine Aufgabe herangeht, wie man ein Projekt organisiert, wie man auch unterschiedliche Überzeugungen kanalisiert, wie man von der Strategie zur Kreation findet. "Ich kenne keinen anderen Wettbewerb, der den Nachwuchs so ernst nimmt."

Umgekehrt ist das nicht anders: "Wir sind sehr ambitioniert an die Sache herangegangen", sagt Betriebswirtin Ann-Kathrin Geertz, die zusammen mit ihrem Kommilitonen Niclas Wagner und Kunststudent Phillip Sternkopf das Hamburger Team und sein Projekt in Wiesbaden präsentiert hatte. Für die Aktion Gemeinsinn erarbeiteten die Studenten die Kampagne "Integration von jungen Migranten", die dem Verein unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten gleichzeitig ein jugendlicheres Image verschaffen soll.

Einmal wöchentlich traf sich die Studentengruppe für ein bis zwei Stunden. Und redete hauptsächlich. Über die Strategie. Über die Kreation. Über die Präsentation. Als Coaching-Partner stand ihr die Hamburger Agentur Publicis zur Seite. Deren Account Director Malte Ploghöfft hinterfragte die Ideen, lenkte die Kreation, gab Tipps für Spannungsbögen. "Es macht Spaß zu sehen, wie die Studenten noch ganz frei sind im Denken und gleichzeitig wissbegierig", betont er.

Knifflige Integration
Umsichtig gingen die Teammitglieder an die Sache heran, recherchierten Fakten und diskutierten das "knifflige Thema", das für sie politisch und moralisch "schon abgedroschen" war und bei dem sie "niemandem auf die Füße treten" wollten. "Unser Problem war, keinen eigentlichen Kunden zu haben und Integration zu vermitteln, ohne das Wort auszusprechen", erklärt Phillip Sternkopf.

Ihr Ansatz: Jugendliche zwischen den Stühlen, die Misserfolg, Misstrauen und Zurechtweisung erleben, die perspektivlos, unsicher und frustriert sind. Aber von Anerkennung und Erfolg träumen, die berühmt sein wollen. Ihre Idee: Musik als Schlüssel, um Jugendliche selbst zu Wort kommen zu lassen, Selbstvertrauen zu geben, auf Augenhöhe zu kommunizieren, Identifikationsraum zu schaffen, sie selbst von Integration berichten und voneinander lernen zu lassen. Ihre Umsetzung: "WeMix" - ein Label das integriert.

Festival als Höhepunkt
"Misch mit", "Dichte uns dicht", "Reim dich rein", "Gib mir Rap": Mit diesen Claims will das Hamburger Team für die Aktion Gemeinsinn Jugendliche ins Internet locken. Dort können sie zusammen, "als multikulturelle Gemeinschaft" sozusagen, ein Album auf die Beine stellen. Texten, Beats produzieren, diskutieren, abstimmen, Cover-Design entwickeln - so entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das in ein Live-Event gipfelt, ein Festival, "das deiner Stimme Gehör verschafft". So wollen es die jungen Kreativen.

Eine bestechende Idee. Das finden auch Werbemann Malte Ploghöfft und das Wiesbadener Publikum. Doch was sagt die Jury? Der Moderator auf dem Podium macht es spannend, als er die Sieger des goldenen "Junior" verkündet: "Sie kommen aus einer Stadt, deren Bundesligaklub in der vergangenen Saison fast abgestiegen wäre - Hamburg gewinnt." Schweiß auf der Stirn, das Herz rast, die Studenten spielen verrückt: Sie springen auf, jubeln, drängen auf die Bühne, können es kaum fassen.

Agenturen auf der Pirsch > Auch die Pfadfinderidee wird prämiert, mit dem Publikumspreis. Drei weitere Teams profitieren "nur" von ihrer Teilnahme. Die hat es in sich, nicht nur wegen des Erlebnisses, in solch einer Atmosphäre präsentieren zu dürfen. Hier suchen die Werbeagenturen auch den Kontakt zum Nachwuchs. Texter, Designer, Berater sind gefragt wie seit Jahren nicht mehr. Denn der deutsche Werbemarkt hat sich kräftig erholt, rechnet für 2007 nach dem Überspringen der 30-Milliarden-Euro-Hürde bei den Investitionen im vergangenen Jahr mit einem Zuwachs von weiteren zwei Prozent.

Keine Frage, dass verschiedene Agenturen nach den Hamburger Studenten bereits die Fühler ausgestreckt haben. "Bei der Feier am Abend haben wir fleißig Visitenkarten getauscht", erzählt Phillip Sternkopf begeistert. "Die Stimmung war sehr gut, ideal um neue Netzwerke zu knüpfen."

Vielleicht war es aber auch der reale Startpunkt für "WeMix". Denn Dieter Schweickhardt, Kuratoriumsmitglied der Aktion Gemeinsinn, will einen Weg finden, um diese Kampagne Wirklichkeit werden zu lassen: "Ich wünsche mir, dass das junge Team die Gelegenheit erhält, seine Ideen Bundespräsident Horst Köhler zu zeigen." Am 17. Oktober, wenn der Verein sein 50-jähriges Bestehen feiert, wäre dazu die Gelegenheit. Mit Präsentationen kennt sich das Hamburger Team ja bestens aus. Und mit allen ihren Nebenwirkungen: Schweiß auf der Stirn ...

Internet: www.gwa.de
Dieser Artikel ist erschienen am 16.10.2007