Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Sprungbrett für Aufseher

Von Marietta Kurm-Engels und Klaus Engelen
Der Wechsel von BIZ-Direktor Malcolm Knight zur Deutschen Bank bewegt die Gemüter. Eine "Verwilderung der Sitten" sei der Wechsel des Bankenaufsehers in die Finanzindustrie, sagen Kritiker. Denn Knight hatte jahrelang Zugang zu wichtigen Daten der Konkurrenz.
BIZ-Chef Malcolm Knight wechselt zur Deutschen Bank. Foto: Reuters
FRANKFURT. Der Wechsel des Generaldirektors der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Malcolm Knight (64), in die Spitze der Deutschen Bank stößt in Aufsichts- und Notenbankkreisen auf heftige Kritik. Im Baseler Notenbank-Turm herrscht Betroffenheit. "So etwas schadet der Reputation unserer Institution", verlautete aus der BIZ. Unverständnis äußern Experten insbesondere daran, dass Knight ohne Sperrfrist bei seinem neuen Arbeitgeber anfangen kann. Kritiker fordern, Knight müsse jetzt seinen Schreibtisch bei der BIZ sofort räumen.Die Baseler "Bank der Notenbanken" hatte am Freitag bekanntgegeben, dass Knight Ende September aus der BIZ ausscheidet, um am 6. Oktober als Vice Chairman bei der Deutschen Bank anzufangen. Laut Vertrag hätte er bis Ende Juni 2009 an der Spitze der BIZ gestanden. Bei der Deutschen Bank werde er im Auftrag des Vorstands in enger Zusammenarbeit mit der Spezialeinheit der Bank für Aufsichtsfragen die Beziehungen mit den Aufsichtsbehörden und den Zentralbanken koordinieren, kündigte das Institut an. Der Kanadier wird direkt an Vorstandschef Josef Ackermann berichten. Unmittelbare Managementfunktionen übernimmt er nicht.

Die besten Jobs von allen

Der Unmut über Knights Wechsel ist umso größer, als sich für die BIZ damit ein Stück Geschichte wiederholt. Bereits beim Amtsantritt von Knight im April 2003 sorgte sein Vorgänger Andrew Crockett für große Bestürzung, weil er zur US-Investmentbank JP Morgan wechselte und damit als erster BIZ-Generaldirektor in die Finanzindustrie ging. Nun habe die Verwilderung der Sitten auch die BIZ erreicht, lamentierte schon damals ein ranghoher deutscher Aufseher. Crockett habe sich "von der Finanzindustrie für den Abwehrkampf mit Aufsicht- und Regierungsinstanzen sowie das Neugeschäft kaufen lassen".Nun scheint die Abkehr von früher üblichen, ungeschriebenen Verhaltensnormen fortzuschreiten, befürchten Kritiker. Zu diesen gehöre bei einem Wechsel insbesondere die Einhaltung einer Sperrfrist, wie sie in der Privatwirtschaft üblich ist.Die BIZ hingegen stellte klar, dass Knights Wechsel durch ihren Verhaltenskodex gedeckt und vom Verwaltungsrat abgesegnet sei. Außerdem sei der scheidende Generaldirektor mit Blick auf BIZ-Interna zur Vertraulichkeit verpflichtet.Das dürfte viele Wettbewerber der Deutschen Bank nicht beruhigen. Denn mit Knight wechselt ein Mann in die Dienste einer privaten Bank, der Jahre lang Zugang zu wichtigen Informationen über die Konkurrenten seines neuen Arbeitgebers hatte. Er ist zudem bestens darüber informiert, was die Bankenaufseher derzeit auf globaler und nationaler Ebene planen, um die aktuelle Finanzkrise aufzuarbeiten. Deutsche-Bank-Chef Ackermann bringt es auf den Punkt, wenn er mitteilt, Knight verfüge "über einen reichen Erfahrungsschatz in Bezug auf die internationalen Finanzmärkte, der in schwierigen Zeiten von besonderem Wert ist". Was sich die Deutsche Bank diesen Erfahrungsschatz kosten lässt, ist offen. Dass es Knight finanziell nötig hat, ohne "Anstandspause" den Schritt in die Finanzindustrie zu gehen, halten Kritiker allerdings für ausgeschlossen.Helmut Siekmann, Professor für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht an der Universität Frankfurt, plädiert "grundsätzlich für eine Frist, innerhalb derer Beamte und sonstige hauptberufliche Amtsträger nicht für ein Unternehmen und sonstige Einrichtungen tätig werden dürfen, die entweder ihrer Aufsicht unterlegen haben oder mit denen sie in Ausübung ihres Amtes befasst gewesen sind". Entsprechendes sollte für supranationale und internationale Einrichtungen gelten. Für die Wartezeit sei eine angemessene Ausgleichszahlung zu leisten.Wenn mit Knight zum zweiten Mal ein "BIZ-General" ins private Lager wechselt, ist man in Basel auch noch aus einem anderen Grund alarmiert. Denn ein großer Teil der BIZ-Einnahmen stammt aus Guthaben, die Notenbanken bei ihr halten - Währungsreserven, um deren Anlage internationale Großbanken mit der BIZ konkurrieren. Bei seinem Wechsel zur Deutschen Bank könnte Knight wie auch Crockett vor fünf Jahren Notenbank-Kunden aus Schwellenländern gleich mitnehmen, so die Befürchtungen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.06.2008