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Sprung in die Lehre

Liane Borghardt
Aus Liebe zum Beruf nehmen deutsche Nachwuchswissenschaftler fast alles in Kauf: steinige Qualifikationswege, unsichere Karriere-Aussichten, befristete Verträge und Lehraufträge ohne Lohn. Die Hochschulen sparen auf Kosten williger, billiger Dozenten. Doch wer Exzellenz will, darf so nicht weitermachen, warnen Experten und Betroffene.
Aus Liebe zum Beruf nehmen deutsche Nachwuchswissenschaftler fast alles in Kauf: steinige Qualifikationswege, unsichere Karriere-Aussichten, befristete Verträge und Lehraufträge ohne Lohn. Die Hochschulen sparen auf Kosten williger, billiger Dozenten. Doch wer Exzellenz will, darf so nicht weitermachen, warnen Experten und Betroffene

Zehn Jahre lang sah es so aus, als stünde Jörg Türschmanns akademischer Karriere nichts im Wege. Nach dem Studium hatte der Literatur- und Medienwissenschaftler der Uni Göttingen erst mal den Rücken gekehrt und in der Filmproduktion gearbeitet. Nach zwei Jahren holte sein ehemaliger Professor den begabten Absolventen für ein Forschungsprojekt zurück. "Leider", sagt Jörg Türschmann heute. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter verfasste er eine exzellente Doktorarbeit, später seine Habilitationsschrift an der Uni Mannheim als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Die besten Jobs von allen


Heute, drei Jahre nach der "Habil", pendelt der geschätzte Kollege Türschmann zwischen Göttingen und Mannheim, gibt Kurse in Sprach- und Medienwissenschaften, spanischer und französischer Literatur oder bei Bedarf auch in Film- und Kulturwissenschaften. Türschmann unterrichtet ebenso viel wie ein Professor, korrigiert genauso viele Hausarbeiten und sitzt in denselben Mitarbeiterversammlungen. Mit einem Unterschied: Der 43-Jährige verdient weniger als eine studentische Hilfskraft

Hartz IV statt C 4
Um die 20 Euro brutto pro Unterrichtsstunde bekommen so genannte Privatdozenten wie Türschmann an deutschen Hochschulen, in vielen Fällen gar nichts. Sie haben promoviert, sich mit der Habilitation für eine Professur qualifiziert und befinden sich in der Warteschleife für einen Lehrstuhl - ein Ziel, das oft unerreicht bleibt. Bei Krankheit oder in den Semesterferien sehen Privatdozenten als Honorarkräfte keinen Cent. Statt vom angestrebten Professorengehalt leben sie von Hartz IV - oder finanzieren, wie Familienvater Türschmann, ihren anspruchsvollen Beruf mit dem Einkommen des Partners

Lehre für lau hat an Deutschlands Universitäten Tradition. Einst stand sie für "Fürsorge" statt Ausbeutung: Habilitierte sollten bis zur Berufung auf eine C3- oder C4-Stelle die Bodenhaftung behalten. Schließlich war der Anschluss in den 60er oder 70er Jahren noch garantiert. Heute hat Türschmann Kollegen, die seit zwölf Jahren gratis arbeiten, um wenigstens ihren Status als Privatdozent zu behalten. "Je länger man an der Uni bleibt, desto mehr hofft man, dass die eine passende Stelle doch noch auftaucht. Wir sind zu hundert Prozent erpressbar", beschreibt Türschmann den Wahnsinn.

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Privatdozenten und außerplanmäßigen Professoren von 2.400 auf knapp 5.000 verdoppelt. Wie viele Schicksalsgenossen Türschmann wirklich hat, liegt im Dunkeln. Die Statistiker sprechen von Untererfassung, der Hochschulverband von "Heerscharen von Privatdozenten". Fest steht nur eins: Die klammen Hochschulen brauchen Lehrkräfte wie Türschmann - ordentliche Stellen bieten sie ihnen nicht

Ewige Junioren
Mit voller Wucht bekommt die nachrückende Wissenschaftlergeneration ab, was in der deutschen Hochschulpolitik schief läuft: Der so genannte akademische Mittelbau wird stetig abgeschmolzen - zugunsten neuer Juniorprofessuren, hieß es einst. Doch davon kann keine Rede sein. Viele ersetzen lediglich Altersabgänge. Akademische Ratsstellen, lange Zeit Alternative zur Lebenszeitprofessur, werden gestrichen. Und für die Juniorprofessur mit ihrer Altersbegrenzung von 36 Jahren sind Habilitierte mit Anfang 40 zu alt. Jobs gibt es ohnehin nicht genug. 6 000 Juniorprofessuren, so der Plan von Ex-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, sollten die Unis binnen sechs Jahren schaffen und es Promovierten ermöglichen, ohne Habilitation zu forschen und zu lehren. Fünf Jahre sind jetzt herum und gerade mal 600 Juniorprofessoren wurden eingestellt

Das Nebeneinander von Juniorprofessur und Habilitation verunsichert zusätzlich: So arbeitet laut einer Studie der Berliner Jungen Akademie jeder sechste Juniorprofessor parallel an seiner Habilitationsschrift, um seine Chancen auf eine Vollprofessur nicht zu schmälern. In den Geisteswissenschaften ist es sogar jeder dritte. Sichere Aussicht auf Festanstellung haben die auf sechs Jahre befristeten Juniorprofs alle nicht

"Stellenstreichungen und dabei noch ,Exzellenz' erwarten - das wird sich rächen", wettert Bernhard Kempen vom Deutschen Hochschulverband. Auch das neue Besoldungsrecht für Professoren sei ein falsches Signal vom Gesetzgeber. Ein paar hundert Euro Prämie, wie sie derzeit für besonders gute Lehre und Forschung aufs Fixum gezahlt werden, sind kein Leistungsanreiz. Das Politgerede von Aufbruch und Innovation konnten Biologe Armin Pscherer und sein Kollege Meinhard Hahn angesichts der Berufsrealität nicht mehr hören. Sie gründeten die Interessenvertretung "Wir wollen forschen - in Deutschland". Denn viele Nachwuchswissenschaftler sind bereits ausgewandert (siehe auch Manifest "Pro Science"). Post-Doktorand Pscherer leitet eine Gruppe aus Diplomanden und Doktoranden am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Gerne würde er weiter als leitender Wissenschaftler arbeiten, doch solche Stellen gibt es in der deutschen Akademia nicht. Deshalb arbeitet auch der 40-Jährige nun an der Habilitation. Obwohl Pscherers Forschungsprojekt über mehrere Jahre über Drittmittel finanziert ist, muss er fürchten, dass die "Fristenregelung" ihn vorher aus seinem Job drängt. Sie schreibt vor, dass die Qualifikationsphase von Promotion und Habil nicht länger als zwölf Jahre dauern darf. Darüber hinaus dürfen Wissenschaftler ab 2008 nicht auf befristeten Stellen beschäftigt werden

Dieser Regelung "verdankt" auch Jörg Türschmann sein Dasein als Privatdozent. Zwei befristete Verträge verweigerte man ihm aus Sorge, er könne sich künftig auf eine feste Stelle einklagen. Eigentlich gut gemeint war diese Bulmahnsche Gesetzesnovelle, die Kettenverträge vermeiden sollte. Genauso wie die Privatdozentur mal gut gemeint war, aber ebenso wie die Reformversuche Juniorprofessur oder W-Besoldung nicht im Sinne des Erfinders wirkt. "Vielleicht könnte man vor Gesetzesänderungen mit uns sprechen, statt hinterher einzuräumen: ,Wir waren uns der Brisanz für die Forschung nicht bewusst'", beklagt Pscherer. Er hofft, dass das neue Bildungsministerium um Annette Schavan die Fristenregelung modifiziert. "Damit wir endlich arbeiten können, ohne dass uns ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.

Vergeudete Talente
Mit welcher Verve sich der wissenschaftliche Nachwuchs noch immer in die Arbeit stürzt, zeigt eine Studie des Doktorandennetzwerks Thesis. Von 10.000 Befragten gibt das Gros Spaß an der Forschung als Hauptgrund für die Promotion an. "Das zeigt, dass sich die meisten eine wissenschaftliche Laufbahn vorstellen können. Aber kaum einer sagt: Ich werde Professor. Das ist für viele illusorisch", sagt Thesis-Vorsitzender Max Reinhardt.

Reinhardts Vorstands-Vorgänger Harald Völker, der demnächst seine Habil in Romanistik beendet, will auf keinen Fall als erwerbsloser Privatdozent arbeiten. Eher macht er sich als Consultant selbstständig oder weicht ins Schullehramt aus. Das Bild vom "verkrachten Wissenschaftler" lässt Völker nicht gelten. Sein Berufsstand sei hoch motiviert, bestens qualifiziert und absolut krisenfest. "Nicht jeder Politiker, der kein Bundeskanzler geworden ist, ist gescheitert." So fordert Völker mehr "Funktionsstellen" für die Unis, beispielsweise Institutsmanager, die sich um vernünftige Personalplanung kümmern. "Mit der Unprofessionalität vieler Institute und Seminare würde jedes Wirtschaftsunternehmen untergehen.

Privatdozent Jörg Türschmann betont, was andere verschweigen: "Ich bin jahrelang mit Steuergeldern ausgebildet worden." Verpulverte Ressourcen, sollte er den Hochschulbetrieb verlassen. Noch zwei Jahre will er versuchen, einen Ruf auf einen Lehrstuhl zu bekommen. So lange lädt er sich "bei Konferenzen oder durch die Arbeit mit Studenten positiv auf". Denn trotz aller Widrigkeiten - Türschmann liebt seinen Beruf

Drum prüfe, wer sich ewig schindet
Uni-Karriere? Das sollten Sie mitbringen:

  • Forscherdrang: Die wissenschaftliche Laufbahn ist Berufung. Wer sie vor allem aus Statusgründen einschlägt, hält sie nicht durch.
  • Selbstvertrauen: Was kommt nach Postdoc-Stipendium oder Juniorprofessur? Sicherheiten gibt es in der Akademia meist nur für zwei, drei Jahre.
  • Totale Mobilität: Die eine passende Stelle kann in Kiel, Konstanz oder Kanada ausgeschrieben sein. Da muss man hinwollen - und der Partner auch.
  • Frustrationstoleranz: Scheitern gehört zur Wissenschaft. Doch Befristungen und Berufungen infolge von Seilschaften killen zusätzlich Motivation.
  • Genügsamkeit: Tausende Privatdozenten lehren für lau, die Grundbesoldung von Professoren reicht von 3.400 bis 4.700 Euro. Wer viel Lebenseinkommen will, ist in der Industrie besser aufgehoben.
Manifest Pro Science
Forderungen der Nachwuchsforscher im Ausland an die deutsche Politik:
  1. Auswahl der Besten
    Weg von: engen Stellenausschreibungen
    Hin zu: international offenen Bewerbungsverfahren
  2. Karrierechancen für den Nachwuchs
    Weg von: befristeten Verträgen ohne Perspektive
    Hin zu: reellen Aussichten auf Festanstellung bei entsprechender Leistung
  3. Leistungsgerechter Wettbewerb
    Weg von: Geldvergabe nach Gießkannenprinzip
    Hin zu: Förderung von Spitzenforschung
  4. Mehr Forschung
    Weg von: Frontalunterricht und Bürokratie
    Hin zu: mehr Zeit für die Forschung und besserer Einbindung der Studenten
  5. Internationalität
    Weg von: Ausgrenzung durch deutsche Hochschulsprache
    Hin zu: Wissenschaftssprache Englisch
  6. Studiengebühren
    Weg von: Gratis-Studium ohne Leistungspflicht
    Hin zu: Studiengebühren nach dem Prinzip Leistung und Gegenleistung
Eine ausführliche Version des Manifests Pro Science sowie die Liste aller Unterzeichner wurde erstmals in der Oktober-Ausgabe von karriere veröffentlicht und liegt den Wissenschaftsministerien der Länder sowie dem Bundesbildungsministerium vor. Die Langfassung des Manifests und eine Liste der Forscher, die es bereits unterstützen, finden Sie im Internet unter www.karriere.de/proscience
Dieser Artikel ist erschienen am 02.03.2006