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Sprachmaschine der Geldpolitik

Von Christoph Nesshöver, Handelsblatt
Am Samstag zieht Jean-Claude Trichet in den Euro-Tower zu Frankfurt ein und tritt sein Amt als neuer EZB-Chef an. Auf den Prunk des öffentlichen Dienstes à la française wird er fortan verzichten müssen. Im Euro-Tower regiert Nüchternheit.
PARIS. Sein einstiger Chef, der Mann, der von Samstag an für acht Jahre als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft entscheidend mitbestimmt, konnte sich nicht vorstellen, dass ein Spitzenbeamter in der Privatwirtschaft reüssieren könnte. Für Trichet selbst kam nie eine andere Karriere als die eines Staatsdieners in Frage. Das mag den misslungenen Ratschlag erklären ? einer der wenigen misslungenen Momente seiner Karriere.Formvollendet verabschiedete sich der 61-Jährige vergangene Woche von der Banque de France (BdF), an deren Spitze er zehn Jahre stand. Die Damen erquickte er mit Handküssen. Die vergoldeten Wände der 40 Meter langen ?Galerie dorée? im Hôtel de Toulouse, dem Sitz der BdF in Paris, funkelten im Licht der Kristallleuchter. Einige wohl gewählte Worte, dann klingelten die Champagnergläser.

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Doch auf den Prunk des öffentlichen Dienstes à la française wird Trichet fortan verzichten müssen. Im Euro-Tower zu Frankfurt regiert Nüchternheit. So fand denn auch der Abschied von EZB-Chef Wim Duisenberg in dem fensterlosen Konferenzraum statt, in dem sonst die Pressekonferenzen abgehalten werden. Nur die Stuhlreihen wurden durch Tische ersetzt.Über 30 Jahre hat Trichet auf den ersten November 2003 hingearbeitet. Und wenn er auch hin und wieder irrte ? beirren ließ er sich nicht. Erst recht nicht von der Politik. Zwar sympathisierte der junge Bretone mit den Sozialisten: Ein politisches Abzeichen ließ er sich dennoch nicht anheften. Als einem der wenigen hohen Beamten in Frankreich gelang es ihm, trotz zahlreicher Regierungswechsel von Paris nie ?in die Wüste? geschickt zu werden. So machte ihn der konservative Finanzminister Edouard Balladur 1987 zum Schatzamtschef. Als dann die Linken 1988 die Macht zurückgewannen, durfte Trichet bleiben.Seine Gegner mögen das als Opportunismus bezeichnen. Seine Freunde sprechen dagegen lieber von guten Argumenten, mit denen er sich am Ende stets durchzusetzen wusste. Für Daniel Bouton, den Chef der Großbank Société Générale, ist Trichet schlicht ?einer der besten Zentralbanker auf der Welt?.Als zum Beispiel Präsidentschaftskandidat Chirac 1995 niedrigere Zinsen von Trichet forderte, um das Wachstum anzukurbeln, blieb der BdF-Gouverneur eisern. Mit einem Stapel Statistiken ging er zu Chirac, um den Tobenden zu überzeugen. ?Ayatollah des starken Francs? schimpften die Medien.Der Franc blieb stark. Und auch in dieser Sache behielt Trichet Recht: Die Wirtschaft Frankreichs war wettbewerbsfähiger geworden und wuchs stärker als die deutsche.Chirac verzieh Trichet ? und ließ sich bekehren. Als Präsident setzte er 1998 gegen den Widerstand von Bundeskanzler Helmut Kohl durch, dass Trichet EZB-Chef Duisenberg vor dem Ablauf von dessen Amtszeit ablösen werde. So wird Trichet von Samstag an beweisen müssen, dass er auch die Geldpolitik der EZB überzeugend führen kann. Von seinen Prinzipien will er dabei nicht abweichen: Das Staatsdefizit zu erhöhen, um die Konjunktur anzukurbeln, hält er für ?einen Fehler?, den Stabilitätspakt zu modifizieren gar für ?gefährlich?. Und die künftigen EU-Mitgliedstaaten, von denen so mancher mit einem Beitritt zum Euro liebäugelt, warnte er: ?Der Euro-Zone tritt man ein für alle Mal bei; austreten kann man nicht mehr.? Das sind selten klare Worte eines Mannes, der in Paris den Titel einer ?verbalen Auster? verliehen bekam. Denn Trichet ist dafür bekannt, immer und zu jeder Zeit seine Zunge unter Kontrolle zu halten (die übrigens sein gutes Englisch widerspenstig mit einem markanten französischen Akzent würzt). Die Erfahrung von fast 50 G7-Treffen hat ihn zu einer geldpolitischen Sprachmaschine gemacht.Die ?semantische Stabilität?, wie er es selbst nennt, mit einem Schuss an kryptischem Zentralbankerslang verbindet Trichet mit Alan Greenspan, dem Chef der US-Notenbank Federal Reserve. Aber da hören die Parallelen der beiden mächtigsten Zentralbankchefs der Welt auch schon auf. Kauzige Allüren wie die von Greenspan, der gerne in der Badewanne Statistiken studiert, leistet sich Trichet keine. Er hört gerne Mozart und liest Gedichte ? hin und wieder schreibt er auch welche.Manchmal aber blitzt auch in der Öffentlichkeit sein Humor auf, der ihn im kleinen Kreis schon einmal zu einem schallenden Lachen zwingt. Als seine Landsleute nach der Einführung des Euro-Bargelds über steigende Preise jammerten, riet er: ?Trinken Sie Ihren Kaffee woanders, und suchen Sie sich einen neuen Friseur. Das habe ich übrigens auch meiner Frau gesagt, als sie sich bei mir beschweren wollte.?Doch der Humor wäre Trichet auf der Zielgeraden nach Frankfurt beinahe verloren gegangen. Im Jahr 2000 eröffnete die Pariser Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen ihn. Als Schatzamtschef soll er Anfang der neunziger Jahre von der Schieflage der Staatsbank Crédit Lyonnais gewusst, sie aber verschleiert haben. Irrte Trichet aus Loyalität zum Staat? Guckte er absichtlich weg?Nachgewiesen werden konnte ihm nichts. Am 18. Juni wurde er freigesprochen. Und alles, was Trichet nach dem dreijährigen Justizmartyrium sagte, war: ?Die Entscheidung der Justiz bewegt mich tief.?Für de Castries, den Mann, der sich 1989 über Trichets schlechten Rat hinwegsetzte, ändert all dies nichts. Respekt habe er vor Trichet, sagt der Axa-Chef. ?Er hat eine sehr fundierte Sicht besonders davon, warum die kontinentaleuropäischen Staaten Strukturreformen benötigen, damit Europa seine lang anhaltende Wachstumsschwäche überwindet. Ich denke, er wird in seiner neuen Funktion die Regierungen unter Druck setzen, die im Reformprozess zurückliegen.? Diese große Aufgabe ist sicher nicht zu klein für Jean-Claude Trichet.Mitarbeit: Norbert Häring, Holger Alich
Dieser Artikel ist erschienen am 30.10.2003