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Sprachlos in Shenyang

Von Finn Mayer-Kuckuk
Ein Einsatz im Reich der Mitte kann Menschen aus dem Westen enorme Aufstiegschancen eröffnen - finanzielle Verbesserung eingeschlossen. Er ist aber nur etwas für Leute, die flexibel und diplomatisch sind - und einen niedrigeren Lebensstandard sowie Umweltverschmutzung in Kauf nehmen.
BMW-Produktion in Shenyang. Foto: dpa
SHENYANG. Senf oder Zahnpasta? Thomas Frank stand im Supermarkt und starrte die Tube an. Sein Retter: das Handy. Er rief einen chinesischen Kollegen an und erklärte, wie die Tube genau aussah. Dank der Fernhilfe kaufte er, was er brauchte ? obwohl sämtliche Tuben im Laden nur mit chinesischen Zeichen beschriftet waren. ?Ich würde jedem für die Anfangsphase empfehlen, immer das Handy mit der Nummer eines chinesischen Kollegen dabeizuhaben?, rät Frank, der in Shenyang für BMW in der Logistik tätig war, 650 Kilometer nordöstlich von Peking.Mit dem Handy löste Frank Probleme in 100 Lebenslagen: Als der Taxifahrer nicht verstand, wohin er wollte, als der Flieger ausfiel, oder als ihn die Polizei anhielt. So wie der Bayer, der von 2003 bis 2006 für BMW in China arbeitete, müssen sich immer mehr Deutsche im Reich der Mitte zurechtfinden. Zwar bietet ein mehrjähriger Einsatz in China große Chancen ? beruflich wie persönlich. Doch zugleich sind zahllose Schwierigkeiten zu überwinden.

Die besten Jobs von allen

Mitarbeiter mit Partner und Kindern stellt der Wechsel nach China vor besondere Herausforderungen. Der Partner findet nicht unbedingt einen angemessenen Job. Für die Kinder gibt es nicht immer eine deutsche oder internationale Schule. ?In letzter Zeit gehen auch immer mehr Europäer in Städte aus der zweiten Reihe?, erzählt Lee Quane, Hongkong-Geschäftsführer der internationalen Personalberatung ECA.In weniger bekannten Städten wie Chongqing am Drei-Schluchten-Damm ? immerhin die größte Stadt der Welt ? oder Dalian nahe der koreanischen Grenze entwickeln sich jetzt die Märkte. Dort baut China die Infrastruktur aus, was deutsche Firmen anzieht. Gerade dort aber droht den Familienmitgliedern besondere Isolation, weiß Quane. In entlegenen Städten gibt es oft keine internationale Schule. Und dort wohnen nur wenig andere Westler, mit denen die Familie ihre Freizeit verbringen kann. In allen Städten ist der Lebensstandard meist deutlich niedriger als in Deutschland, und Luft und Wasser sind verschmutzt. ?Wer zu Asthma neigt, kann in Städten wie Peking echte Probleme bekommen?, warnt Quane.Im Arbeitsalltag gilt: Geduld im Umgang mit den chinesischen Mitarbeitern ist die wichtigste Eigenschaft. Und Feinfühligkeit. ?Eine Assistentin musste mich manchmal unter dem Tisch treten, wenn ich zu direkt zu werden drohte?, erzählt Frank von BMW. Ihn selbst störte, dass sich die chinesischen Mitarbeiter kaum trauten, auch mal eine Entscheidung des Chefs zu kritisieren ? selbst wenn der sich offensichtlich irrte. Auch irritierend: Untergebene in China schauen ihren Chefs nicht in die Augen ? aus Respekt.Personalexperte Quane rät, zumindest ein wenig Chinesisch zu lernen. Das hilft, ein Gefühl für die Sprachbarriere zu bekommen. Chinesen sind neugierig und fassen Ausländer oder ihre Sachen auch mal an. Sie fragen einen Westler auch sofort, wie alt er ist, ob er verheiratet ist, wie viel er verdient. Nur wenige Chinesen stellen sich brav in einer Schlange an ? stattdessen drängeln sie dort, wo es etwas gibt. Und Achtung: Chinesen sind enorm stolz auf ihr Land. Deutsche kritisieren Deutschland oft. Chinesen aber hören nur ungern Kritik an China.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wer laut wird, hat verloren?.Wer sich auf das Reich der Mitte vorbereitet, sollte sich das Land auf jeden Fall vorher genau ansehen. Normalerweise genehmigt das die Firma und lässt den künftigen Expatriate mit seiner Familie vor Beginn des Einsatzes nach China reisen. Auch Sprachkurse für die Familie werden in der Regel bezahlt. Hilfreich: interkulturelles Training, damit man nicht gleich in jeden Fettnapf tritt.Wichtiger noch ist Flexibilität. ?Die chinesischen Kollegen in Schanghai rieten mir als deutschem Manager am zweiten Tag, klar zu führen?, erinnert sich Oliver Brinkmann, der heute in Peking die Geschäfte der Deutschen Bank leitet. Im Kulturkurs hatte er gelernt, nicht zu direkt aufzutreten. In der Wirtschaftsstadt Schanghai hätte ein sanfter Stil aber keine Erfolge gebracht. Nachdem er nach Peking gewechselt war, konnte Brinkmann sein Wissen über ?Gesicht wahren? dann wieder anwenden ? in der Haupt- und Kulturstadt geht es chinesischer zu als in der Geldstadt Schanghai. Um sich auf sein Ziel einstellen zu können, empfiehlt BMW-Mann Frank, ausgiebig mit Kollegen zu sprechen, die bereits vor Ort sind.Doch wer diplomatisch und gelassen auftritt, hat mit all den chinesischen Eigenarten keine Probleme, meint Quane von ECA. Nur: ?Wer laut wird, hat verloren?, warnt der Personalexperte. Mit emotionalen Reaktionen verspielt die Führungskraft Reputation und damit Respekt. Und: Viele Situationen sind einfach zu akzeptieren. So wie sie sind. Darin sind sich China-Erfahrene einig.Für all die Mühen in Fernost gibt es meist etwas mehr Salär als vorher. Das hat den angenehmen Effekt, dass die Expats ihr verfügbares Einkommen deutlich üppiger empfinden als vorher ? denn China ist für sie preiswert. Die Karrierechancen steigen mit der höheren Verantwortung oft steil. Für den 37-jährigen Brinkmann etwa ergab sich vor Ort die Chance, zum Hauptgeschäftsführer für das China-Geschäft der Deutschen Bank aufzusteigen. Er vergleicht: ?Zu Hause hätte ich eine Position mit ähnlich großer Verantwortung nicht so schnell erreicht.?Nach Beobachtung von ECA verbessern dagegen rein technische Einsätze in China die Aufstiegschancen nur wenig. Wenn die Personalplaner den Rückkehrern aber allzu langweilige Jobs anbieten, könnten sie ihren gestiegenen Marktwert meist für einen Gewinn bringenden Wechsel in ein anderes Unternehmen nutzen, beobachtet Quane. Denn eins bestätigen alle China-Veteranen: Wer einmal da war, will wieder dorthin zurück.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2006