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Sprachen lernen unter Hochdruck

Von Pia Weber
Je weiter die Globalisierung vorschreitet, desto selbstverständlicher gehört Fremdsprachenkompetenz zur Basisqualifikation. Sprachurlaub ist nach wie vorher die beliebteste Methode, eine Fremdsprache zu lernen. Doch viele Unternehmen schulen nur noch das obere Management.
?Nachgefragt wird mit weitem Abstand Englisch für den Beruf. Besonders im Trend liegen kombinierte Kurse, nämlich Englisch mit Businesselementen in kleinen Gruppen, oft auch als Einzelunterricht", sagt Barbara Engler, die für die Aktion Bildungsinformation (ABI) in Stuttgart seit Jahren den Markt beobachtet, vor allem den der Sprachreiseanbieter. Mit großem Abstand, stellt sie fest, folgt der Nachfrage nach Englischkursen die nach Trainings in Spanisch und Französisch, vereinzelt taucht auch der Wunsch auf, Chinesisch, Japanisch oder Arabisch zu erlernen.Sprachurlaub ist dabei nach wie vor ?in?, denn die ?Immersion?, also das Eintauchen in eine Sprache und deren Kultur im jeweiligen Land, gilt als effektivste Methode, den aktiven Wortschaft ganz schnell aufzupolieren. Vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen ein Sprachurlaub ein bisschen Unterricht und viel Urlaub bedeutete.

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?Die Kunden fragen vor allem nach Intensiv- und Businesskursen, die 30 Wochenstunden umfassen", sagt Christian Geng, Marketingleiter bei Lisa-Reisen in Leipzig. 30 Stunden Fremdsprachenunterricht bei einer Gruppenstärke von acht Teilnehmern empfiehlt auch ABI für einen Intensivsprachkurs.Doch die Wirtschaftsflaute hat ihre Spuren im Geschäft der Sprachreiseanbieter hinterlassen. Vielfach investieren Unternehmen heute nur noch in die Fremdsprachenkompetenz ihres oberen Managements oder in die besonders benötigter Spezialisten. Gefragt sind dann fast immer maßgeschneiderte Kurse in kleinen Gruppen oder sogar Einzelunterricht und Sprach-Coaching.Mitarbeiter in weniger exponierten Positionen müssen inzwischen selbst investieren und sind deshalb entsprechend sensibel: ?Die Teilnehmer sind sehr preisbewusst geworden und vergleichen die Anbieter sehr intensiv miteinander", hat Eva-Maria Kersch, Product Manager bei EF Corporate Language Training in Berlin, beobachtet.Beim Sondieren des Marktes sollten Interessierte genau hinschauen, welches Angebot ihrer Motivation am ehesten entspricht, rät Sprachreisespezialistin Barbara Engler von ABI. Jeder Veranstalter habe eigene Schwerpunkte. Nicht nur die großen Anbieter seien deshalb interessant, auch mittelgroße hätten attraktive Angebote: ?Bei sehr kleinen Anbietern sollte jedoch geprüft werden, ob genügend Teilnehmer für Sprachkurse auf unterschiedlichem Niveau zusammenkommen", empfiehlt Engler. Ein absolutes Muss sei deshalb ein Einstufungstest.Christian Geng von Lisa hat die Erfahrung gemacht, dass Sprachreisende oft nach dem Mehrwert suchen: ?Sehr gut kommen Businesskurse an, die im Land selbst intensiven Kontakt zu Unternehmen, unter Umständen sogar ein Firmenpraktikum beinhalten.?Auch bei Sprachschülern, die an Präsenzkursen im Inland teilnehmen, steht Effizienz im Vordergrund. René Schwarz, Vorstandsvorsitzender von Inlingua Deutschland, stellt fest, dass die meisten Teilnehmer Kurse besuchten, um beruflich weiterzukommen: ?Inhaltlich befassen sich die Kurse deshalb mit Gesprächsführung, Präsentationstechnik oder mit der Abwicklung von Mailverkehr.?Bei Unternehmen, die Ihre Mannschaften trainieren lassen, ist Bildungscontrolling inzwischen zu einem wichtigen Thema geworden, ergänzt Schwarz: ?Genauso wie selbstzahlenden Teilnehmer wollen auch die Unternehmen wissen, was ihre Investition gebracht hat.? Regelmäßige Tests während des Unterrichts sind deshalb genauso wichtig geworden wie Abschlussprüfungen, auf die aufgebaut werden kann.Konsequent hat Inlingua deshalb seine Lehrmaterialien abgestimmt auf die europäischen Sprachkompetenzstufen des Common European Framework.Die Sprachschule Berlitz hat in Deutschland eine Befragung unter 1  000 Kunden, externen Sprachschülern, Mitarbeitern und Dozenten gemacht und kam zu dem klaren Ergebnis: ?Ein knappes Zeitbudget effektiv einzusetzen, ist der Hauptanspruch beim Spracherwerb geworden.?. Die Programme sollen intensiv sein, erklärt Geschäftsführerin Annette Fuchs, ?dabei aber so flexibel bleiben, dass die Teilnehmer ihr Pensum selbst einteilen können.? Außerdem sollten sie praxisnah und dem jeweiligen Lerntyp angemessen sein.Auf seine Befragungsergebnisse hat Berlitz nun mit einem neu gestalteten Englischprogramm reagiert, das wie ein Baukastensystem aufgebaut ist. Außerdem werden multimediale Materialien eingesetzt, wie etwa ein Internetauftritt zum Einüben von englischen Recherchen im Netz, eine Audio-CD oder eine CD-Rom mit 40 Stunden Grammatikübungen. ?Die Fähigkeit, aktiv in der Fremdsprache zu kommunizieren, steht im Vordergrund. Diese Kompetenz unterstützen wir mit einer Mischung an Lernformen und Medien?, betont Fuchs.Wer keinen Sprach- oder Präsenzkurs buchen will, kann aber auch gänzlich online an die Sache herangehen: Bei www.englishtown.com können Sprachschüler für eine monatliche Lizenzgebühr wie im Sprachlabor Konversation hören, Übungen absolvieren und mit Kommilitonen oder Onlinelehrern in Kontakt treten.Das einmal unter dem Stichwort ?blended learning? erdachte Konzept, bei dem überwiegend Online- Lehrformen miteinander kombiniert werden, ist als Möglichkeit des Selbststudiums sehr gefragt, hat allerdings auch seine Grenzen, wie Eva-Maria Kersch betont: ?Sehr im Alltagsgeschäft eingespannte Manager haben oft keine Lust mehr, die knappe Freizeit am Abend vor dem Computer fürs Sprachenlernen zu nutzen.? Diese Zielgruppe nimmt lieber eine Woche konzentrierten Unterricht während des Urlaubs in Anspruch.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.05.2004