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Spießrutenlauf zum Präsidentensessel

Von Oliver Stock
Heute soll Peter Brabeck bei Nestlé Rainer E. Gut als Aufsichtsratschef ablösen. In der Schweiz hat diese Personalie für großen Unmut gesorgt: Ein Gruppe von Aktionären stellt sich gegen Brabecks Ambitionen auf eine Doppelrolle als Vorstand und Aufsichtsrat.
HB VEVEY. Der Mann mit der hohen Stirn und den tief liegenden Augen ist Aufsichtsratschef ? oder wie es in der Schweiz heißt: Verwaltungsratspräsident ? von Nestlé. Das ist jener Lebensmittelkonzern, in dessen Reich die Sonne niemals untergeht, mit mehr als 500 Fabriken in 82 Ländern. 250 000 Mitarbeiter produzieren von Pernod über Nescafé bis Maggiwürze so ziemlich alles, was Durst und Hunger stillt.Beim 72-jährigen Gut hat der Konzern vor allem dessen Machthunger gestillt. Und es sieht so aus, als würde das Amt, das Gut jetzt an Nestlé-Chef Peter Brabeck weiterreichen soll, dazu dienen, auch dessen Machthunger zu befriedigen.

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Fünf Jahre haben Gut auf dem Präsidentensessel und Brabeck als CEO Zeit gehabt, sich auf eine Nachfolgeregelung zu verständigen. Mehr als jene Lösung, Brabeck künftig eine Doppelrolle zuzumuten, ist den beiden nicht eingefallen. ?Der Kandidat muss eben ein Profi sein, der zur Wertschöpfung des Unternehmens beiträgt?, erklärt Brabeck. ?Die personelle Konstellation im Verwaltungsrat? mit krankheitsbedingten Abgängen habe das Doppelmandat nahe gelegt, meint Gut.In der Schweiz hat diese Personalie in den vergangenen Wochen allerdings für Unmut gesorgt. Fünf Pensionskassen, allesamt Nestlé-Aktionäre, haben sich unter dem Dach der Anlagestiftung Ethos zusammengefunden und wollen bei der Generalversammlung einen Antrag stellen, der Brabecks Ambitionen zunichte machen soll.Eine echte Chance haben die Revolutionäre nicht ? dazu fehlt ihnen bei weitem die nötige Stimmenmehrheit. Die Chuzpe, mit der sie vorgehen, irritiert jedoch die Machtmenschen Gut und Brabeck so sehr, dass sie in hektische Aktivität verfallen. Während der eine im Hintergrund die Getreuen zählt, macht der andere in der Öffentlichkeit seinem Ärger Luft. In einem Interview ließ Brabeck wissen, dass ein Vorstand und ein Aufsichtsrat, die auf einer Generalversammlung mit ihren Anträgen scheiterten, ihre Aufgabe nicht länger wahrnehmen könnten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gut und Brabeck pflegen einen ähnlichen Führungsstil.Seine Äußerungen waren so zweideutig, dass sich Nestlé einen Tag nach Erscheinen des Interviews genötigt sah klarzustellen: Das sei keine Rücktrittsdrohung gewesen. Überhaupt habe der Konzern nicht die Absicht, den Meinungsbildungsprozess bei seinen Aktionären ?durch Drohungen zu beeinflussen?.Zweifel an dieser Feststellung sind angebracht. Gut ist ein Mann der alten Schule ? im guten wie im schlechten Sinne. Er sagt, wo es langgeht. Die anderen folgen, was in Krisenzeiten sein Gutes hat. 1977 gelangte er an die Spitze der Credit Suisse, die damals noch Kreditanstalt hieß, und drohte im Strudel einer Geldwäscheaffäre unterzugehen. Er räumte auf und führte die Bank in die Topliga des globalen Bankings, indem er in den 80ern das US-Investmenthaus First Boston erwarb. Dass ihn dieser Kauf in den nächsten Jahren viel Geld kostete, seine Russlandgelüste Milliardenverluste hinterließen und sein Ausflug in die Versicherungsbranche mit der Winterthur ein Loch in die Kasse der Credit Suisse gerissen hat, all das ärgert die Aktionäre der Großbank noch heute.Über seine Fehler schweigt Gut lieber. Sein lausiger Umgang mit Transparenzvorschriften, wie sie im Zuge der Corporate-Governance-Diskussion entwickelt wurden, führte dazu, dass sich Credit Suisse genauso wie Nestlé bis zuletzt gegen die Offenlegung der Managergehälter gesträubt haben. ?Dass der Sache gedient ist, wenn man weiß, wie viel der Spitzenverdiener im Verwaltungsrat bezieht, bezweifele ich?, sagt Spitzenverdiener Gut. Sein Vermögen in der Schweiz wird auf bis zu 200 Millionen Franken geschätzt. Für den alten Kämpen gibt es nur Freund oder Feind: Die Kritiker um Ethos bezeichnet er als ?Gegner?, obwohl sie doch Miteigentümer jenes Unternehmens sind, dem er bis heute vorsteht.Peter Brabeck ist ihm darin nicht unähnlich. Zwar ist der Österreicher, der mit seinem makellosen Teint immer ein wenig an den Agenten Ihrer Majestät erinnert, zehn Jahre jünger und deshalb wohl auch gewohnt, einen smarteren Umgang mit der Öffentlichkeit zu pflegen. Doch auch Brabeck lässt nie Zweifel, wer in der gläsernen Zentrale des Weltkonzerns am Genfer See das Sagen hat. Während seiner raren Aussagen zur Geschäftslage thront er stets genau in der Mitte zwischen seinen zehn Vorstandskollegen. Einzig vor ihm steht dann kein Namensschild. Seine Kollegen ergreifen nur das Wort, wenn sie von ihm dazu aufgefordert werden. Seine Verdienste stellt niemand in Frage. ?Nestlé ist ein glänzend geführtes Unternehmen?, sagt selbst Dominique Biedermann, Direktor der Anlagestiftung Ethos.Doch was treibt ihn, nun auch noch den Sessel des Verwaltungsratspräsidenten einnehmen zu wollen? Ein Berner Politiker, dem der größte Nahrungsmittelkonzern seines Landes am Herzen liegt, verweist auf den menschlichen Faktor: ?Irgendwann?, sagt er, ?übertreiben s? halt immer ein bisschen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2005