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Spielregeln fürs Praktikum

Katja Stricker, Heft 06/06
Sommerzeit ist Praktikumszeit. Was Studenten während der Stippvisite in der Berufswelt bei Kranken- und Rentenversicherung, Steuern und Bafög beachten müssen ? und wie viel Kohle es gibt.
Astrid Richter hat mit ihrem Praktikum einen echten Glücksgriff getan. Sechs Monate arbeitet die Innenarchitektur-Studentin aus Trier in der Abteilung Szenenbild bei der Daily Soap ?Verbotene Liebe? in Köln-Ossendorf. Ihr Gestaltungstalent kann sie dabei voll ausleben: Von der eleganten Schlossküche bis zur hippen Teenie-WG ? in fast 40 verschiedenen Sets kann die angehende Innenarchitektin für das passende Ambiente sorgen. ?Ich habe mich vom ersten Tag an als vollwertige Arbeitskraft gefühlt?, berichtet die 22-Jährige begeistert.

So sehr ihr der Joballtag bei der Fernsehproduktion auch gefällt, er bringt für die Studentin auch nervige Dinge wie Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer mit sich. Von ihren 500 Euro Praktikantengehalt pro Monat werden 100 Euro Sozialabgaben und Steuern abgezogen

Die besten Jobs von allen


Wie Astrid Richter geht es vielen Studierenden, die pünktlich zum Start der Semesterferien wieder zu Praktikanten mutieren und in die Unternehmen strömen, um Praxisluft zu schnuppern. Sie müssen sich nicht nur an den Angestelltenalltag gewöhnen, sondern sich wie ein ganz normaler Arbeitnehmer mit Formalitäten wie Sozialversicherung und Steuern herumschlagen, besonders wenn sie wie in Astrids Fall für das Praktikum Gehalt kassieren.

Maue Vergütung

Das ist längst nicht in allen Unternehmen der Fall: Laut einer Umfrage des Hochschul-Informations-Systems (HIS) erhält lediglich jeder dritte Praktikant Kohle. Pflichtpraktika werden dabei deutlich seltener honoriert als freiwillige Stippvisiten in Unternehmen, bei denen es immerhin in 44 Prozent der Fälle einen kleinen Obolus gibt. Wie viel gezahlt wird, ist je nach Branche sehr unterschiedlich (siehe Tabelle S. 83). Während sich Praktis bei Medienunternehmen nach einer Studie des Recruiting-Dienstleisters Alma Mater im Schnitt mit nur 350 Euro zufrieden geben müssen, wird die Mitarbeit auf Zeit in der Chemie- oder Pharmabranche mit üppigen 750 Euro im Monat belohnt

Von diesen oft mickrigen Praktikumsgehältern müssen einige Sommerjobber zu allem Überfluss auch noch Sozialabgaben zahlen. Wer gut verdient, bekommt unter Umständen sogar weniger Bafög und muss seinen Verdienst versteuern.

Die Spielregeln für Praktikanten in Sachen Finanzen sind kompliziert. Ob sie Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen, hängt nämlich davon ab, wann die Praxisphase stattfindet und ob sie Pflichtbestandteil des Studiums oder freiwillig ist

Als Student im Einsatz

Der einfachste Fall im Handling sind Pflichtpraktika während des Studiums, die bei immer mehr Studiengängen zwingend in der Studien- oder Prüfungsordnung vorgeschrieben sind. Denn Studenten, die ein solches Pflichtpraktikum oder ein vorgeschriebenes Praxissemester absolvieren, bleiben von Sozialabgaben verschont. Und zwar unabhängig von Dauer, Bezahlung und wöchentlicher Arbeitszeit

Sonderfall: Duales Studium
Studenten eines dualen Studiengangs mit mehreren längeren Pflichtpraktika sind während ihrer betrieblichen Ausbildungsphasen als Arbeitnehmer sozialversicherungspflichtig, hat das Sozialgericht Dortmund entschieden. Begründung: Bei den Praxisphasen handele es sich nicht um Teile des Studiums, sondern die Studenten würden im Rahmen einer betrieblichen Berufsausbildung beschäftigt.
SG Dortmund S 10 RA 79/04
Bleibt der Student während dieser Zeit eingeschrieben, läuft die Krankenversicherung ganz normal weiter. Das heißt, gesetzlich krankenversicherte Studenten sind entweder weiterhin über ihre Eltern beitragsfrei familienversichert (bis 25 Jahre möglich) oder sie sind zum günstigen Studententarif krankenversichert. Der liegt derzeit bei rund 58 Euro im Monat

Anders und wesentlich komplizierter sieht es bei freiwilligen Praxiseinsätzen im Laufe des Studiums aus. Ob Praktikanten in diesem Fall auch sozialversicherungsfrei bleiben, hängt davon ab, ob das Studium auch weiterhin die erste Geige spielt: Beschränkt sich die Praxisphase nur auf die Semesterferien, fallen zumindest keine Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung auf den Verdienst an. In die Rentenversicherung müssen Praktikanten allerdings einzahlen, wenn sie mehr als 400 Euro monatlich verdienen

Werkelt der Student dagegen auch während des Semesters für ein Unternehmen, sind die Regeln strenger. Wer mehr als 20 Wochenstunden im Unternehmen arbeitet, muss die vollen Sozialabgaben auf seinen Verdienst zahlen, weil dann kaum noch Zeit zum Studieren bleibt. Rentenversicherungsbeiträge fallen bei einem Semesterpraktikum bereits an, wenn der Verdienst über 400 Euro monatlich liegt, es sich also nicht mehr um einen so genannten Minijob handelt.

Weitere Stolperfalle: Wer diese Schallgrenze regelmäßig überschreitet, fliegt bei der Krankenkasse aus der kostenlosen Familienversicherung und muss sich selber zum Studententarif versichern.
Vor- und Nachpraktika

Andere Regelungen gelten für alle, die vor oder nach dem Studium Praxiserfahrung sammeln wollen oder müssen. Schon vor Studienbeginn verlangen immer mehr Hochschulen einen Abstecher in die Jobwelt, bevor es mit Vorlesungen und Seminaren losgehen kann. Vier bis zwölf Wochen dauern die Vorpraktika in der Regel.

Mehr als nur eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen die wenigsten Firmen. Häufig gehen die frisch gebackenen Abiturienten komplett leer aus. Mit mehr Geld können dagegen junge Akademiker rechnen, die nach dem Examen noch ein Praktikum dranhängen. Laut einer Untersuchung der Böckler-Stiftung machen das immerhin 37 Prozent der Absolventen

Da Praktikanten vor und nach Studienbeginn in der Regel noch nicht oder nicht mehr immatrikuliert sind, gelten für sie ähnliche Spielregeln. Selbst wenn es sich bei ihren Einsätzen um Pflichtpraktika handelt, werden auf das Praktikantengehalt generell Sozialabgaben wie bei einem normalen Arbeitnehmer fällig: Gibt es mehr als 325 Euro, muss der Praktikant die vollen Kranken-, Renten- und Arbeitslosenbeiträge zahlen. Liegt das monatliche Salär allerdings unter 325 Euro, trägt der Chef die Sozialversicherungsbeiträge alleine. Wer keine Kohle kriegt, bleibt auch von Sozialabgaben verschont. Das Unternehmen muss in diesen Fällen allerdings einen Fixbetrag an Renten- und Arbeitslosenversicherung abführen.

Ist das Praktikum Kür, egal, ob vor oder nach dem Studium, müssen erst ab einer Grenze von 400 Euro Sozialversicherungsbeiträge abgedrückt werden.

Abiturienten und Studenten sind in der Regel bis zum 25. Lebensjahr beitragsfrei über ihre Eltern krankenversichert. Für Absolventen ist dagegen mit dem Examen die beitragsfreie Familienversicherung oder der günstige Studententarif bei der Krankenversicherung passé. Sie müssen mit wesentlich höheren Beiträgen rechnen. Finanzamt hält die Hand auf

Fürs Finanzamt spielt es keine Rolle, ob ein Student im Praktikum oder in seinem Nebenjob in der Kneipe Geld verdient. Generelle Faustregel: Wer mehr als 7.664 Euro im Jahr eingenommen hat, muss seinen Verdienst versteuern. Allerdings dürfen Praktikanten von ihrem Gehalt alle Kosten abziehen, die im Zusammenhang mit der Praxisphase entstanden sind, zum Beispiel die Fahrtkosten zum Unternehmen

In der Regel wird bei einem Praktikum das Gehalt über die Lohnsteuerkarte abgerechnet und die Lohnsteuer vom Arbeitgeber direkt ans Finanzamt überwiesen. In solchen Fällen empfiehlt es sich, am Jahresende eine Steuererklärung zu machen, um eventuell zu viel gezahlte Lohnsteuer zurückzuerhalten

Praktikum killt Bafög

Bafög-Empfänger müssen ihr Praktikanten-Gehalt beim Bafög-Amt melden. Wer mehr als 4.200 Euro im Jahr verdient, bekommt anteilig die Förderung gekürzt. Pro Monat sind also 350 Euro Extraverdienst drin. Dazu zählt auch das Salär aus Nebenjobs. Gerecht oder nicht ? absolviert man ein Pflichtpraktikum, entfällt dieser Freibetrag: Laut Bafög-Gesetz muss die Praktikumsvergütung, nach Abzug der Werbungskosten, dann voll angerechnet und der Bafög-Satz entsprechend gekürzt werden. Ob diese Regelung auch für freiwillige Praktika gilt, handhaben die einzelnen Bafög-Ämter sehr unterschiedlich. Klar ist, wer sich ein Urlaubssemester nimmt, um ein längeres Praktikum zu machen, hat in dieser Zeit in der Regel keinen Anspruch auf Bafög

Astrid Richters Praktikum bei ?Verbotene Liebe? endet im Sommer. ?Leider?, sagt die 22-Jährige. Weitere Praktika in den nächsten Semesterferien sind nicht geplant. ?Ich bin super motiviert, mein Diplom möglichst schnell zu machen, damit ich endlich richtig in meinem Beruf arbeiten kann.? Vielleicht sogar bei ?Verbotene Liebe?.

>> Infos zu Sozialversicherungen, Steuern und Bafög bei Auslandspraktika unter www.karriere.de/auslandspraktikum
Dieser Artikel ist erschienen am 26.06.2007