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"Spiel mit gezinkten Karten?

Sonia Shinde
Anwalt Andreas Tilp schert sich wenig darum, wen er mit seinen Vorstößen verärgert. Seit Jahren kämpft der 45-Jährige für Anleger und gegen die Deutsche Telekom. Am Montag tritt er im größten deutschen Anlegerprozess in Frankfurt an. Es geht um rund 80 Millionen Euro.
Rund 17 000 T-Aktionäre wollen Schadenersatz. Foto: ap
FRANKFURT. Sanft fließt der Neckar dahin. Saftige Wiesen, Fachwerkhäuser und Gässchen mit Kopfsteinpflaster runden das Bild ab. Doch der Frieden in Kirchentellinsfurt trügt. Denn in dem schwäbischen Örtchen residiert der Mann, den Banken und Unternehmen fürchten. ?Wir machen Fässer auf, die es bisher nicht gab, und das mach vor allem ich?, sagt Andreas Tilp, einer der führenden Anlegerschutzanwälte Deutschlands.Seit Jahren organisiert er den Volksaufstand gegen die Volksaktie Deutsche Telekom. Montag beginnt das Finale: Es geht um falsche Immobilienbewertungen, verheimlichte Übernahmepläne und fallende Aktienkurse. Rund 17 000 T-Aktionäre, die meisten davon Kleinanleger, wollen im größten deutschen Anlegerprozess Schadensersatz, rund 80 Millionen Euro. Ihr Vorwurf: Fehler im Prospekt beim dritten Börsengang im Jahr 2000.

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300 T-Aktionäre vertritt Tilp in den insgesamt 17 Verhandlungstagen, die Krawatte passend zum Muster der Hosenträger und die Worte gewetzt. Vornehme Zurückhaltung ist seine Sache nicht. Und das kann unangenehm werden für Ex-Telekom-Chef Ron Sommer und die hochrangigen Beamten aus dem Wirtschafts- und Finanzministerium, die sich als Zeugen seinen bohrenden Fragen stellen müssen. Die Telekom selbst geht davon aus, dass ihre Angaben im Börsenprospekt in Ordnung waren. ?Wir sind überzeugt, dass sich die Haltlosigkeit der Vorwürfe bestätigen wird?, sagt eine Sprecherin.Tilp vertritt jenen Pensionär aus Baden-Württemberg der als Musterkläger die Telekom in die Knie zwingen will. Andrang ist gewiss. Eigens für den erwarteten Publikumsansturm zieht das Gericht in ein Frankfurter Veranstaltungszentrum um.Der Rummel ist Tilp gerade recht. ?Mediengeil? sei er, kritisieren Konkurrenten. Doch Tilp ist um Konter nicht verlegen: ?Ich koche auch nur mit Wasser, aber das mache ich besonders gut?, sagt der Schwabe, den es privat eher zu Pasta und Pizza zieht statt zu Maultaschen und Spätzle. Ein Genussmensch, aber unbequem, ein Trendsetter der Klagebranche, der sich wenig drum schert, wen er mit seinen Vorstößen verärgert, sei es, wenn er Erfolgshonorare statt fester Gebühren für Anwälte fordert, sei es, wenn er die Medien mobilisiert.Das ist laut Tilp die einzige Chance, ?Waffengleichheit? herzustellen. Denn Anleger haben in Deutschland schlechte Karten: Sie sind es, die beweisen müssen, dass Banken und Finanzdienstleister sie über den Tisch gezogen haben. Und wer zu lange wartet, hat verloren. Gerade einmal drei Jahre bleiben Geschädigten, bevor ihre Ansprüche verjähren. Wer sich auf die Politik verlasse, sei auf jeden Fall verlassen, sagt der Mann, der sich als ?apolitisch? beschreibt. ?Viele Gesetzentwürfe werden von den Juristen der Banken verfasst, das hat mit Anlegerschutz nichts zu tun?, schimpft er.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Als Student häuft er 300 000 Mark Schulden an Tilp muss es wissen, er hat Erfahrung mit Banken: Erst haben sie ihn abgezockt, dann haben sie ihn reich gemacht, erzählt er. Denn hätten die örtlichen Kreditinstitute den Jura-Studenten Andreas Tilp nicht Mitte der achtziger Jahre mit riskanten Optionsgeschäften zum Spekulieren verleitet und ihm einen Haufen Schulden aufgebürdet, wäre aus ihm vielleicht ein ganz passabler Feld-, Wald- und Wiesenanwalt geworden.Stattdessen gaben sie ihm unbesicherte Kredite, mit denen der Junge aus kleinen Verhältnissen reich werden wollte. Doch die Rechnung ging nicht auf: 300 000 Mark Miese sollte er am Ende bei der Volksbank Ebersbach abstottern.?Und da habe ich erstmals den Sinn meines Jurastudiums begriffen?, sagt er, und in den blauen Augen blitzt die Genugtuung. Der Student klagte ? und gewann. Die Bank blieb auf den Verlusten sitzen, und der Aufstieg des Kapitalmarktschrecks Tilp begann. Zurückgeblieben ist ein Misstrauen gegen Banken und ihre Produkte: ?Im Spielkasino haben Anleger größere Chancen auf einen Gewinn als am Kapitalmarkt, denn das ist ein Spiel mit gezinkten Karten.? Das hat er selbst erlebt: 400 000 Euro kostete ihn ein Ausflug an den Neuen Markt. ?Seitdem lege ich mein Geld nur noch dort an, wo ich es kontrollieren kann.?Und das ist die Firma: eine ehemalige Baumwollspinnerei im Neckartal, im 6 000-Seelen-Nirgendwo zwischen Tübingen, Reutlingen und Stuttgart, eine Dependance am noblen Berliner Ku?damm und Partner in den USA sowie bald auch in Holland, Frankreich und Italien. Denn Deutschland ist Tilp nicht mehr genug. Er setzt auf Internationalisierung und bleibt doch selbst am liebsten in der Schwäbischen Provinz.Gegnerische Anwälte gehen in Deckung vor seiner Lust zu schwadronieren, argumentieren und räsonieren, der niemand entkommt. Tilp ist ein Getriebener und ein Treiber, der auch sonntags im Büroloft über Fällen brütet. Kreativ und fantasievoll nennen ihn Ex-Mitstreiter, ?dominant? und ?eitel? Menschen, die ihm nicht mehr wohlgesinnt sind.Er genießt den Neid: ?Ich bin weit gekommen und erfolgreich geblieben? ? und wem das nicht passt, den streicht er aus seinem Kalender.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er konzentriert sich gleich auf Kapitalanlagerecht Andreas Tilp 1963Er wird am 24. März in Ebersbach/Schwaben als Sohn eines Beamten geboren. Andreas Tilp studiert später Jura in Tübingen.1994Er macht sein zweites Staatsexamen, erhält die Zulassung als Rechtsanwalt und gründet die Kanzlei Tilp Rechtsanwälte in Kirchentellinsfurt und Berlin. Die Kanzlei befasst sich mit Kapitalanlagerecht und vertritt ausschließlich Anleger, vom institutionellen Investor bis zum Kleinanleger.2004Andreas Tilp gründet die Kanzlei Tilp Pllc in New York. Er hat außerdem viele Funktionen außerhalb der Kanzlei übernommen. So ist er Mitherausgeber der Fachzeitschrift ?Verbraucher und Recht? (VuR), Mitglied der Deutsch-Amerikanischen Juristen-Vereinigung und Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Bank und Kapitalmarktrecht im Deutschen Anwalt-Verein (DAV). Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.04.2008