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Spannende Zeiten

Christoph Stehr
2005 wird es ernst mit der Liberalisierung des deutschen Strommarktes. Die Monopolisten müssen sich von ihren Netzen trennen. Auch intern legen die Riesen den Schalter um: Eon, RWE, Vattenfall und EnBW erfinden sich neu und brauchen dazu junge Leute.
Träge schiebt sich der Rhein an der Eon-Zentrale in Düsseldorf vorbei. Drinnen brummt und summt es wie im E-Werk. Die Strategietagung des obersten Leitungsgremiums beherrscht den Flurfunk. 80 Konzern-Granden gestalten auf Mallorca die Zukunft. Doch in Düsseldorf wie in München, Essen, Coventry, Malmö und Louisville/Kentucky, wo wichtige Tochtergesellschaften sitzen, sind nicht nur die Büros der Oberbosse verwaist. Nach guter Konzernsitte haben sich auch Mitglieder des nicht ganz so exklusiven oberen Führungskreises, dem 220 Manager angehören, einen Außentermin auf diesen Tag gelegt. Beim Strategieren am Strand sind sie zwar nicht dabei, aber kann ja nicht schaden, wenn Mitarbeiter und Kollegen darüber spekulieren

Solche Geschichten, die von Hierarchie-Wahn und Intransparenz erzählen, kursieren seit Jahren in der Energiebranche. Aber sie werden seltener. Deutschlands Stromversorger erfinden sich neu. Nicht gerade freiwillig: Ab Mitte 2005 soll Matthias Kurth, Chef der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, auch diesen Stall ausfegen, Monopole knacken und so die im internationalen Vergleich gesalzenen Energiepreise drücken. Nebenbei werden die Konzerne umgekrempelt, weg vom Behörden-Trott, hin zu "flachen und prozessorientierten Strukturen", wie Jörg Fabri, Energie-Experte bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little, feststellt: "Für jüngere Leute könnte das reizvoll sein.

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Chef bittet zu Tisch
Bei Eon hat Wulf Bernotat, seit knapp zwei Jahren Chef des größten privaten Versorgers der Welt, den Kurs gewechselt. Das Unternehmen fühlt sich anders an als früher, die Hierarchiegläubigen werden bekehrt. Das wird auch dem Poststellenmitarbeiter klar, wenn er aus dem neunten Stock der Zentrale auf den Rhein blickt, an seinem Aperitif nippt und nervös ist, weil er gleich Silberbesteck an Silberbesteck mit dem Konzernherrn speisen wird. Jede Woche lädt Bernotat eine Hand voll Mitarbeiter quer durch alle Abteilungen und Gehaltsstufen zum Mittagessen ein. Mediterrane Aromen, ein Hauch von altem Balsamico statt Bürokraten-Muff, wie er einst in den Fluren der Eon-Vorläufergesellschaften Veba und Viag hing. "Die Veränderung merken Sie sofort, wenn Sie zur Tür reinkommen", bestätigt Rüdiger Winkler, der als Berater und Coach die Branche seit Jahren kennt. "Eon hat Prozesse und Teams durcheinander gewirbelt, alte Seilschaften gekappt. Da geht es heute zu wie in jedem Industrieunternehmen."
Neue Zeiten durch Marktliberalisierung - hatten wir das nicht schon mal? 1998 riss der Gesetzgeber die Schotten ein, die die Versorger um ihre Kunden hochgezogen hatten. Die freie Wahl des Anbieters sollte für billigeren Strom sorgen. Doch der raue Wind des Wettbewerbs geriet zum lauen Lüftchen. Nur fünf Prozent der Privatverbraucher und sieben Prozent der Unternehmen stiegen um. Von 100 neuen Anbietern haben wenige überlebt, etwa die EnBW-Tochter Yello. Und der Strompreis, kurzzeitig tatsächlich gesunken, ist heute höher als vor der Liberalisierung.
Durch Fusionen und Übernahmen hat die Macht der großen Versorger zu- statt abgenommen. Peter Floyd Reese, Marketingleiter des Energie-Informationsdienstes Verivox, spricht von einer "klaren Dreiklassengesellschaft". Oben die großen Vier - Eon, RWE, EnBW und Vattenfall -, die Stromproduktion und Gasimport dominieren, über die meisten Netze verfügen und sich 80 Prozent aller Kunden teilen. In der Mitte die 100 größten Stadtwerke und Regionalversorger wie MVV in Mannheim, unten die übrigen 800 Versorger, vor allem kleinere Stadtwerke und Nischenanbieter wie Lichtblick in Hamburg, die Strom aus erneuerbaren Energien vertreiben

Knackpunkt Netze
Mit dem neuen Energiewirtschaftsgesetz (EnWG), das eine EU-Richtlinie umsetzt und im Entwurf vorliegt, steckt die Bundesregierung den Unternehmen die Ziele für die nächsten Jahre: Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit, Umweltverträglichkeit. Ein besseres Wort wäre Revolution. Sabine Frenzel, die an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer über Stromhandel forscht, sieht im "Unbundling" die größte Herausforderung. Versorger mit mehr als 100.000 Kunden müssen ihre Netze in unabhängige Gesellschaften ausgliedern, um einen fairen Zugang zu gewährleisten. Denn wer Kabel und Masten besitzt, bestimmt bislang, wie viel andere Versorger für die Stromdurchleitung zahlen müssen - ein Kostenfaktor, der gerade Öko-Strom aus jwd-gelegenen Windanlagen teuer macht.
Die Konzerne spielen Szenarien durch, wie die Welt nach dem EnWG aussehen könnte. Bei Vattenfall Europe, dem Newcomer aus Schweden, der durch die Fusion der Regionalversorger Bewag, Veag, HEW und Laubag in Deutschland Fuß gefasst hat, nimmt eine abteilungsübergreifende Unbundling-Projektgruppe jede Zeile des Gesetzentwurfs auseinander. Die Juristin Sandra Kischka, 29, ist für alle gesellschaftsrechtlichen Fragen zuständig. Gemeinsam mit Energierechtlern und Ingenieuren prüft sie, welche Unternehmensteile gemäß EnWG ausgegliedert werden müssten, welche bestehenden Vertragsbeziehungen berührt sind und was in den Ausgliederungsvertrag gehört

Investieren wie der Teufel
Die neuen Konzernstrukturen sind nicht die einzige Baustelle. Die Stromversorger müssen gewaltige Summen investieren - allein in die Netze einen "hohen zweistelligen Milliardenbetrag", wie Energie-Experte Berthold Hannes von der Unternehmensberatung A.T. Kearney schätzt. Hinzu kommen die Investitionen in neue Kraftwerke. Bleibe es beim Atomausstieg und steige der Energiebedarf wie erwartet bis 2020 um 30 bis 50 Prozent, müsste eine zusätzliche Leistung von 40.000 Megawatt bereitgestellt werden, sagt Karl Theis, Geschäftsführer des Verbands der Kraftwerksbetreiber, VGB Power Tech. Das entspricht 60 Großkraftwerken. Zum Vergleich: Heute leisten alle Kraftwerke in der öffentlichen Versorgung in Deutschland zusammen 100.000 Megawatt. 30 bis 40 Milliarden Euro werden die Neubauten kosten.
Das dritte Thema, das die Branche in Atem hält, ist der Emissionshandel. Ab 2005 schreibt die EU-Kommission vor, welche Mengen des Treibhausgases CO2 die Industrie in die Luft blasen darf

Personelle Frischzellenkur
Herausforderungen en masse - fehlen nur noch die Leute, die sie anpacken. Wenn in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts Ingenieure und Kaufleute wieder knapp werden, trifft dies die Energiewirtschaft hart. Hans-Peter Beck, der Direktor des Instituts für Elektrische Energietechnik an der TU Clausthal, wendet es positiv: "Die Perspektiven für Berufseinsteiger sind gut." Vor allem Energiesystemtechniker und -manager würden gesucht.
Claudia Kemfert, die die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung leitet, sieht bei den Großen die besten Karrierechancen. Sie haben gegenüber Regionalversorgern und Stadtwerken zwei Trümpfe in der Hand: eigene Netze und einen gesunden Kraftwerksmix, der sie unabhängig von einem einzigen Energieträger macht.
Die internationale Ausrichtung ist ein weiteres Argument, das für das Quartett der Marktführer spricht. Beispiel RWE: Das Essener Energie- und Wasserunternehmen zieht seine Fäden über Osteuropa, die Niederlande, Großbritannien bis in die USA. Für Berufseinsteiger sind das nicht nur Stecknadeln auf einer Weltkarte, die irgendwo in der Konzernzentrale hängt, sondern echte Job-Optionen, wie Ivonne Rhode festgestellt hat: "Ich war überrascht über meine Möglichkeiten hier."
Die 28-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin nimmt am International Graduate Programm (IGP) teil, einem 18-monatigen konzernweiten Führungsnachwuchsprogramm, das parallel zu den klassischen Traineeprogrammen der RWE-Gesellschaften läuft. Fünf Wahlstationen warten auf die IGPler, ein Mentor im Top-Management und ein externer Coach begleiten sie.
Rhode entschied sich zunächst für das Controlling der Kraftwerkssparte, danach leitete sie in der Unternehmensentwicklung ein Projekt "Portfolioanalyse". Ihre Wirtschaftlichkeitsberechnungen für den Konzern machten die Runde, auch bei American Water in den USA, wo Rhode in vier Monaten eine Benchmark-Studie für 100 Wasserwerke erarbeitete. Nach Wasser jetzt wieder Strom: Bei RWE Energy handelt Rhode Verträge mit Stadtwerken aus

Fusionsfieber überstanden
Die Nachfrage nach Akademikern in der Strombranche steigt. Unwägbarkeiten bleiben dennoch: Wenn die Konzerne weniger verdienen, weil die Regulierungsbehörde niedrigere Netzentgelte verordnet, werden sie Kosten senken. Doch Chefregulierer Kurth vertraut auf die Marktkräfte: "In der Telekommunikation hat sich gezeigt, dass die vom Monopolisten abgebauten Arbeitsplätze durch Neueinstellungen der Wettbewerber kompensiert wurden."
Optimistisch stimmt zudem, dass Übernahmen seltener werden. "Der Boom ist vorbei", sagt Vattenfall-Juristin Kischka, "aus kartellrechtlichen Gründen gibt es ja kaum noch Übernahmekandidaten." Das Beteiligungsangebot, das sie im Oktober an Energie und Wasser Lübeck geschickt hat, dürfte für einige Zeit das letzte gewesen sein. Ein halbes Jahr hatte sie bis zum Vertragsentwurf gebraucht, verdammt wenig für ein M & A-Projekt.
Die Schweden sind halt flott. Ihre offene Kultur spiegelt sich in einer flachen Hierarchie mit kurzen Entscheidungswegen. "Ich setze einen Vertrag auf, mein Chef guckt drauf, ab die Post", sagt Kischka. Und wenn sie mit ihrem Vorstand Mittag essen will, braucht sie nicht in den neunten Stock zu fahren und Tafelsilber zu stemmen. Kischka stellt sich einfach in der Kantine ans Salatbuffet: "Da sehen wir uns fast jeden Tag."?


Dieser Artikel ist erschienen am 25.01.2005