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Spaniens erfolgreichste Bankerin will noch höher hinaus

Von Stefanie Müller, Madrid
Sie hat eine Bilderbuchkarriere hinter sich: Ana Patricia Botín ist Chefin der viertgrößten spanischen Bank Banesto und gehört zweifellos zu den einflussreichsten Frauen des Landes. Dies lässt sie ihre Gesprächspartner auch spüren.
HB MADRID. Sie ist zweifellos eine der einflussreichsten Frauen des Landes, das lässt sie ihre Gesprächspartner auch spüren. Sie ist distanziert, äußerst höflich und immer zuvorkommend, es sei denn, man verstößt gegen die Regel und fragt in ihrem Beisein nach ihrem Vater: Dann verfinstern sich die Züge der 44 Jahre alten Präsidentin der Banco Española Credito (Banesto).Ana P ? wie sie in Branchenkreisen respektvoll genannt wird ? ist die Tochter von Emilio Botín. Das ist der Patriarch einer Familie, die wie die iberische Ausgabe der Rockefellers anmutet, seit nunmehr vier Generationen im Bankgeschäft, überaus reich und sehr, sehr mächtig. Verschwiegenheit gehört zu einer der Tugenden der Familie. Emilio, der Vater, ist öffentlichkeitsscheu, für die Presse ist er nicht zu sprechen. In der Branche gilt der 69 Jahre alte Banker als launischer und egozentrischer Autokrat, der äußerst machtorientiert ist. Emilio Botín ist Chef der SCH, des Mutterkonzerns von Banesto, der größten Bank des Landes. SCH (Santander Central Hispanico) ist gerade dabei, die britische Abbey National zu übernehmen, um damit zum achtgrößten Kreditinstitut der Welt zu werden.

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Es ist kein Geheimnis in Madrid, dass die schöne Tochter in die Fußstapfen ihres Vaters treten will. ?Das Zeug dazu hat sie allemal?, sagt Marinilka Kimbro, Dozentin an der Madrider Businessschule Instituto de Empresa. Der Lebenslauf der Botínprädestiniert sie geradezu für die Nachfolge. Nach dem Besuch verschiedener Elite-Internate in Europa studiert Ana in den USA, unter anderem in Harvard. Sie spricht fünf Sprachen, darunter Deutsch. Sie pflegt auch geschäftlich das offene Gespräch, es sei denn, das Thema Frauen und Erfolg wird angesprochen. Dann kann die Mutter dreier Kinder laut werden: ?Es ist egal, welches Geschlecht ein Angestellter hat, Hauptsache er macht gute Arbeit.? Ana Botín hat gut reden, sie selbst ist mit 26 Vize-Präsidentin der amerikanischen Investmentbank JP Morgan in New York.Es dauert Jahre, bis sie in den Schoß der Familie zurückkehrt. Sie baut das Lateinamerika-Geschäft der Santander auf, hat bald 55 000 Menschen unter ihrer Verantwortung. Als Emilio Botín sie nach der Fusion mit der Banco Central Hispano im Jahr 1999 kurzzeitig aus seinem Machtzirkel verbannt, weil die Gegenseite fürchtet, dass die Botíns in der SCH zu mächtig werden, ist sie zutiefst beleidigt und versucht sich im Internet-Business.Aber eher halbherzig. ?Die Bank bleibt meine Welt?, sagt sie im Interview mit dem Handelsblatt. Kein Wunder, ihre Familie führt die Santander seit drei Generationen. Die eigene Stiftung ist mit einer fünfprozentigen Beteiligung der größte Aktionär. Ana Patricias Vater, seit 1986 Präsident, hat das Finanzinstitut durch Zukäufe, Fusionen und starke Effizienzsteigerung von Platz sechs auf Platz eins in Spanien gebracht.Mit Abbey National würde Santander die viertgrößte Bank in Europa, mit entsprechenden Herausforderungen für das Management. In dieser Situation liegt es nahe, die Nachfolgefrage zu stellen. Anas Bruder Jaime legte vor wenigen Wochen aus Protest über den Kauf der Abbey National sein Mandat im Verwaltungsrat nieder. Er kommt als Nachfolger des Präsidenten nicht mehr in Frage. Sein Mandat übernahm Ana Patricias jüngerer Bruder, Javier. Mit ihrem anderen Bruder, Emilio, hat ihr Vater nun drei seiner insgesamt sechs Kinder als potenzielle Thronfolger platziert.Es ist aber kein Geheimnis, dass er seine älteste Tochter Ana Patricia trotz aller Auseinandersetzungen für das talentierteste seiner Kinder hält. ?Ob sie wirklich seine Nachfolge antreten wird, ist nicht sicher?, sagt Juan Ramón Quintás, Chef der spanischen Sparkassenvereinigung Ce-ca. Fraglich ist vor allem, ob die konservativen Führungskräfte in der Santander, die teilweise seit Jahrzehnten unter ?dem Alten? arbeiten, die als risikofreudig bekannte Frau als Chefin akzeptieren werden.Ana Patricia tut derweil alles, damit die Wahl auf sie fällt. Ihre Ergebnisse bei der Banesto, wo sie seit 2002 die Verantwortung hat, sind blendend: Die Bank machte im ersten Halbjahr 2004 einen Gewinn von 271,41 Millionen Euro, knapp zwölf Prozent mehr als im Vorjahr, und steuerte damit zwölf Prozent zum Gesamtgewinn der Gruppe bei.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.09.2004