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Spanien

Stefan Weißenborn
In den vergangenen zehn Jahren hat Spanien ein Jobwunder erlebt, die Zahl der Erwerbstätigen stieg auf über 50 Prozent. Ende 2005 lag die Arbeitslosenquote mit 8,4 Prozent erstmals unter EU-Durchschnitt.
Neue Flügel für Hermes

Britta Eppinger, 32, lebt seit sieben Jahren in Barcelona. Die Hamburgerin arbeitete erst als Steinmetzin bei verschiedenen katalanischen Firmen, bevor sie 2004 anfing, als "freie Bildhauerin" an der Escola Massana Design zu studieren

Job-Links
Wichtige Adressen

Irgendwann wurde mir die Arbeit als Steinmetz in Deutschland zu hart - immer bei Nässe und Kälte auf Baustellen und Gerüsten rumklettern. Das war nichts. Ich kündigte meinen Job und machte ein Praktikum in Cordoba. In Spanien gefiel's mir so gut, dass ich beschloss, nach Barcelona zu gehen. Dort fand ich schnell ein Zimmer. Sonst hatte ich nichts, keinen Job, kaum Geld und recht wenig Spanischkenntnisse. Außerdem sind weibliche Steinmetze in Barcelona etwa so populär wie Fußballpräsidentinnen bei Schalke 04. Ich machte einen Sprachkurs, suchte mir im Branchenverzeichnis Adressen und tingelte von Firma zu Firma. Ohne Erfolg. Bis ich über das Denkmalamt meinen ersten Job erhielt - bei einer Baufirma für vier Monate. Von da an hatte ich immer wieder kurzfristige Jobs: Mal verfugte ich Steine an Baustellen, mal haute ich alte Brunnen oder Gesichter von Skulpturen in der Altstadt neu, mal half ich, Gaudi-Gebäude wie die Casa Mila am Paseig de Gracia oder die Gaudi-Mosaike im Park Güell zu restaurieren. Vier Jahre ging das so. Wichtig war, geduldig und flexibel zu bleiben. Im Parque de la Ciutadella bekam der Hermes von mir wieder neue Flügel auf seinen Helm, oder ich führte Touristen durch Barcelona - Routen entlang historischer Architektur. Ich lebte bescheiden und sparte viel. Da ich Bildhauerin werden wollte, fing ich 2004 an, Kunst an der Kunst- und Designhochschule Escola Massana zu studieren. Eine kleine Genugtuung, wenn man bedenkt, dass ich vor knapp zehn Jahren an den Kunsthochschulen in Dresden und Berlin abgelehnt wurde - na gut, in Barcelona gibt's weniger Bewerber. Das Studienjahr kostet mich nur 300 Euro. Ich will künstlerischer werden und experimentiere jetzt auch mit Materialien wie Filz, Textil, Wolle, Metall, Kunststoffen. Manche meiner Objekte habe ich schon verkauft. Ich will Handwerk und Kunst verbinden. Kein Wunder in einer Stadt, die einem mit ihrer Ästhetik und Funktionalität permanenter Quell der Inspiration ist. Barcelona steckt mich noch immer an - allein die vielen Musik- und Modefestivals. Wenn gar nichts Kreatives mehr geht, fahre ich in die "Barceloneta", den Stadtstrand, oder nach Sitges ans Meer. Vielleicht werde ich Spanien mal verlassen. Aber ich komme wieder. In Barcelona leben meine Freunde. Ich genieße hier Ausländerbonus. Es macht Spaß, anders zu sein

Die besten Jobs von allen


Arbeitsmarkt

In den vergangenen zehn Jahren hat Spanien ein Jobwunder erlebt, die Zahl der Erwerbstätigen stieg auf über 50 Prozent. Ende 2005 lag die Arbeitslosenquote mit 8,4 Prozent erstmals unter EU-Durchschnitt. Die meisten Spanier arbeiten im Dienstleistungssektor (67 Prozent), in der Verarbeitenden Industrie (18) und der Bauwirtschaft (9). Wichtigste Wirtschaftszweige sind Tourismus, Bau, Kommunikation und Informatik. Der Bedarf an ausländischen Fachkräften ist mäßig. In jedem Fall haben Handwerker mehr Chancen als Akademiker

Boom-Regionen

Alles dreht sich um Madrid: Die Hauptstadt ist mit mehr als drei Millionen Einwohnern Bankenzentrum, Hauptsitz der öffentlichen Verwaltung, Heimat der spanischen Königsfamilie, Sitz der Regierung, des Parlaments und zahlreicher internationaler Unternehmen. Wer in Madrid Geschäfte macht, ist auch in Barcelona (mit 1,5 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt Spaniens) präsent, der Metropole der Architektur, der Kunst und Mode, des Films und Designs.

Gehalt und Lebensstandard

Das durchschnittliche Bruttomonatsgehalt liegt bei 2.110 Euro. Mit 30.000 Euro im Jahr gehört man in Spanien schon zur oberen Einkommensklasse. Der Steuersatz steigt mit zunehmendem Einkommen und liegt zwischen 15 und 45 Prozent. Die Spanier verdienen im Schnitt 30 Prozent weniger als die Deutschen. Die Sozialversicherung beträgt nur sieben Prozent vom Einkommen. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten etwa so hoch wie hierzulande

Bewerben

Am besten klappt die Stellensuche über Zeitungsannoncen und spontane Bewerbungen direkt bei den spanischen Firmen. Die Sprache sollte man schon beherrschen - am besten in Wort und Schrift. Die Bewerbung besteht aus Anschreiben (Carta de Candidatura) und Lebenslauf (Curriculum Vitae, CV). Zeugnisse werden in der Regel nicht verlangt. Das Bewerbungsschreiben sollte die Motivation für den Job erläutern, der tabellarische Lebenslauf knapp gehalten sein. Bei der Vorstellung sind mehrere Gesprächsrunden üblich.
Job-Links: Wirtschaft und Arbeitsmarkt

  • Die demokratische Öffnung, der EG-Beitritt 1986 und die Teilnahme an der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion sind Meilensteine der wirtschaftlichen Entwicklung Spaniens. Die Industrie wurde zunehmend liberalisiert und modernisiert, staatliche Unternehmen wurden nach und nach privatisiert, das Land wurde dem internationalen Wettbewerb geöffnet - was eine Flut ausländischer Direktinvestitionen mit sich brachte. Spanien nahm 2002 unter den Industrienationen mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 693,9 Mrd. US$ den 10. Rang ein. Das BIP pro Kopf hat sich auf 17.092 Euro gesteigert

  • Der Wirtschaftssektor teilt sich in folgende Anteile auf: 63% Dienstleistungen, 33% verarbeitende Industrie, 3% Landwirtschaft. Wichtigste Wirtschaftszweige sind Tourismus (2000: 48 Mio. Besucher, Spanien ist nach Frankreich und USA drittes Tourismus-Ziel weltweit), Kommunikation und Informatik, metallverarbeitende Industrie (einschließlich Kraftfahrzeugsektor und Schiffbau), Maschinenbau, Landwirtschaft (einschließlich Ernährungswirtschaft und Fischerei), petrochemische Erzeugnisse. Spanien ist weltweit der fünftgrößte KfZ-Erzeuger, in Europa liegt es knapp hinter Frankreich auf dem dritten Platz

  • Spanien hat in 2002 trotz des unsicheren weltwirtschaftlichen Umfelds ein im EU-Vergleich leicht überdurchschnittliches Wachstum beibehalten können. Alle Bereiche der nationalen Wirtschaft haben sich inzwischen an das Niveau der europäischen Nachbarn angeglichen.

  • Spanien hat aber trotz beachtlicher Beschäftigungserfolge mit 13,6% immer noch die höchste Arbeitslosenquote Europas. Zum Vergleich: 1996 waren es sogar 22,9%. Deshalb ist es allgemein eher schwierig, in Spanien ein Anstellung zu finden. Ausnahmen bilden dabei nur die Tourismusbranche und der Bereich Wirtschaftsprüfung, rund 80 Prozent aller Unternehmen in Spanien sind nämlich Aktiengesellschaften. Die Wochenarbeitszeit ist in Spanien gesetzlich auf 40 Stunden festgelegt. Das Minimum an Urlaubstagen liegt bei 30 für ein Arbeitsjahr. Zu diesen Urlaubstagen kommen maximal 14 bezahlte Feiertage hinzu.
Stellensuche und Bewerbung

  • Persönliche Kontakte und Empfehlungen gelten sehr viel, deshalb ist es erfolgversprechender, vor Ort auf Arbeitssuche zu gehen.

  • Üblich sind auch Bewerbungen auf Zeitungsanzeigen. Das wichtigste Blatt ist hier "El País" (http://www.elpais.es/ ). Weitere große Zeitungen sind "ABC" (http://www.abc.es/ ) und "El Mundo" (http://www.elmundo.es/ ). In allen diesen Zeitungen werden täglich gesondert Stellen angeboten. Die meisten Angebote finden sich jedoch in der Sonntagsausgabe

  • Sie können sich auch an eine der 700 staatlichen Arbeitsvermittlungen wenden. Weitere Informationen gibt es beim Instituto Nacional de Empleo (INEM http://www.inem.es/ ). Neben den staatlichen Einrichtungen spielen die Zeitarbeitsfirmen eine wesentliche Rolle am Arbeitsmarkt. Sie vermitteln Stellen in fast allen Branchen und Qualifikationsebenen. Das Arbeitsverhältnis wird mit der Zeitarbeitsfirma begründet und ist in der Regel befristet. Adressen finden Sie in den Gelben Seiten (http://www.paginas-amarillas.es )der für Sie interessanten Region unter der Rubrik "Empresas de Trabajo Temporal"

  • Aufgrund des recht komplizierten Arbeitsvertragsrechts - vor allem der Verpflichtung der Firmen zu langen Bindungen - zieht sich das Bewerbungsverfahren in Spanien oftmals in die Länge. Bewerber werden vor der Einstellung einer genauen Prüfung unterzogen

  • Es ist von daher normal, zu mehreren Bewerbungsgesprächen eingeladen zu werden. Allgemein ist es in Spanien eher üblich, zunächst Kurzbewerbungen zu verschicken und erst bei Interesse der Firma die vollständigen Unterlagen einzureichen.

  • Bewerbungsschreiben unterscheiden sich inhaltlich nicht wesentlich von denen in Deutschland. Lediglich eine Formalie ist anders: In Spanien steht die Absenderadresse am Ende des Schreibens zwischen der Grußformel und der Unterschrift.

  • Neben Zeugnissen finden in Spanien zudem Referenzschreiben besondere Beachtung. Es kann also hilfreich sein, wenn man sich vom deutschen Arbeitgeber ein solches Referenzschreiben erstellen lässt

  • Der Lebenslauf sollte unbedingt das vom Bewerber anvisierte Berufsziel enthalten

Soziale Absicherung, Löhne

  • Jeder abhängig Beschäftigte muss in der Staatlichen Sozialversicherung (Instituto Nacional de la Seguridad Social - http://www.seg-social.es/ ) pflichtversichert sein. Selbständige haben die Möglichkeit, sich bei einer privaten Krankenversicherung zu versichern.

  • Die Sozialversicherung deckt die Risiken bei Krankheit, Invalidität, Arbeitsunfällen, Berufskrankheiten und Arbeitslosigkeit ab, und regelt die Altersversorgung und das Kindergeld.

  • Altersrente wird ab dem 65. Lebensjahr gezahlt. Die Beiträge sind nach Einkommen und Berufsgruppen gestaffelt und werden der jährlichen Preis- und Gehaltsentwicklung angepasst. Weitere Informationen im Internet unter http://www.seg-social.es

  • Das Lohnniveau liegt bis zu 50 Prozent unter dem in Deutschland. Hinzu kommt, dass die Lebenshaltungskosten fast so hoch sind wie die hiesigen. Im wirtschaftlichen Ballungsraum Barcelona wird am besten gezahlt. Der Steuersatz liegt deutlicher niedriger als der deutsche

  • Kindergeld wird bis zum 18. Lebensjahr gezahlt. Die Höhe ist abhängig von Einkommen und Anzahl der Kinder. Schulpflicht besteht vom 6. bis 16. Lebensjahr. Sie haben die Möglichkeit, Ihre Kinder in eine der zahlreichen deutschen Schulen zu schicken, die allerdings nicht alle von der ständigen Konferenz der Kultusminister der Bundesrepublik Deutschland anerkannt sind.
Wichtige Adressen

Europäische Berufsberatung
Arbeitsamt Frankfurt am Main
Fischerfeldstr. 10-12
60311 Frankfurt am Main
Tel.: 0049-(69)-2171-2535
Fax: 0049-(69)-2171-2662
E-Mail: Frankfurt-Main.Europaservice@arbeitsamt.de
http://www.arbeitsamt.de Stichwort: "Internationales

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland
Calle Fortuny, 8
E-28010 Madrid
Tel.: 0034 (91) 557 90 00
Fax: 0034 (91) 310 21 04
E-Mail: zreg@madri.auswaertiges-amt.de
http://www.embajada-alemania.es

Ministerio de Educación, Cultura y Deporte - M.E.C.
C/ Alcalá, 36
E-28071 Madrid
Tel.: 0034 (91) 701 80 00
E-Mail: informacion@mec.es
http://www.mec.es/

Zuständig für die Anerkennung aller ausländischen Abschlüsse
Spanische Botschaft
Schöneberger Ufer 89
D-10789 Berlin
Tel.: 0049-30-254 0070
Fax: 0049-30-257 99 557

Spanische Kulturinstitute
Instituto Cervantes München
Marstallplatz 7
D-80539 München
Tel.: +49 89 / 29 07 18-0
Fax: +49 89 /29 32 17
http://www.cervantes-muenchen.de/

Instituto Cervantes Bremen
Spanisches Kulturinstitut
Schwachhauser Ring 124
28209 Bremen
Tel: 04 21/ 34 40 90
Fax: 04 21/ 34 999 64
E-mail: cervante@uni-bremen.de
http://www.cervantes.es

Deutsche Handelskammer für Spanien
Avenida Pío XII, 26-28
E-28016 Madrid
Tel.: 0034 (91) 3530910
Fax: 0034 (91) 3591213
E-Mail: ahk_spanien@ccape.es
http://www.ahk.de

Zweigstelle Barcelona
Calle Córcega 301-303
E 08008 Barcelona
Tel.: 0034 (93) 4155444
Fax: 0034 (93) 4152717
E-Mail: ahk_barcelona@ccape.es
http://www.ccape.es

Literatur
Bewerben in Spanien
I.L.T.-Europa-Verlag
Dieser Artikel ist erschienen am 22.08.2003