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Späte Rache

Von Katharina Kort
Fulvio Conti, Chef des italienischen Stromkonzerns Enel, hat viel verpatzt und verpasst. Jetzt will er dem deutschen Konkurrenten Eon das Geschäft in Spanien vermiesen. Mit dem Kauf von einem zehnprozentigen Anteil an Endesa meldet sich Conti zurück im Übernahmepoker der europäischen Energiewirtschaft. Unerklärtes Ziel von Conti ist es, auf einen Anteil von knapp 25 Prozent zu kommen.
Kaum Pressekonferenzen, kaum Interviews, keine heißen Nachrichten. Seit vergangenem Sommer ist es auffällig still geworden um den stets elegant gekleideten Mann mit der perfekten Föhnfrisur, bei der kein Haar aus der Reihe tanzt. Klar: Fulvio Conti, der Chef des italienischen Energiekonzerns Enel, kauft ein paar Kraftwerke in Russland und in der Slowakei. Aber von den geplanten Mega-Mergern des Vorjahres ist keine Rede mehr.Bis zum späten Dienstagabend. Da meldet sich der 59-Jährige überraschend zurück im Übernahmepoker der europäischen Energiewirtschaft. Enel habe knapp zehn Prozent der Aktien der spanischen Endesa gekauft, verkündet er. Das ist eine klare Kriegserklärung an den Düsseldorfer Konkurrenten Eon, der bereits eine Übernahmeofferte in Höhe von 41 Milliarden Euro für Endesa auf den Tisch gelegt hat. Unerklärtes Ziel von Conti ist es, auf einen Anteil von knapp 25 Prozent zu kommen. So will die Nummer vier in Europa mit anderen Aktionären das Übernahmeangebot der Nummer eins Eon blockieren ? späte Genugtuung für verpatzte und verpasste Chancen.

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Noch im vergangenen Frühjahr war Fulvio Conti für seine ungeschickte Verhandlungstaktik eher belächelt worden. Vor allem mit seiner Ankündigung, den französischen Suez-Konzern zu übernehmen, ohne dass er ein konkretes Angebot vorlegte, blamierte sich der Enel-Chef. Noch peinlicher: Das französische Unternehmen Gaz de France (GdF) nutzte die Information und preschte dann als erstes mit einem Übernahmeangebot für Suez vor. ?Ich habe noch nie erlebt, dass ein Übernahmeangebot angekündigt wird, bevor es vorgelegt wird?, kritisierte Ex-Wirtschaftsminister Domenico Siniscalco das Vorgehen Contis ? und sprach von schwerer Schuld.Doch jetzt belächelt wohl niemand mehr den Enel-Chef. Vor allem den Beobachtern in Deutschland dürfte das Lachen vergangen sein. Er könnte Eon den Deal in Spanien vermiesen.Diesmal ging Conti still und heimlich vor. Er kündigte den Aktienkauf erst an, nachdem er bereits vollzogen war. Ganz ohne Patzer. ?Er hat dazugelernt. Jetzt kann man ihn auch wieder an die Öffentlichkeit lassen?, sagt ein Kommunikationsexperte. Für Conti wäre der Deal in Spanien eine späte Genugtuung. Denn vor mehr als einem Jahr war es der Eon-Konzern, der mit seinem Angebot für Endesa die Pläne der Italiener in Spanien durchkreuzte. Enel hatte damals gehofft, der spanische Konkurrent Gas Natural übernehme Endesa, und hatte auf Unternehmensteile spekuliert, welche die beiden aus Wettbewerbsgründen hätten abgeben müssen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Im Konzern gilt der Enel-Chef als eitel. ?Wir sind wichtig in Spanien. Und wir hoffen, dass wir noch wichtiger werden?, sagte Conti gestern selbstbewusst auf einer Energie-Konferenz in Athen.Im Konzern gilt der Enel-Chef als eitel, aber nicht arrogant. Aber ?er wird nie laut?, erzählen Mitarbeiter. Wenn er im Aufzug seine Mitarbeiter trifft, plaudert er mit allen ? egal welchen Rang sie im Unternehmen haben, berichtet ein Ex-Mitarbeiter. Conti stammt aus einfachen Verhältnissen. Der gebürtige Römer verdient sich als junger Mann sein Taschengeld in einer Bäckerei und finanziert so später auch das Wirtschaftsstudium. Damit ist er eine Ausnahme unter Italiens Top-Managern, die oft aus einflussreichen Familien stammen.Schon früh arbeitet er im Ausland. Für Mobil Oil geht er nach Brüssel, London und New York, legt sich aber nicht auf die Energiebranche fest. Später macht er sich auch bei der italienischen Eisenbahn, der Ferrovie dello Stato, und bei Telecom Italia als Finanzchef einen Namen.Nicht zuletzt dank seiner Auslandserfahrung wird Conti durchaus Verhandlungsgeschick nachgesagt. So können seine Patzer im vergangenen Jahr noch als Anfängerfehler verbucht werden. Denn Conti löste im Mai 2005 eher überraschend Paolo Scaroni als Enel-Chef ab. Scaroni wechselte an die Spitze des Ölkonzerns Eni. Er war bis dahin für die große Strategie von Enel zuständig, Conti kümmerte sich um die Zahlen.Kurz nach seinem Aufstieg bezeichnete sich der neue Konzernchef selbst mal in einem Interview als ?Mann der Kontinuität?. Doch damit scheint es jetzt vorbei zu sein. Der Mann, der fließend Französisch, Englisch und Spanisch spricht, macht sich nun vor allem als Käufer einen Namen. Denn er will den Auslandsanteil am Umsatz von zehn Prozent im Jahr 2004 mittelfristig auf 40 Prozent steigern. Da ist Spanien eine willkommene Gelegenheit.Die nächsten Wochen dürften für Conti aufregend werden. Da wird er zur Entspannung das ein oder andere Mal wieder eine kubanische Zigarre rauchen oder klassische Musik hören. Und am Wochenende wird er versuchen, in seinem Haus im Küstenort Sabaudia in der römischen Provinz vom Geschäftsalltag abzuschalten, wo er am liebsten liest und segelt.Und der geduldige Mann, der eher als Delegierer denn als Allein-Entscheider gilt, wird hier auch über die nächsten Schritte seiner überraschenden Spanien-Strategie nachdenken.Sollte er mit seinem Endesa-Coup Erfolg haben, den deutschen Eon-Konzern blockieren und vielleicht sogar noch selbst bei einzelnen Kraftwerken zum Zug kommen ? dann, ja dann hätte er es jenen gezeigt, die noch vor einem Jahr über ihn gelächelt haben. Contis späte Rache!
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2007