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Sonnyboy mit Ausdauer

Von J. Hofer und C. Busse, Handelsblatt
Der designierte Siemens-Chef Klaus Kleinfeld dürfte frischen Wind in den Konzern bringen. Sein Meisterstück lieferte der Manager in den USA ab. Aber nicht alle Mitarbeiter in der Konzernzentrale mögen freilich die lockere amerikanische Art Kleinfelds.
Der kommende Mann bei Siemens: Klaus Kleinfeld. Foto: dpa
MÜNCHEN. Schneller als erwartet wird jetzt von Pierers Kronprinz Klaus Kleinfeld das Ruder übernehmen. Bislang waren die meisten Beobachter davon ausgegangen, dass der 63-jährige von Pierer bis 2006 weitermachen würde ? dann feiert er seinen 65. Geburtstag. Wie es seine Art ist, machte der Konzernlenker gestern wenig Aufheben um die wichtigste Personalie bei Siemens: Am Nachmittag flog er nach Berlin, um am Abend mit Bundeskanzler Gerhard Schröder über Investitionen in Deutschland zu diskutieren.Spätestens seit von Pierer den 46-jährigen Kleinfeld Anfang des Jahres in die Zentrale nach München zurückholte, war der promovierte Betriebswirt klarer Favorit im Wettstreit um den Chefposten in Deutschlands größtem Technologiekonzern. Europa-Chef Johannes Feldmayer, 47, und Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, 51, wurden nur noch geringe Chancen eingeräumt. Aus dem Rennen waren auch Infineon-Chef Ulrich Schumacher und Siemens-Mobilfunk-Chef Rudi Lamprecht. Auch ihre Namen wurden früher für den Top-Posten gehandelt.

Die besten Jobs von allen

Kleinfeld, seit 1987 im Konzern, gilt seit Jahren als enger Vertrauter des großen Lenkers. Ins Blickfeld von Pierers kam der gebürtige Bremer ab Mitte der 90er-Jahre, als er die Siemens-Unternehmensberatung leitete und später das konzernweite Fitness-Programm ?Top-Plus? zur Ertragsverbesserung aufsetzte.Sein Meisterstück lieferte der Manager aber in den USA ab. Im Heimatland des wichtigsten Konkurrenten General Electric gelang es dem Kaufmann in nur zwei Jahren, die zuvor weitgehend selbstständigen Bereiche zu einer Einheit zu verschweißen. Mit radikalen Einschnitten, peniblen Renditevorgaben und unbequemen Fragen an das Management verwandelte er einen Verlust von rund 600 Millionen Euro in einen Profit in etwa gleicher Höhe.Die Ergebnisse kamen in der Münchener Zentrale gut an: Von Pierer lobte Kleinfeld überraschend oft. Das Kleinfeld-Modell aus den USA soll jetzt auch auf auf Deutschland übertragen werden. Vom Herbst an wird der Vertrieb auch hier zu Lande unter einem Dach gebündelt.Kollegen im mächtigen Zentralvorstand war deshalb schon seit Monaten klar, dass nur Kleinfeld als Nachfolger von Pierers in Frage kommt. Es heißt, er sei schon lange im Auftrag seines Mentors unterwegs gewesen. Weil Kleinfeld nach drei Jahren in Amerika ohne Hausmacht am Wittelsbacher Platz auskommen musste, war er letztlich auf die Unterstützung von Pierers und des mächtigen Aufsichtsratschefs Karl-Hermann Baumann angewiesen.Doch es war nicht nur diese Hilfe, die Kleinfeld so weit nach oben brachte. Neben seinen Sanierungskünsten ist es vor allem seine umgängliche Art, die dem groß gewachsenen Manager mit dem kurzen Haar half. Bei öffentlichen Auftritten gewann der Sonnyboy in Amerika mit seinem fast perfekten fließenden Englisch und seiner humorvollen Art regelmäßig die Sympathien des Publikums, das eher spröde deutsche Manager gewohnt ist. Nicht nur in dieser Hinsicht ähnelt Kleinfeld seinem Mentor.Nicht alle Mitarbeiter in der Konzernzentrale mögen freilich die lockere amerikanische Art Kleinfelds. Hinter vorgehaltener Hand wird mitunter kritisiert, dass der passionierte Marathonläufer in Amerika gar keine direkte Ergebnis- und Budgetverantwortung gehabt habe und deshalb viel freier agieren konnte als andere Siemens- Manager. Auch eine harte Erfolgskontrolle anhand der Zahlen wie bei den Bereichschefs ist bei Kleinfeld nie möglich gewesen. Lange wurde auch spekuliert, Kleinfeld würde mit der von Hierarchien geprägten Kultur bei Siemens nicht zurechtkommen.Der Mann ist allerdings lange genug im Konzern, um diesen in seinen Verästelungen zu kennen. Er verbrachte die meiste Zeit in der Zentrale, aber auch einige Jahre im Bereich Medizintechnik, vor dem Wechsel nach Amerika sogar als Vorstand der Vorzeigesparte.Zurück aus New York, übernahm Kleinfeld Anfang des Jahres die Verantwortung für die zuletzt arg in Bedrängnis geratenen Kommunikationssparten von Siemens, den traditionellen Kernbereich des Unternehmens. Kleinfeld fackelte nicht lange und griff beherzt durch: Die Netzausrüstungs-Sparte und der Mobilfunkbereich werden künftig wieder unter einem Dach arbeiten, wie der Konzern gestern verkündete. Lediglich die IT-Beratung Siemens Business Services SBS bleibt eigenständig.Kleinfeld gilt als Teamspieler. Dass er schließlich an die Spitze rücken wird, war den Vorstandskollegen schon länger klar, heißt es in München. Auf der letzten Sitzung des Konzernvorstands in Schanghai im Mai hielt er sich aber noch im Hintergrund, überließ von Pierer das Feld. Sicher ist, dass mit Kleinfeld in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz, dem so genannten ?Pink Palace?, ein frischer, vielleicht auch amerikanischer Wind wehen wird. Verkrustete Strukturen dürften weiter aufgeweicht werden.Der Neue an der Spitze liebt auch das offene Wort. Im kleinen Kreis nimmt er kein Blatt vor den Mund ? da wird er sich als Chef eines der größten Industriekonzerne der Welt noch umgewöhnen müssen. Ab 1. August wird Kleinfeld zunächst stellvertretender Vorstandsvorsitzender, so ist es Tradition im Münchener Konzern. Für ein halbes Jahr werden die beiden den Konzern so zusammen führen. Dann hat er noch Zeit, sich bei von Pierer einige Tricks abzuschauen.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.07.2004