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Sonnyboy in Erklärungsnot

Von Sandra Louven
Nach Gewinnwarnung und Kurseinbruch opfert Ericsson-Chef Carl-Henric Svanberg seinen Finanzchef. Er selbst sitzt vorerst weiter fest im Sattel. Doch wenn Ericsson nicht bessere Frühwarnsysteme entwickelt, könnte das auch auf den Konzewrnchef zurückfallen.
Den Finanzchef geopfert: Ericsson-ChefCarl-Henric Svanberg Foto: dpa
DÜSSELDORF. Das dürfte kein leichter Auftritt für Carl-Henric Svanberg gewesen sein. Der Ericsson-Chef musste gestern die Quartalszahlen des schwedischen Netzausrüsters präsentieren ? gut eine Woche nach der überraschenden Gewinnwarnung. In den wenigen Tagen hat sich für den durchtrainierten 55-Jährigen viel verändert.Vorher galt er als Sonnyboy, der den schwedischen Konzern seit seinem Amtsantritt 2003 von einem Erfolg zum nächsten geführt hat. Die Schweden, viele Ericsson-Aktionäre, bewunderten den sportlich gebauten Hünen. Doch seit vergangener Woche ist das anders. Der Vorzeige-Chef schockt die Märkte. Er kündigt an, dass der Gewinn im dritten Quartal gut ein Drittel niedriger ausfallen werde als im Vorjahr. Der Aktienkurs des schwedischen Riesen bricht um ein Drittel ein und vernichtet umgerechnet rund zehn Milliarden Euro an Unternehmenswert. Svanberg muss einräumen, dass er den Markt falsch eingeschätzt hat. Die Investitionen in die Aufrüstung bestehender Mobilfunknetze seien geringer ausgefallen als erwartet. Gerade in diesem Geschäft lassen sich jedoch hohe Margen erzielen. Beim Bau von neuen Netzen ist Ericsson dagegen stark ? doch dort sind die Margen schwächer.

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Was an den Kapitalmärkten aber fast genauso schwer wiegt wie diese Fehleinschätzung ist der negative Überraschungseffekt. Mitte September noch erzählt Svanberg Analysten, er rechne mit einem regelrechten Datenboom in den Mobilfunknetzen und erwarte deshalb hohe Investitionen in die Netze ? also viele lukrative Aufträge.Dann, knapp fünf Wochen später, folgt der Gewinnschock. ?Es verwundert, dass sich das Bild innerhalb eines Monats komplett geändert hat?, sagt Nicolas von Stackelberg von Sal. Oppenheim. Diese Entwicklung hätte man früher erkennen müssen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kein Schatten über Sundströms ArbeitSvanberg zieht die Konsequenzen und trennt sich von seinem langjährigen Finanzchef Karl-Henrik Sundström. Der angeschlagene Konzernchef betont jedoch, dass Sundström ihn selbst um sein Ausscheiden gebeten habe. Doch dann zeigt Svanberg Größe. ?Wenn wir etwas hätten besser machen können, dann war das eine gemeinsame Verantwortung und letztendlich meine?, sagte er gestern. ?Es hängt kein Schatten über der Arbeit von Sundström.?So redet jemand, der sich seiner eigenen Position sehr sicher ist. In den meisten Unternehmen wäre in einer vergleichbaren Situation wohl der Ruf nach einem neuen Vorstandschef laut geworden. Nicht aber bei Ericsson. Der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Treschow stärkte Svanberg bereits demonstrativ den Rücken und sagte, man werde prüfen, wieso Ericsson den Markt falsch eingeschätzt habe. Das Management habe in den vergangenen vier Jahren ?phänomenale Ergebnisse? erzielt und werde mit der Situation gut umgehenAls Svanberg vor vier Jahren bei Ericsson antrat, steckte das Unternehmen in einer tiefen Krise und hatte die Zahl der Beschäftigten gerade auf 50 000 halbiert. Der neue Chef musste zwar noch weitere Stellen streichen, aber die Kärrnerarbeit war getan. Und von da an ging es aufwärts. Ericsson machte wieder Gewinne und der Aktienkurs stieg.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ist das Management selbstgefällig geworden?Analysten bemängeln, dass Svanberg dieser Erfolg zu Kopf gestiegen sei. ?Das Management ist etwas selbstgefällig geworden und hat vielleicht den Biss verloren?, sagt Thomas Langer von der WestLB. In dem schnelllebigen Telekommunikationsgeschäft müsse man aber jede Woche darauf achten, keine Trends zu verpassen.Deshalb darf es aus Sicht der Finanzgemeinde auch nicht beim Austausch des Finanzchefs bleiben. ?Ericsson braucht bessere Frühwarnsysteme, damit so etwas möglichst vermieden werden kann?, fordert von Stackelberg. Strategisch sei das Unternehmen aber gut aufgestellt. Anders als die gerade fusionierten Rivalen Nokia Siemens Networks und Alcatel Lucent müsse bei Ericsson nicht restrukturiert werden. ?Die haben das bereits hinter sich?, sagt der Analyst.Der neue Finanzchef, Hans Vestberg, gilt bei Ericsson als Überflieger unter den Nachwuchs-Managern. Der 42-Jährige, der aussieht wie ein Mittzwanziger, hat bisher das Service-Geschäft von Ericsson geleitet, zu dem unter anderem der Betrieb von Netzen gehört. Das ist für Ericsson ein neues Geschäftsfeld. Vestberg konnte den Umsatz dort deutlich und profitabel steigern. Mittlerweile machen die Dienstleistungen bereits ein Drittel des Konzernumsatzes aus.Vestberg ist bereits seit 1991 bei Ericsson. Zuerst verdiente der Jungdynamiker sich neun Jahre lang seine Sporen im Ausland. In Brasilien war er von 1998 bis 2000 Finanzchef, zwei Jahre darauf wurde er Präsident von Ericsson in Mexiko. Das Service-Geschäft leitet er seit Anfang 2005. Intern heißt es: Er sei sehr ?unschwedisch? ? nicht zurückhaltend, sondern offen, lebhaft und habe keinerlei Berührungsängste oder gar Dünkel. Damit sollte er bestens zum Sonnyboy an der Spitze passen.Vita1952Er wird im nordschwedischen Porjus geboren. Nach seinem Ingenieurstudium an den Universitäten in Linköping und Uppsala beginnt er 1977 seine berufliche Laufbahn bei dem schwedisch-schweizerischen Maschinenbaukonzern ABB, für den er an zahlreichen Auslandsprojekten arbeitet.1986Carl-Henric Svanberg geht zum schwedischen Sicherheitskonzern Securitas. Fünf Jahre später fusionieren Securitas und der finnische Konkurrent Metra zum neuen Unternehmen Assa Abloy. Svanberg wird Vice President.1994Er übernimmt die Führung und formt aus Assa Abloy einen der größten Schloss-Hersteller auf dem Weltmarkt.2003Svanberg wechselt zu Ericsson und wird am 8. April neuer Chef des Herstellers von Telekommunikationstechnik.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.10.2007