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So schaffen Sie den Quereinstieg

Wissenschaftler, Postdocs, Forscher, Mediziner haben genug vom akademischen Kungel-Basar. Job-Profis kommen in ihrer Branche nicht weiter: Als Germanist zur Bank? Als Forstwirtschaftler in die Informatik? Leiten Sie Ihre Wechselabsicht aus Ihrem zukünftigen Beitrag ab, nicht aus dem Schrecken der Gegenwart, meint Bewerbungsberater Gerhard Winkler.
Geistes- und Naturwissenschaftler, Postdocs, Forscher, Mediziner haben genug vom akademischen Kungel-Basar. Job-Profis kommen in ihrer Branche nicht weiter. Für den Quereinstieg in neue Felder gibt es viele Gründe. Bei jedem beruflichen Wechsel nimmt man etwas mit: sein Können, seine Erfahrung, seine Arbeitsweise, sein berufliches Ethos. Ein Wechsel glückt, wenn man auf seine Stärken zurückgreifen und sie freier als zuvor ausspielen kann.

In einem neuen Anforderungsumfeld funkeln Ihre Stärken vielleicht sogar erst auf, und Ihre Teamerfahrung, die eigenverantwortliche Arbeitsweise, Kontaktfreude, Verhandlungs- oder Organisationsgeschick werden gebührend gewürdigt

Die besten Jobs von allen


Räumen Sie auf
In Phasen der beruflichen und existenziellen Neuorientierung rate ich zunächst zu Ichbezogenheit und stiller Datenpflege. Sie finden Antworten auf Ihre akuten Fragen in Ihrem tabellarischen Lebenslauf. Ein Jobanbieter wird gleichfalls seine Antwort auf Ihr Leistungsangebot darin suchen. Räumen Sie Ihren Lebenslauf auf, zugunsten Ihrer Selbstfindung und Ihrer Vermarktung. Vereinfachen Sie ihn, indem Sie Deko-Elemente, sinnlose Einträge (Grundschule) und Studi-Jobs, die durch qualifizierte Joberfahrung obsolet geworden sind, streichen. Reichern Sie Ihre Jobstationen um Hauptwörter an: Leitungsverantwortung, alltägliche Pflichten und Zuständigkeiten, Leistungen, Projekt- oder Einzelerfolge.
Notieren Sie die Weiterbildungen der letzten fünf Jahre. Füllen Sie die Kenntnisse und Fähigkeiten auf. Sagen Sie, was Sie für die neue Aufgabe qualifiziert. So manches Praktikum erscheint da in neuem Licht. Vielleicht können Sie gute Taten unter der Rubrik Engagement verzeichnen.
Verdichten Sie in aller Ruhe Ihren Lebenslauf. Kehren Sie zu sich selbst zurück. Hören Sie in Ihren Lebenslauf hinein und nehmen Sie auf, was er Ihnen für eine Story flüstert. Macher schreiben Erfolgsstorys: Ein Historiker aus Heidelberg hat sich weiterqualifiziert und ist zum Vertriebsleiter eines mittelständischen Technologieunternehmens avanciert. Biologen sind erfolgreiche Projektleiter. Ärzte arbeiten als Vorstände. Lehrer haben Verlage aufgebaut

Klären Sie Ihre Story
Ihr Mut zur Veränderung braucht eine sichere Basis. Reichen die gesammelten Bausteine aus, um Sie ohne allzu großen Sprung in die nächste Aufgabe zu tragen? Zeichnet Ihr in sich konsistenter Werdegang die nächsten Schritte geradezu vor? Ist die Storyline schon die Brücke zum nächsten Job? Oder braucht Ihre Vita einen starken Erzähler, der dem Ganzen Sinn und Richtung gibt? Falls Sie sich selbst nicht restlos überzeugen, falls Sie einen guten Freund als Zuhörer mit Ihrer Bewerberstory nicht fesseln, werden Sie auch einen Jobanbieter nicht gewinnen.
Klären Sie mit einem guten Berater ab, ob und wie Sie Ihre Kompetenz abrunden. Eine in Deutschland promovierte Biochemikerin, Chinesin, brach ihren Postdoc-Job ab, um ein Wirtschaftsingenieur-Studium draufzusatteln. Für den praktischen Teil ihrer Diplomarbeit betrieb sie Business Development in China. Zwei Jahre investiert, und sie positioniert sich an erster Stelle für die geschäftliche Mission eines Pharma- oder Chemieunternehmens vor Ort

Leinen Kappen
Arbeitgeber verändern die Welt und finden es nicht weiter erstaunlich, dass man sich verändern und weiterkommen möchte. Entrepreneuren signalisiert ein kühner Quereinstieg die starke Persönlichkeit, die ihn betreibt. Sie werden aber misstrauisch, wenn bei einem Jobdeal nicht für beide Seiten etwas drinsteckt.
Leiten Sie Ihre Wechselabsicht stets aus dem Ertrag der Zukunft und nicht aus dem Schrecken der Gegenwart ab. Sich sichtlich drauf zu freuen, dass man an einem Ort ankommt, ohne das anzuschwärzen, was man verlassen möchte, verlangt von Ihnen eine fein ausbalancierte Darstellung. Nostalgie-Verdacht lassen Quereinsteiger nicht aufkommen: Mutmaßt ein Jobanbieter, Sie fühlten sich bei ihm nicht rundum wohl, wird er Sie nicht nehmen. Ein erfolgreicher Quereinstieg bedeutet: Sie können kaum mehr zurück. Entwicklungslinien werden gekappt. Fachwissen, Erfahrung geht verloren. Das Lohnendere, Befriedigendere zu benennen, wofür Sie auf einen Karriereweg verzichten, ist Ihre Aufgabe

Eindruck machen
Geisteswissenschaftler streben nach Wissen, um die Welt zu verstehen, um die Welt zu verändern, doch zu wenig nach Wissen, um sich beruflich zu verbessern. Doch in der Wirtschaft macht nur das Eindruck: qualifizierte, längere Einsätze bei Firmen. Eigenes Geschäft gründen oder sich an clevere junge Gründer hängen. Sich früh einen Namen machen - die Möglichkeit ist dank der Kommunikationstechnologien heute so gut wie nie zuvor. Im Ausland nicht nur studieren, sondern auch jobben. Nicht in Monokulturen versauern: Raus aus dem Fachbereich und das Interesse breit streuen! Subtrahiert man das Wissenschaftliche vom Geist - das tut ein Jobanbieter sowieso -, bleiben mit etwas Glück Kreativität, Sprachfertigkeit und Witz. Und aus diesem Kapital lässt sich was machen

Gerhard Winkler ist Bewerbungsberater. Er betreibt die Karriere-Webseite jova-nova.com
Was Personaler nervt:
Pro Jahr bewerben sich 3 000 bis 4 000 Absolventen bei SAP. Jeden Elften laden wir zum Vorstellungsgespräch, fünf Prozent aller Bewerber stellen wir ein. Unter ihnen gibt es auch Quereinsteiger. So arbeitet ein Forstwissenschaftler bei uns in der Beratung, ein Theologe in der Kommunikation und einige Psychologen in der Personalabteilung. Wir fragen immer nach den Motiven für den Quereinstieg. Da reicht es nicht zu sagen: "Über SAP wird viel geschrieben, deshalb komme ich zu Ihnen. Ich bin Quereinsteiger, was haben Sie mir zu bieten?" Oder: "In meinem Fach habe ich keine Chance, wie können Sie mich ausbilden?" Denn SAP ist weder das Goldene Kalb noch ein Notnagel.
Bei Kandidaten, die sagen, sie hätten das falsche Studium gewählt, frage ich mich schon, ob das die richtigen Entscheidungsträger für uns sind. Auch Leute, die SAP der Sicherheit und Stabilität wegen wählen, passen nicht zu uns. Denn wir wollen keine Mitarbeiter, die nur auf ein sicheres Polster aus sind.
Dennoch freuen wir uns über Quereinsteiger. Junge Berufstätige bringen Branchen- und Prozesswissen mit. Fachfremde Absolventen, die bei uns anfangen, waren oft selbstständig, haben private Geschäftsmodelle entwickelt oder Webseiten für Freunde programmiert, waren Stipendiaten oder haben sich im sozialen Bereich besonders engagiert.

Steffen Laick, Senior Recruiting Consultant SAP
Dieser Artikel ist erschienen am 11.07.2006