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Skipper auf Kurs ? quer zum Wind

Von Oliver Stock
Mit Böhler-Uddeholm will Voest-Alpine-Chef Wolfgang Eder in die erste Liga der europäischen Stahlkonzerne aufsteigen.
Ein Voest-Alpine-Mitarbeiter hebt mit einem Krahn eine tonnenschwere Drahtrolle hoch. Foto: dpa
WIEN. Für einen, der sich ab sofort zu Europas Stahlbaronen zählen kann, gibt er sich bescheiden: Wolfgang Eder, Chef der österreichischen Voest-Alpine, die Böhler-Uddeholm übernommen hat. Sein Unternehmen hat mehr als 50 Prozent der stimmberechtigten Aktien des heimischen Beinahe-Konkurrenten erworben. Die genaue Höhe des Anteils will Voest-Alpine im Laufe des Tages bekannt geben.Eder, der drahtige "Herr Generaldirektor" mit den kurzen grauen Haaren, der Brille mit dem dicken schwarzen Rand und dem freundlichen, nie lauten Umgangston, ist ein Hintergrundarbeiter. Er hat - in Österreichs Führungsetagen eine Seltenheit - kein Parteibuch und ist kein Dauergast in heimischen Talkshows. Er ist Segler und weiß: Am leichtesten fährt es sich quer zum Wind. Mit dem Wind macht es wenig Spaß, und dagegen zu steuern hat keinen Zweck. Das Segeln, so sieht es Eder, der es mit diesem Sport fast einmal bis zur Teilnahme bei Olympia gebracht hat, ist ein gutes Training für einen Industriekapitän, der sein Unternehmen dann und wann durch unruhiges Fahrwasser steuern muss. Und der Böen nutzen muss, um Raum zu gewinnen.

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Eine solche Böe hatte vor gut zwei Monaten die heimische Stahlbranche erwischt, als der Edelstahlhersteller Böhler-Uddeholm von einem ausländischen Finanzinvestor gekauft werden sollte. In Österreich, wo die Industrie noch nicht allzu lange ohne die treu sorgende Hand des Staates auskommt, ist so etwas ein Tabu. Als "Fluch der Habsburger" bezeichnet das britische Magazin "Economist" diese Geisteshaltung. "Da hängt uns der einst hohe Anteil an verstaatlichter Industrie nach, im politischen Bewusstsein wie auch im Denken der Menschen. Grundsätzlich ist das in Österreich noch immer ein sensibleres Thema als in vielen anderen Ländern", räumt Eder ein.Was nach Bekanntwerden der Offerte, die von der Mehrheit der Österreicher sofort als Heuschreckenplage identifiziert wurde, im Hauptquartier der Voest-Alpine in Linz passierte, ist nach Eders Version Folgendes: Der Generaldirektor lässt rechnen. Was sind die Bereiche, in denen Voest-Alpine und Böhler-Uddeholm gemeinsam erfolgreicher sein können als allein? Lohnt sich ein Gegenangebot? Wie viel kann der Linzer Konzern auf den Tisch legen, um einen finanzkräftigen Investor aus dem Rennen zu schlagen?Das Ergebnis fällt so aus: Eder ist bereit, mehr als 3,6 Milliarden Euro für Böhler-Uddeholm zu zahlen. Damit sei er an die Grenze gegangen, sagt er. Niemals zuvor wird ein derart hoher Preis für ein österreichisches Unternehmen geboten. Schon gar nicht von einem einheimischen Bieter.Lesen Sie weiter auf Seite 2: So viele Mitarbeiter, wie Steyr Einwohner hatBeide Unternehmen zusammen erzielen einen Umsatz von nahezu zehn Milliarden Euro und haben 38 000 Mitarbeiter. Das sind zwar noch keine Verhältnisse wie bei Thyssen, das mit seinen vergleichbaren Sparten auf mehr als 17 Milliarden Euro Umsatz kommt. Aber es ist mehr als etwa der niedersächsische Stahlkonzern Salzgitter mit seinen 8,5 Milliarden Euro Umsatz. Und es ist viel für Österreich. Der Umsatz, den Eder künftig verwaltet, entspricht vier Prozent der gesamten österreichischen Wirtschaftsleistung. Mitarbeiter führt er so viele, wie die Stadt Steyr Einwohner hat."Die gute Konjunktur und die Tatsache, dass wir de facto schuldenfrei sind, haben uns diese Dimension ermöglicht", sagt Eder, lächelt verbindlich und schweigt. "Er ist sehr ruhig und sehr konsequent", beschreibt ihn ein Mitarbeiter aus der Führungsetage.Zur anderen Version, die in Österreich kursiert, nimmt Eder deswegen nicht Stellung. Sie geht so: Seit dem Mai vergangenen Jahres sitzt Eder im Aufsichtsrat von Böhler-Uddeholm. Der Böhler-Aufsichtsratspräsident Rudolf Streicher wiederum stand zuvor an der Spitzte des Voest-Alpine-Kontrollgremiums. Die Herren kennen sich gut. Trotzdem sind sie sich erst unter Druck von außen näher gekommen, denn viel haben beide Konzerne nicht gemeinsam. Voest-Alpine erzeugt vor allem Flachstahl für die Auto- und Bauindustrie. Böhler-Uddeholm fabriziert Edelstahlteile für den Werkzeug- und Kraftwerksbau. Die Synergieeffekte sind mager. Eder beziffert sie mit 65 Millionen Euro verteilt auf drei Jahre.Dass er dennoch ein Angebot abgegeben hat, könnte also mehr mit der Sorge zusammenhängen, Opfer der Heuschrecken-Plage zu werden, als mit rationalen Gründen. Dafür spricht, dass um die Ecke von der Linzer Voest-Alpine-Zentrale im dritten Stock eines gläsernen Bürohauses am Europaplatz 1 in der Innenstadt mit dem Chef der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, Ludwig Scharinger, ein Mann sitzt, der die Fäden gerne in der Hand behält. Die Bank besitzt 15 Prozent an dem Stahlunternehmen. Scharinger ist, wie es aus seiner Umgebung heißt, ein "unermüdlicher Bewahrer der heimatlichen Scholle". "Luigi Monetti" nennen ihn seine Kritiker. Von ihnen stammt auch die Version, dass Scharinger den Finanzinvestor erst auf den Plan gerufen hat, um dann Voest-Alpine die Rolle des weißen Ritters zukommen zu lassen. Eine Bestätigung gibt es dafür nicht. Aber die Geschichte ist gut.Wenn Eder solchen Schmäh hört, verzieht er keine Miene. Ja, sagt er nur, er fühle sich von denen, die das erzählen, ungerecht behandelt. Mehr kommt nicht über seine Lippen. Er weiß zu gut, dass alles andere seinen Ruf ruinieren würde. Der Skipper wäre Chef von Voest-Alpine geworden, wenn er Untiefen nicht meilenweit im Voraus erkennen könnte. Der 55-Jährige gelangte nach dem Abgang seines Vorgängers, der über einen privaten Aktiendeal gestolpert war, an die Konzernspitze. Zuvor hatte er den Börsengang des Konzerns vorbereitet - zum damaligen Zeitpunkt der erfolgreichste in der Geschichte der Wiener Börse. Ein Stahlbaron? "Nein, ein Stahlarbeiter", sagt einer, der ihn kennt - ein Arbeiter, der zusammenschweißt, was zusammenpasst.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Wolfgang EderVita von Wolfgang Eder1952 wird Eder am Attersee in Oberösterreich geboren.1978 nach einem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Salzburg und einer Promotion folgen die obligatorische Gerichtspraxis sowie eine Station am Imas-Institut in Linz. Im Anschluss beginnt er seine Berufslaufbahn beim staatlichen Industriekonglomerat Voest-Alpine. Dort baut er die neue Abteilung Gesellschaftsrecht auf.1988 wird Eder zuständig für Konzernrecht und Beteiligungen.1991 steigt er zum Generalsekretär von Voest-Alpine auf und begleitet die Dreiteilung des Konglomerats.Im Sommer des Jahres 1995 bereitet er den Börsengang des Konzerns vor, der zu diesem Zeitpunkt das erfolgreichste IPO in der Geschichte der Wiener Börse wird. Im Dezember desselben Jahres wird er in den Vorstand des Unternehmens bestellt.2001 steigt er auf zum Vize-Chef des Konzerns. Zudem ist er als Vorstandschef von Voest-Alpine Stahl für Flachstahl verantwortlich.Seit April 2004 ist er Vorstandsvorsitzender des Konzerns.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.06.2007