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Skepsis über Streiffs Berufung zu PSA

Von Holger Alich
Als Airbus-Chef war Christian Streiff kaum drei Monate nach Amtsantritt Anfang Oktober wieder zurückgetreten. Jetzt steigt Streiff, der als harter Sanierer gilt, bei PSA Peugeot Citroën ein. Analysten sehen seine Berufung an die Spitze des Autokonzerns aber kritisch.
PARIS. Analysten sehen die Berufung des ehemaligen Airbus-Chefs Christian Streiff an die Spitze des Autokonzerns PSA Peugeot Citroën kritisch: ?Er hat weder Erfahrungen in der Automobilindustrie noch mit Produkten für den Massenmarkt?, kritisierte Thierry Huon, Auto-Analyst beim Pariser Broker Exane. Ferner stimmt den Experten nachdenklich, dass Streiff bereits zweimal unrühmlich aus seinen vorherigen Top-Jobs bei Airbus und Saint-Gobain ausgeschieden ist.Am gestrigen Dienstagabend teilte PSA Peugeot Citroën mit, dass Streiff ab Februar Nachfolger des amtierenden Konzernchefs Jean-Martin Folz wird. Streiff galt als Favorit für den Posten. Folz hatte Anfang September überraschend angekündigt, dass er Anfang 2007 nach zehn Jahren an der Konzernspitze aufhören will.

Die besten Jobs von allen

Streiff eilt der Ruf eines Sanierers voraus. ?Bei Airbus war er sehr schnell?, sagte Philippe Barnier, Analyst der Société Générale zu Bloomberg, ?die Autoindustrie ist komplexer, also wird er mehr Zeit brauchen.?Experten sehen das Hauptproblem bei PSA weniger auf der Kosten-, sondern vielmehr auf der Absatzseite: Der Autokonzern gilt als zu abhängig vom stagnierenden westeuropäischen Markt. Ferner altert die Produktpalette. Auf Trends wir margenreiche Nischenmodelle wie die Sport Utility Vehicules (SUV) ist der Autohersteller erst spät aufgesprungen.?Der neue PSA-Chef muss die Produkterneuerung vorantreiben?, meint Exane-Analyst Huon. So habe Peugeot mit dem Kleinwagen mit elektrischen Schiebetüren, dem 1007, einen Flop produziert, der Wagen der unteren Mittelklasse, der 407, läuft nach einem guten Start heute seinen Zielen hinterher. Vor allem der neue Passat von VW macht ihm das Leben schwer.Angesichts der Absatzprobleme hat PSA bereits viermal in Folge seine Gewinnziele kassiert, zuletzt Ende Oktober. Angesichts sinkender Umsätze vor allem der Autosparte (minus 3,9 Prozent im dritten Quartal) hatte PSA erklärt, das Ziel einer Marge von 2,4 Prozent im Gesamtjahr nicht halten zu können. Die Absatzerfolge des neuen Kleinwagens 207 retten die Marge offenbar nicht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Streiff wird vor allem an einem Punkt ansetzen müssen.Am Dienstag zeigte sich Konzern-Chef Folz bei der Vorstellung neuer leichter Nutzfahrzeuge, die PSA gemeinsam mit Fiat produziert, zugeknöpft in Sachen Margenprognose: ?Das Ergebnis hängt nun von den Verkäufen des vierten Quartals ab?, sagte er lediglich. Immerhin: Im Oktober gingen die Verkaufszahlen im Heimatmarkt Frankreich für Peugeot wieder 17 Prozent nach oben. Schwestermarke Citroën verzeichnete indes ein minus von sechs Prozent. Peugeot-Marken-Chef Frédéric Saint-Geours sagte dem Handelsblatt, dass Peugeot seine hohen Lagerbestände ?auf ein Normalmaß? zurückgeführt hat. Da Verkäufe ab Lager in der Regel mit Rabatten einhergehen, dürften neue Absatzzugänge positiv auf die Marge wirken.In Sachen Modellpolitik kann Streiff zunächst auf die für 2007 geplante Offensive setzen: Neuheiten wie der jüngst vorgestellte Mini-Van C4 Picasso von Citroën und die Gelände-Wagen beider Marken, die PSA mit Hilfe von Mitsubishi im kommenden Sommer auf den Markt bringen will, könnten der Konzern-Marge auf die Sprünge helfen.Auch in Sachen Kosten hat Folz bereits ein erstes Sparpaket aufgesetzt: Der Konzern will rund 10 000 Stellen streichen rund 500 Mill. Euro im Jahr weniger investieren. Dies soll indes nicht zu Lasten der Entwicklung neuer Modelle gehen.Streiff wird vor allem eine Antwort darauf finden müssen, wie der französische Autoriese wieder Wagen anbietet, die so sonst keiner im Programm hat. Früher zum Beispiel waren die Marken Peugeot und Citroën die einzigen, die für jede Baureihe einen umweltfreundlichen Dieselmotor mit Rußpartikelfilter im Angebot hatten. Mittlerweile hat hier die Konkurrenz aufgeholt.Spannend wird zu sehen sein, ob Streiff an der PSA-Strategie der punktuellen Kooperationen festhalten wird: PSA arbeitet mit zahlreichen Wettbewerbern zusammen (Fiat: Leichte Nutzfahrzeuge, BMW: Motoren, Toyota: Kleinwagen etc.), aber immer nur für ein Produktfeld und ohne Kapital-Beteiligungen. Dagegen sieht Renault-Chef Carlos Ghosn Sinn darin, den Verbund aus Renault und Nissan noch um einen US-Partner zu erweitern, um Größenvorteile zu erreichen.Ein detaillierter Plan mit konkreten Gewinnzielen wie von Renault-Chef Ghosn würde dem künftigen PSA-Chef Streiff gewiss helfen, das Vertrauen der Märkte zu gewinnen.
Bewegte Karriere1954: Christian Streiff wird in Sarrebourg geboren. Später absolviert er die Eliteschmiede Ecole des Mines.1976: Er startet seine berufliche Laufbahn bei Frankreichs ältestem Industriekonzern Saint Gobain. Seine Stationen führen ihn auch nach Deutschland.2001: Streiff rückt in den Vorstand auf. Konzernchef Jean-Louis Beffa ernennt ihn zu seinem Wunschnachfolger. Doch 2005 scheidet Streiff im Streit aus.Juli 2006: Er wird Airbus-Chef. Wenige Monate später eckt Streiff erneut an und verlässt Airbus.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.11.2006