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Singen wie Céline Dion

Stefanie Hadding. Foto: Pixelio.de
Klüngeln gehört in China zum Geschäft: Nivea-Managerin Ismene Grohmann muss Überstunden in Schanghais Karaoke-Bars machen.
Ein wenig hat das chinesische Phänomen Guanxi vom Klüngel der Kölner: Wer im Wirtschaftsleben bestehen will, der muss Beziehungen pflegen. Eine Einsicht, die auch Ismene Grohmann rasch gewonnen hat. Im September 2007 wechselte die 34-Jährige von Hamburg nach Schanghai. Der Auslandsaufenthalt ist Voraussetzung für einen Karrieresprung bei Beiersdorf.

Die Marketing-Managerin verantwortet die Gesichtspflegeserie Nivea Visage in ganz China - und verbringt viel Zeit mit "Guanxi": Nach einem langen Arbeitstag gehören ausgiebige Geschäftsessen und Karaoke-Abende mit Partnern zur Pflicht. "Da werden manchmal mehr Entscheidungen getroffen als in Meetings", sagt die Volkswirtin, die drei Jahre bleiben will. Mittlerweile kann sie dem Singen etwas abgewinnen. "Immerhin beherrsche ich ein chinesisches Lied, ansonsten bleibt für mich meistens nur Céline Dion."

Die besten Jobs von allen


Auch die fünf Mitarbeiter erwarten von der Neu-Schanghainesin, dass sie am Abendprogramm teilnimmt, am Teamsport oder am Barbesuch zum Beispiel. So gehen häufig ein, zwei Abende in der Woche für den chinesischen Klüngel drauf. Und immer gilt: Wer nicht mitmacht, verliert sein Gesicht - vor allem die Chefin.

Der Arbeitsalltag hingegen läuft professioneller ab, als Europäer es sich vorstellen. "Das Tempo ist bedeutend höher als bei uns, Menschen und Projekte sind sehr flexibel, nichts ist unmöglich." Gewöhnen musste sich Ismene Grohmann zunächst an das hierarchische System ihrer neuen Heimat. Teamarbeit ist weniger üblich, Kritik gegenüber dem Vorgesetzen undenkbar. In China habe immer der Chef das erste und das letzte Wort. Zudem funktioniere die Kommunikation weniger direkt. "Vielen Dingen kommt man erst durch vorsichtiges Nachfragen auf den Grund."

Die größte Klippe der ersten Monate? Keine Frage, es ist die Sprache. "Erst musste ich mich damit abfinden, dass außerhalb des Büros fast niemand Englisch spricht. Dann musste ich einsehen, dass die Schrift für mich nicht zu lernen ist." Nach einem Crashkurs in Hamburg und sechs Monaten vor Ort ist Grohmann immerhin so weit, dass sie dem Taxifahrer den Weg zum Büro erklären und beim Imbiss um die Ecke Baozi, gefüllte Brötchen, bestellen kann. Für andere Fälle verlässt sich Grohmann auf die Übersetzungen ihres Teams.

Grohmanns Gehalt, das zum Teil in Euro, zum Teil in der Landeswährung Renminbi ausgezahlt wird, ist deutlich höher als daheim. "Das liegt zum einen am Karriereschritt, aber auch an den Zulagen." Die helfen vor allem, den alten Wohnstandard zu wahren. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem guten Viertel kostet 2000 Euro. "Kauft man wie ich oft in internationalen Supermärkten ein und geht häufig aus, ist das Leben so teuer wie in Deutschland."

Die private Heimat der Marketing-Frau liegt im zentralen, pittoresk-europäischen Viertel Jing'An. In Clubs und Restaurants trifft sich Ismene Grohmann mit ihren neuen Freunden. Neben anderen Expats sind inzwischen auch einige Chinesen dabei, worüber Grohmann sich besonders freut: "Eine echte Bereicherung und der schnellste Weg, um Kultur und Denken zu verstehen."

Trotz aller Startschwierigkeiten lebt Ismene Grohmann gerne in Schanghai. "Hier geschieht gerade so viel. Jeder ist motiviert und lernbegierig. Es ist einfach toll, dabei mitzuwirken."

Leben und arbeiten in China

Wichtigste Firmen: Chinesische: PetroChina, ICBC, China Construction Bank, Sinopec, Bank of China. Deutsche: Adidas, BASF, Bosch, Siemens, VW.

Wichtigste Regionen: Peking, Schanghai, Zhejiang, Kanton, Perlfluss-Delta. In China gibt es 44 Millionenstädte.

Durchschnittsgehalt: Ein Chinese verdient beim Berufseinstieg 250 Euro im Monat, ein Absolvent der Schanghaier Business School CEIBS 154000 US-Dollar pro Jahr.

Freizeit: Ein Menü kostet im Restaurant um die Ecke vier Euro, im Schanghaier In-Restaurant Lost Heaven 30 Euro. Shopping ist die liebste Freizeitbeschäftigung: Das Schanghaier Kaufhaus Nummer eins hat täglich eine Million Kunden.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2008