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Sind wir nicht alle kleine Lohas?

Die moralischen Hedonisten sind auf dem Vormarsch: Aus Amerika schwappt der Trend des "Lifestyle of Health and Sustainability", kurz "Lohas", nach Deutschland. Prominente Vertreter wie Brad Pitt, George Clooney oder Madonna, die für Umwelt und Gesellschaft Gutes tun, ohne dabei auf Genuss und Luxus zu verzichten, sorgen für eine schnelle Verbreitung des Sowohl-als-auch-Lebensstils.
Kultursoziologe Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut über das Potenzial der deutschen "Lohas" und den neuen, nicht nur grünen Wachstumsmarkt.

Der Trend geht zur gesunden Ernährung. Ist das auch schon in der Kantine des Zukunftsinstituts angekommen?

Wir haben hier die Möglichkeit, lecker zu kochen. Meistens gibt es regionale Küche, zum Beispiel Frikadelle mit Kartoffeln, dazu grünes Gemüse der Saison. Ich zähle mich zur Gruppe der gesunden Genießer. In Stresssituationen ist aber auch mal eine Pizza in Ordnung

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Genießen, aber gleichzeitig ökologisch korrekt bleiben. In Ihren Veröffentlichungen nennen Sie diesen Trend "Lifestyle of Health and Sustainability" oder kurz "Lohas". Was genau steckt hinter dem schicken Begriff?

"Lohas" ist der Lebensstil einer "Sowohl-als auch-Generation". Der Lebensstil basiert auf Genuss, gleichzeitig haben die "Lohas" ganz bestimmte Wertvorstellungen und wollen im Einklang mit ihrer Umwelt leben

Wie unterscheiden sich die neuen Ökos von denen der 80er Jahre?

"Lohas" findet man nicht bei den Körnerfressern. Müsli ist aus der Öko-Ecke raus, auch lifestylige Kunden kaufen Bio

In erster Linie geht es dabei um das eigene Wohlbefinden. Welche Rolle spielen Moral und Ethik?

Es wird richtig hedonistisch genossen, aber das muss sich - wenn irgendwie möglich - auch mit meinem Weltbild vereinbaren. Ich möchte fairen Handel, ich möchte, dass die Natur geschont wird, ich möchte keine Kinderarbeit

Was sind typische Produkte für "Lohas"?

Das sind oft Dinge, von denen man es zunächst gar nicht denkt. Der iPod von Apple ist zum Beispiel ein solches Gerät. Statt mit Batterien läuft er mit Akkus, außerdem wird ein bestimmter Betrag des Kaufpreises an wohltätige Zwecke abgeführt

Akkus anstelle von Batterien und ab und zu Bio-Produkte kaufen - ist das nicht etwas wenig für einen neuen Trend?

Ich möchte Apple gar nicht in den Himmel heben. Bei der Produktion von Bildschirmen sollen die Apple-Leute sogar ziemliche Öko-Säue sein. Was ich sagen will: Der Lohas-Gedanke breitet sich auf alle Märkte aus. Schauen Sie sich den Blog treehugger.com an. Sie finden dort jede Menge nachhaltige, gleichzeitig stylische Produkte

Dennoch ist und bleibt gesunde Ernährung eine Sache der Besserverdienenden. Wer wenig verdient, sucht nach billigen Angeboten. Was ist mit dem Geiz-Trend?

Die "Geiz-ist-geil"-Kultur kam rechtzeitig zur wirtschaftlichen Krise. Die Deutschen fragen zwar immer gerne nach dem Preis, ein echter Zukunftstrend war das aber nie. Konsumenten schauen wieder mehr nach Qualität. Bio-Supermärkte boomen. Discounter werden weniger stark wachsen

Eine Folge des Gammelfleisch-Skandals?

Die Bio-Branche wird von solchen Skandalen profitieren. Schon jetzt wissen viele Händler nicht, wie sie die Nachfrage nach Bio-Fleisch bewältigen sollen. Bio-Gemüse wird sogar mittlerweile aus Argentinien importiert, weil die Landwirtschaft und auch der Handel zu spät reagiert haben. Der Trend hat nicht nur eine kleine gesellschaftliche Elite erfasst hat. Es gibt einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel

Wenn die Bio-Branche auf Importe angewiesen ist, kann man wohl kaum noch von Öko-Lebensmitteln sprechen. Der Aufwand für den Transport ist riesig, außerdem werden in Südamerika Wälder für die Landwirtschaft abgeholzt.

Deshalb werden wir in den nächsten Jahren zu lokalen oder regionalen Produkten zurückkehren. In Südbaden und im Allgäu existiert eine Supermarktkette, die ihren Kunden sagt: Was ihr bei uns kauft, hat vielleicht nicht immer ein Bio-Siegel, aber alle Lebensmittel kommen aus dem Umland. Das wird es in Zukunft noch viel stärker geben

Dann wäre auch das Problem mit Übergewicht und Verfettung in den Industrieländern gelöst.

So funktioniert das leider nicht. Wir beobachten zwar, dass sich immer mehr Menschen bewusst ernähren, aber diese Menschen sind noch nicht in der Mehrheit. Es gibt einfach viele, die sich denken, sie hätten etwas für ihre Gesundheit getan, wenn sie drei Tüten Diätchips essen. In den so genannten Unterschichten ist das Problem mit ungesunder Ernährung sehr groß

Welche Rolle werden gentechnisch veränderte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel spielen?

Wir werden in den nächsten Jahren viel über so genannte Smart Drugs diskutieren. Smart-Drugs sind weiche Drogen, aber nicht im Sinne von Rauschgift. Smart Drugs sollen helfen, die Befindlichkeit unter hoher Belastung zu verbessern. Wer sich aktiv um seine Gesundheit kümmern will, wird nach Medikamenten zur körperlichen Optimierung suchen. Psychopharmaka werden stärker in den Alltag rücken

Auf der einen Seite das natürliche Leben mit Lebensmitteln aus der Region, auf der anderen Seite die körperliche Optimierung mit Drogen aus dem Labor. Wie verträgt sich das denn?

Ich sehe da keinen Widerspruch. Beides entsteht aus dem Bedürfnis, bewusst zu leben. Man will gesund bleiben - und das möglichst effektiv. Dabei helfen sowohl Bio-Produkte als auch "Functional Food", Lebensmittel mit Zusatznutzen

Gut, dass bei Ihnen im Zukunftsinstitut die regionalen Spezialitäten auf den Tisch kommen.

Ja, wir sind hier auch etwas abseits auf unserem Berg. Rund um uns herum wachsen Apfelbäume. Wir machen daraus sogar unseren eigenen Ebbelwoi.

Die Fragen stellte Jörg Hackhausen
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2007