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Siemens-Chef in friedlicher Mission

Von Andreas Rinke und Caspar Busse, Handelsblatt
Selbst für einen abgebrühten und erfahrenen Manager wie Heinrich von Pierer dürfte der Donnerstag ein besonderer Tag sein: Denn der Siemens-Chef wird am runden Tisch des Uno-Sicherheitsrates Platz nehmen können.
Heinrich von Pierer spricht vor dem Uno-Sicherheitsrat. Foto: dpa
NEW YORK/MÜNCHEN. Selbst für einen abgebrühten und erfahrenen Manager wie Heinrich von Pierer dürfte der Donnerstag ein besonderer Tag sein: Denn der Siemens-Chef wird am runden Tisch des Uno-Sicherheitsrates Platz nehmen können. Eine Premiere, denn der Deutsche ist der erste Unternehmensvertreter, der im höchsten Uno-Gremium reden wird. Und von Pierer ist dabei in prominenter Gesellschaft: Vor ihm sprechen bei der um zehn Uhr New Yorker Ortszeit beginnenden öffentlichen Sitzung Uno-Generalsekretär Kofi Annan und Weltbankchef James Wolfensohn.Zu verdanken hat der Siemens-Chef den prestigeträchtigen Auftritt der Bundesregierung. Denn die hat in diesem Monat turnusmäßig den Vorsitz im 15-köpfigen Uno-Gremium. Sie hat auch das Thema ?die Rolle der Wirtschaft bei der Krisenprävention und -bewältigung? auf die Tagesordnung gesetzt.

Die besten Jobs von allen

Dass die Bundesregierung dazu von Pierer als Redner verpflichtete, überrascht nicht. Denn der Münchener Konzern ist ein echter ?Global Player? und in fast allen Krisenherden aktiv, auch im Irak und in Afghanistan. In 190 Ländern beschäftigt Siemens mehr als 417 000 Menschen. 80 % des Umsatzes wird außerhalb von Deutschland erzielt. Von Pierer ist also in einer Art Friedensmission unterwegs.Zu Recht, findet Jörg Hartmann, bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) zuständig für die Kooperation mit der Wirtschaft. ?Denn gewollt oder ungewollt sind Unternehmen heute maßgebliche geopolitische Faktoren geworden.? Ihre ökonomische Macht ist mittlerweile so groß, dass sie das Verhalten von Regierungen beeinflussen und über Stabilität und Instabilität von Regionen mitentscheiden. Nach Angaben des BDI belaufen sich alleine die deutschen Direktinvestitionen in Entwicklungsländern auf mehr als 40 Mrd. Euro. Die deutsche Wirtschaft beschäftigt damit dort direkt etwa 660 000 Arbeitnehmer ? und sichert das Einkommen von Millionen.Schon 1999 hatte Kofi Annan deshalb den Dialog zwischen Wirtschaft und Politik in globalen Fragen anstoßen wollen: Dazu startete er die ?Global Compact Initiative?, die mittlerweile von 27 deutschen Unternehmen, darunter Siemens, unterstützt wird. Dabei verpflichten sich die Firmen, bei weltweiten Geschäften neun Grundsätze im Bereich der Menschenrechte, der Arbeitsnormen und des Umweltschutzes zu beachten. Der Hintergedanke: Auch für die Unternehmen zahlt es sich aus, wenn sie mit internationalen Organisationen und Regierungen an Frieden und Stabilität in möglichst vielen Regionen der Welt arbeiten. Denn fehlende Sicherheit ist schlecht fürs Geschäft ? zumindest für die meisten Branchen.Auch der Siemens-Chef hat stets die Nähe zur Politik gesucht ? international wie national. Wann immer Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Runde illustrer Wirtschaftsvertreter im Kanzleramt um sich schart, wie jüngst beim Innovationsrat, ist er dabei.Allerdings war sein Verhältnis zur Politik in der letzten Zeit nicht ganz spannungsfrei. So hat der Bundeskanzler bisher nicht durchsetzen können, dass die Regierung Siemens die Ausfuhrgenehmigung für die Hanauer Brennelemente-Anlage nach China erteilt. Im Gegenzug war man in der Bundesregierung auch nicht sonderlich ?amused?, dass Siemens demonstrativ mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Osteuropa drohte. Die Entscheidung über die Besetzung des New Yorker Auftritts war aber schon vorher gefallen.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.04.2004