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Sie nannten ihn ?Bambi?

Von S. Kerstin und S. Müller, Handelsblatt
Bis vor kurzem war José Luis Rodríguez Zapatero ein leidlich erfolgreicher Parteichef. Jetzt ist der Sozialist der Mann der Stunde. Zweifel an seinen Fähigkeiten bleiben.
MADRID. Bei seinem ersten Auftritt als Wahlsieger macht José Luis Rodríguez Zapatero alles richtig. Es ist 23 Uhr, als er, groß, schlank, dunkel, in der Parteizentrale der Sozialisten ans Rednerpult tritt. Jubelnde Anhänger schwenken rot-weiße Fahnen, überwältigt von einem unerwarteten Erfolg. Zapatero lächelt kaum. Kaum hat er sich bedankt für die Stimmen, die ihn zum künftigen Ministerpräsidenten Spaniens machen werden, wird seine Stimme noch dunkler: ?Meine Gedanken sind bei den Opfern?, sagt er und dass dies kein Tag zum Feiern sei. Dann herrscht Ruhe. Eine Gedenkminute für die Toten der Anschläge von Madrid unterbricht die aufgeregte Szenerie des Wahlabends.Dies ist der Moment, der vielleicht am deutlichsten zeigt, warum die Spanier eine erfolgreiche Regierung abgewählt und stattdessen ein neues Gesicht gewählt haben. Zapatero gibt vielen die Gefühle, die Menschlichkeit zurück, die sie beim konservativen Premier José María Aznar in den vergangenen acht Jahren und besonders in den letzten Tagen vermisst haben. Zapatero dagegen ?bewies zuletzt unvermutet Größe?, sagt Raphael Pampillón, der an der Businessschule Instituto de Empresa in Madrid lehrt.

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Zapatero galt bislang nur als der perfekte Schwiegersohn. Niemand konnte ihn sich an der Spitze einer Regierung vorstellen. ?ZP ? Zapatero Presidente?, der Wahlslogan der Sozialisten, wurde vom regierenden Partido Popular belacht. Als führungsschwach galt der Spitzenkandidat der Arbeiterpartei. Sie nannten ihn ?Bambi? wegen seiner großen treuen Augen.Das interne Ziel der einst so glanzvollen Partei von Altpremier Felipe González war darauf gerichtet, den Konservativen ihre absolute Mehrheit abzunehmen. Schon das wäre als großer Sieg gefeiert worden und schien vor dem Massaker am 11. März nach einer harten Wahlkampagne in greifbarer Nähe.?Zapatero ist kein Führer, aber er scheint ehrlicher als die vom PP?, sagte die 35-jährige Madrilenin Béatriz Bernat schon lange vor dem Wahltag. Pluspunkte sammelte Zapatero, indem er sich wie jeder gute Herausforderer der Konfrontation mit dem Gegner stellte, die öffentliche Debatte mit ihm suchte. Aber Mariano Rajoy lehnte strikt ab. ?Wahrscheinlich hat er ein schlechtes Gewissen, weil er weiß, dass diese ganze Verwicklung in den Irak-Krieg eine große Lügengeschichte ist?, sagt die 36-jährige Marta García-Escudero.Umfragen, die vor dem Anschlag erhoben wurden, bestätigen diese Stimmen. Zapatero gilt als ehrlicher als Rajoy. Die Stärken des Konservativen ? höhere Kompetenz, bessere Führungsfigur ? zählten in diesem besonderen historischen Moment weniger.Zapateros Ankündigung, er wolle nur regieren, wenn er mehr Stimmen als der PP bekommen sollte, war heftig kritisiert worden; ja, es galt als das eigene Todesurteil. Sein Mut dürfte sich jetzt ausgezahlt haben, weil er Stimmen von rechts hinzugewonnen hat. Viele PP-Wähler wie Javier Revuelta wollten ihren Politikern schon vor dem Attentat einen Denkzettel verpassen: ?Die sind viel zu arrogant geworden?, sagt der 37-jährige Madrilene. Für ihn ist es ein gutes Zeichen, dass Zapatero die spanischen Soldaten nun auch wie versprochen aus dem Irak holen will.Zapatero ist so alt wie Aznar, als dieser 1996 den ersten Wahlsieg verbuchte. Dem Mann aus León gelang der Sieg im ersten Anlauf, obwohl die Zahl seiner Kritiker groß war. Kaum gelang es ihm, die verschiedenen Strömungen in der Partei von dem katalanischen Präsidenten Pasqual Maragall bis hin zu dem Chef der Regierung von Extremadura, José Bono, zusammenzuhalten. Anders als bei dem autoritär geführten PP zeigen die Regionalchefs der Sozialisten ihre Macht und schrecken vor einer Konfrontation mit dem Chef nicht zurück.Er ist ein Mittelklassekind, sein Vater ist Jurist, von seiner Mutter soll er den Ernst und die Strenge geerbt haben. Vor dem Spiegel habe er berühmte Personen imitiert, heißt es. 1976 besucht er eine Parteiveranstaltung von Felipe González, dem späteren Premier. Seitdem weiß er, dass seine Heimat die PSOE ist und sein Vorbild Felipe. Da ist er 16 Jahre alt. Zwei Jahre später tritt er der PSOE bei. Mit 26 wird er Spaniens jüngster Parlamentarier. Nur kurz hatte der Jurist einen anderen Beruf als den des Politikers ausgeübt. Er ist ein Karrieretyp, aber er wurzelt auch im Widerstand. Sein Großvater wurde 1936 von Franco-Kommandos erschossen, weil er sich nicht auf ihre Seite schlagen wollte.Zapatero sei ein ?glanzloser Hoffnungsträger?, hieß es über den Spitzenkandidaten auch bei einigen in der eigenen Partei. Andere störten sich an seiner müden Rhetorik. Der rechte Arm geht bei seinen Reden immer wieder nervös in die Luft und erinnert manchmal an den Nazi-Gruß ? fatal. Seine Berater versuchen, ihm diesen Makel abzugewöhnen. Aber wirklich unten bleibt der Arm erst jetzt, als Zapatero seine Siegesrede hält. Zwischen Anschlags- und Wahltag ist er kaum in der Öffentlichkeit aufgetreten, um den Eindruck zu vermeiden, er wollte vom Unglück anderer profitieren ? auch wenn er dies nun, unfreiwillig zwar, aber unbestreitbar, getan hat.Politischen Beobachtern gilt er immer noch als zu weich. ?Seine Wahl wird jetzt erst einmal Unsicherheit verbreiten?, sagt Pampillón vom Instituto de Empresa. Wirtschaftlich gesehen, habe es keinen Grund gegeben, die Regierung zu wechseln. Bei der PSOE wisse man nicht, wofür sie stehe. Die spanische Börse bestätigt diese Befürchtungen. Sie sackte gestern zeitweise um dreieinhalb Prozent auf den tiefsten Stand des Jahres ab.Zapatero ist an Skepsis gewöhnt. Vor bald vier Jahren, im Sommer 2000, setzte er sich überraschend gegen die Schwergewichte der Partei durch und wurde mit 39 Jahren neuer Generalsekretär der PSOE. Da saß er, der immer bestens gekleidete neue Hoffnungsträger der Partei, die sich vier Jahre lang in Grabenkämpfen abgenutzt hatte und in weiten Teilen der Öffentlichkeit noch immer das Image einer Korruptionspartei hatte.Zapatero suchte seinen Kurs, gab sich als Anwalt der Jungen, der Armen, der Benachteiligten. Den Durchbruch brachte das nicht, aber vor allem sie waren es jetzt, die an den Urnen ihre Stimme für ihn abgaben. Auf einmal, nach den furchtbaren Anschlägen, ergab der Kampagnenslogan der PSOE ?Wir verdienen ein besseres Spanien? Sinn. Bisher hatte die Mehrheit der Spanier gedacht, dass es ?Spanien gut geht? ? so wie es Aznar bei jeder Gelegenheit gepredigt hatte. Die Sozialsten hatten dem wenig entgegenzusetzen ? außer der sich abnutzenden Kampagne gegen den Krieg.Der überzeugte Kriegsgegner Zapatero war es, der vorneweg marschiert war und noch Monate später über Aznars ?himmelschreienden Fehler? schimpfte, im Irak-Krieg blind US-Präsident George W. Bush gefolgt zu sein und Spanien in Europa isoliert zu haben. Diese Festigkeit nutzte den Sozialisten jetzt.Nie jedoch vergriff sich Zapatero im Ton. Lieber nahm er in Kauf, dass seine Reden monoton, ja lahm wirkten. Auch gestern verzichtete er auf Häme: ?Rajoy war ein würdiger Gegner.? Er wiederholt seinen Wahlkampfslogan: ?Ich will eine Politik für alle Spanier machen.? Er verspricht: ?Die Macht wird mich nicht verändern?, und zielt damit auf die alte Regierung ab, die sich oft überheblich gab. Trotzdem: Ganz derselbe sollte er nicht bleiben.Karriere im EiltempoMit 18 Jahren tritt José Luis Rodríguez Zapatero in die sozialistische Partei PSOE ein. Deren damaliger Chef Felipe González hat den Jungen aus León zwei Jahre zuvor bei einer Kundgebung beeindruckt. Rechtsanwaltssohn Zapatero studiert Jura und wird später Professor für öffentliches Recht an der Universität León.
Mit 26 Jahren wird er als jüngster Abgeordneter in das spanische Parlament gewählt.
Mit 39 Jahren wird er Parteichef. Er profitiert davon, dass die Basis auf dem Parteitag die komplette Spitze der PSOE absetzt. Der Favorit José Bono fällt durch, der Außenseiter Zapatero wird gewählt.
Mit 43 Jahren gewinnt er ? wieder überraschend ? die Parlamentswahlen. Nachdem die letzten Umfragen noch einen deutlichen Rückstand signalisiert haben, ändern die Terroranschläge das Stimmungsbild.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.03.2004