Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

"Sie müssen Ihren Kopf benutzen."

Interview: Dorothee Fricke
Mark McCombe, oberster Anlagestratege bei HSBC, hat aus Krisen stets gelernt. Am meisten geprägt hat ihn ein Terroranschlag in der Türkei.
Wir sitzen hier in der Bibliothek der Privatuni WHU in Vallendar. Wer hier studiert, hat seine Karriere früh im Blick. War das bei Ihnen auch so?

Nein, ehrlich gesagt hatte ich als Student keine besonderen Karriereambitionen. Die Universtiy of Aberdeen, wo ich meinen M.A. in internationaler Politik gemacht habe, war aber in den Achtzigern das komplette Gegenteil einer Business School.

Die besten Jobs von allen


Was war das Beste an Ihrer Studienzeit?

Nun ja, mein Stundenplan war nie so voll. Nein, Scherz beiseite: Ich hatte das Glück, das studieren zu können, was mich am meisten interessiert hat. Das Beste war aber, dass ich so viel gereist bin. Hauptsächlich war ich in Europa unterwegs, aber am meisten geprägt hat mich meine Reise nach China. Das war 1985, als das Land noch sehr abgeschlossen war. Zwei Jahre habe ich nur auf diese Reise gespart, habe zum Beispiel in Bars oder als Fahrer gejobbt. Dann bin ich für drei Monate allein unterwegs gewesen. Teilweise bin ich in Gegenden gereist, wo die Leute noch nie einen Europäer gesehen hatten. Eine unglaubliche Erfahrung.

Dass man mit einem Abschluss in internationaler Politik zu einer Bank geht, ist ungewöhnlich. Wie sind Sie bei HSBC gelandet?

Für das internationale Traineeprogramm habe ich mich vor allem deshalb beworben, weil ich unbedingt in Asien arbeiten wollte. Das Interesse an der Finanzwelt kam später. Aber im Assessment Center kam es auch gar nicht darauf an, dass man schon Finanzwissen hatte. Was zählte, waren Persönlichkeit und Führungspotenzial. Bei mir hat wohl auch überzeugt, dass ich mich in verschiedenen Kulturen bewegen konnte.

Haben Quereinsteiger bei HSBC auch heute noch diese Chancen?

Grundsätzlich ja, denn ein globales Unternehmen ist ja viel mehr als eine Ansammlung von Spezialisten. Einige harte Skills, wie etwa Sprachkenntnisse, sind jedoch wichtiger geworden.

Sie waren erst 21, als sie in den Beruf eingestiegen sind und haben dann schnell Verantwortung übernommen. War es für Sie wichtig, dass man Ihnen in sehr jungen Jahren viel zugetraut hat?

Für mich war das toll. Ich glaube nicht, dass man erst zehn Jahre an die Uni gehen muss. Ich habe zwar auch fachlich viel von Fortbildungen profitiert, aber das meiste habe ich durch praktische Erfahrungen gelernt. Besonders viel lernt man übrigens, wenn man durch Krisen hindurch managen muss.

Was war die größte Krise, die Sie in Ihrer Karriere durchlebt haben?

Da gab es mehrere. Während der Rezession in Kalifornien habe ich in den Staaten für die Wells Fargo Bank gearbeitet. Später, während meiner Zeit in Hongkong, hat uns die Asien-Krise hart getroffen. Die größte Krise habe ich jedoch im Jahr 2003 in der Türkei erlebt. Auf unser Head-Office in Istanbul wurde ein Terroranschlag verübt. Ein Selbstmordattentäter sprengte sich in die Luft und riss 13 Menschen, darunter drei Mitarbeiter von uns, mit in den Tod, über 90 waren zum Teil schwer verletzt.

Vorbereitet ist auf eine solche Situation wahrscheinlich niemand. Woher wussten Sie, was zu tun ist?

Es gab einen Notfallplan in Form eines ziemlich dicken Buches. Das lag hinter mir, angefasst habe ich es allerdings nicht. In so einer Situation können Sie nicht erst ein Buch lesen, sie müssen handeln und ihren Kopf benutzen. Sie müssen dafür sorgen, dass jeder eine Aufgabe bekommt. Nur so haben wir es geschafft, dass Geschäft innerhalb von 24 Stunden wieder ans Laufen zu bringen. Trotzdem hat uns der Anschlag natürlich in den nächsten Monaten noch viel Aufbauarbeit in das Vertrauen der Menschen gekostet.

Vor drei Jahren haben Sie einen MBA an der Wharton Business School in Pennsylvania gemacht. Brauchten Sie nach den Ereignissen in der Türkei eine Auszeit?

Nein, das Gefühl aussteigen zu müssen, hatte ich nie. Trotzdem hatte ich immer im Hinterkopf, irgendwann noch mal eine Business School zu besuchen. Der MBA war eine faszinierende Erfahrung, vor allem, weil ich daraus ein Netzwerk an Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen und Erfahrungen gewonnen habe.

Heute sind Sie für das Anlagegeschäft verantwortlich. Was ist für Sie das Interessanteste an diesem Job?

Das ist eindeutig der kreative Aspekt. Wir entwickeln ständig neue Produkte. Gerade haben wir einen Klimawandel-Fonds an den Markt gebracht, der in Unternehmen investiert, die vom Klimawandel profitieren. Es ist toll zu sehen, wie aus einer ersten Idee ein Produkt wird.

Anlässlich des Campus for Finance, einem studentischen Symposium, haben Sie gerade vor Studenten gesprochen. Vor welchen Herausforderungen steht die nächste Generation von Managern?

Als ich mit dem Studium fertig war, musste man schon selbst ins Ausland gehen, um verschiedene Kulturen kennenzulernen. Heute hat man überall mit anderen Kulturen zu tun. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sitzt nicht im gleichen Hörsaal auf dem Platz rechts oder links, sondern in den Unis in Bangalore, Schanghai oder Sao Paulo. Diese Leute haben eine enorme hohe Motivation und wollen unbedingt erfolgreich sein.

Mark McCombe
Als CEO of Group Investment Businesses ist Mark McCombe, 41, bei der britischen Bank HSBC für die Strategie des Anlagengeschäfts verantwortlich. Seine Karriere bei HSBC, die ihn unter anderem nach Hongkong, in das Emirat Katar, nach Paris und Istanbul führte, begann er vor 20 Jahren als Trainee. Heute lebt McCombe, der einen Master in internationaler Politik und einen MBA gemacht hat, in London. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.02.2008