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Von Hans-Peter Siebenhaar
David Montgomery hat im Mediengeschäft den Ruf eines eiskalten Sanierers. Nun erfindet sich der Brite neu: als langfristiger Zeitungsverleger. Und er sucht weitere Übernahmekandidaten in Deutschland. Der gelernte Politikwissenschaftler hat in den vergangenen beiden Jahren ordentlich eingekauft.
Der Finanzinvestor David Montgomery hat bereits den Berliner Verlag gekauft. Foto: dpa
BERLIN. Unaufhörlich dröhnt der riesige Bagger auf dem Alexanderplatz. Das Herz der Hauptstadt ist derzeit eine einzige Baustelle. Nebenan im Berliner Congress-Centrum, einem Glanzstück ostdeutscher Sputnik-Architektur, ist vom Lärm der Baumaschinen nichts zu hören.Und dennoch, auch hier geht es um eine Baustelle: um die Zeitungsbranche, die mit Anzeigen- und Auflagenverlusten kämpft. Aufmerksam verfolgen die Besucher die Rede des britischen Medienunternehmers David Montgomery, der auf der ansonsten glanzlosen Medienwoche Berlin-Brandenburg zur tief verunsicherten Printbranche spricht.

Die besten Jobs von allen

Eine Verunsicherung, bei der er selbst eine Schlüsselrolle spielt. Vor zwei Jahren übernahm der Chef der britischen Investorengruppe Mecom zusammen mit der US-Beteiligungsgesellschaft Veronis Suhler Stevenson (VSS) die profitable ?Berliner Zeitung? von der Verlagsgruppe von Holtzbrinck (Verleger des Handelsblatts). Holtzbrinck musste das Blatt und den Boulevardtitel ?Berliner Kurier? auf Wunsch des Kartellamts verkaufen. Damals ging die Redaktion mit Chefredakteur Uwe Vorkötter auf die Barrikaden. Denn Montgomery hat sich in Großbritannien als eiskalter Sanierer einen denkbar schlechten Ruf erworben. ?Rommel? wird er in Anspielung auf den gerissenen Nazi-General genannt.Aber gestern im Kongresszentrum, nur wenige Meter von seiner ?Berliner Zeitung? entfernt, hat der gelernte Zeitungsredakteur aus dem nordirischen Bangor eine besondere Botschaft im Gepäck: ?Ich bin keine Heuschrecke, sondern ein seriöser Verleger.? Über seine Zeitungsbeteiligungen in Deutschland sagt der 58-Jährige: ?Wir sehen das als langfristiges Engagement.?Montgomerys Auftritt in Berlin erinnert ein wenig an die spektakuläre Show des Hollywood-Milliardärs Haim Saban auf den Münchener Medientagen im Herbst 2003. Damals versprach Saban, sein Engagement bei der Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 sei langfristig. Dabei hatte er nur den schnellen Deal im Blick.Montgomery, das Enfant terrible der europäischen Zeitungsbranche, versucht gestern bescheiden aufzutreten: schwarzer Anzug, marineblaue Krawatte und weißes Manschettenhemd. Der erfolgreiche Kostenkiller gönnt sich keine exzentrischen Accessoires wie andere Investoren aus der Medienbranche. Montgomery sieht eher aus wie der Leiter des Liegenschaftsamtes eines Provinzstädtchens und nicht wie einer der cleversten Medieninvestoren. Das ist seine Masche.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ruf als radikaler Sanierer in Spanien erworbenDer asketische Unternehmer, der den Medientycoon Rupert Murdoch bewundert und beim schillernden Verleger Robert Maxwell das Zeitungsmanagement gelernt hat, ist immer wieder für eine Überraschung gut. Zuletzt wurde er als Interessent für die ?Sächsische Zeitung? ins Spiel gebracht. Das hochrentable Blatt gehört der Bertelsmann-Tochter Gruner+Jahr. Doch der Hamburger Verlag dementierte schnell irgendwelche Verkaufsabsichten.Aber Montgomery lässt sich dadurch nicht schrecken. Er bleibt auf Einkaufstour. ?Wir schauen uns derzeit alle Zeitungen an, die auf den Markt kommen, in Deutschland und in Europa?, sagt er in Berlin. Der gelernte Politikwissenschaftler hat in den vergangenen beiden Jahren ordentlich eingekauft. Er hat die ?Hamburger Morgenpost? erworben und um eine Sonntagsausgabe erweitert. Die siebte Ausgabe läuft offenbar gut, berichten Branchenkreise in Hamburg.Zudem hat er das Zeitungs- und Internetgeschäft des norwegischen Mischkonzerns Orkla übernommen und mischt somit in sieben europäischen Ländern mit. In Deutschland hat er auch das beliebte Berliner Online-Portal ?Netzeitung? übernommen. Bis Ende des Jahres wird er auch noch die restlichen Anteile der ?Berliner Zeitung?, des ?Berliner Kuriers? und des Stadtmagazins ?Tip? übernehmen, kündigte er an.Seinen Ruf als radikaler Sanierer erwarb er sich nach dem mysteriösen Tod von Maxwell vor der spanischen Ferieninsel Teneriffa. Montgomery übernahm das Boulevardblatt ?Daily Mirror?, entließ mehr als 100 Journalisten und feuerte die Chefredaktion. Der britische Zeitungskolumnist Nick Cohen sagt über den Verleger: ?Montgomery war nie beliebt. Alle sagen das Gleiche: Wann immer er in den Raum tritt, sinkt die Temperatur um zehn Grad.? Er nennt ihn den ?meistgehassten Mann in Britannien?.Der frühere Chefredakteur des Glamourmagazins ?People?, Bill Hagerty, nannte Montgomerys Sanierungsarbeit bei der ?Mirror?-Gruppe ?eines der übelsten Blutbäder in der Fleet-Street-Geschichte?. Rendite statt Qualität heißt sein Credo. Der Tabubruch von damals hat sich gelohnt. Montgomery steigerte die Marktkapitalisierung der börsennotierten ?Mirror?-Gruppe um fast das Fünffache.Ein ehemaliger deutscher Mitarbeiter nennt Montgomery ?humorfrei, misstrauisch und verschlossen?. Der heute in dritter Ehe mit Sophie, Countess of Woolton, verheiratete Unternehmer schätzt privat die Öffentlichkeit nicht. Das hat er mit Mediengrößen wie Rupert Murdoch gemeinsam. Nun erfindet sich Montgomery als langfristiger Zeitungsverleger neu. Dennoch redet er über Qualität bei den Beteiligungen seines im Jahr 2000 gegründeten Medienunternehmens Mecom in Berlin nur am Rande. Er spricht lieber über Dividende als über Inhalt, was vor allem seine Mitgesellschafter ? verschiedene Pensionskassen ? schätzen.Deshalb wollen ihm auch nicht alle seine neue Rolle abnehmen ? zum Beispiel Dagmar Reim. Eigentlich hätte die Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) noch ein paar kritische Fragen an Montgomery gehabt. Die RBB-Chefin kritisierte gestern die einseitige Ausrichtung der Medien auf kurzfristige Renditen. Bei der ARD gehe es ?zum Glück? nicht um Rendite, ?bei uns geht es um Inhalte?, sagt Dagmar Reim.Doch das hört Montgomery schon nicht mehr. Mit seinem Tross hat der britische Milliardär längst den Saal verlassen ? Zeit ist schließlich Geld.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.08.2007