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Showdown in Hamburg

Von Sandra Louven
Freenet-Chef Eckhard Spoerr steht am Freitag eine turbulente Hauptversammlung bevor. Vor den Aktionären muss er ein millionenschweres Aktienprogramm zu Gunsten des Vorstands rechtfertigen, das vor allem ihm und seinem Finanzvorstand die Taschen füllt.
Eckhard Spoerr. Foto: dpa
BÜDELSDORF. Von einem Sommerloch kann beim Internet- und Mobilfunkdienstleister Freenet keine Rede sein. Im Gegenteil: Unternehmenschef Eckhard Spoerr dürfte einige der aufregendsten Wochen seiner Karriere hinter sich haben ? nicht als Stratege, sondern ganz persönlich als Unternehmer.Der 38-Jährige ist zum Branchengespräch geworden. Grund dafür sind weniger seine Verdienste als Chef von Deutschlands fünftgrößtem Anbieter für schnelle Internetdienste, der nach der Fusion mit dem Mobilfunkdienstleister Mobilcom auf einen Jahresumsatz von knapp zwei Milliarden Euro kommt. Es sind vor allem jede Menge Vorwürfe, die im Kern darauf hinauslaufen, dass Spoerr stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und dadurch das Unternehmen schädigt.

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Dies werfen ihm unter anderem seine eigenen Aktionäre vor. Sie richten ihre Kritik gegen ein Aktienwertsteigerungsprogramm in Höhe von 50 Millionen Euro, von dem knapp die Hälfte an Spoerr selbst sowie seinen Finanzchef Axel Krieger fließen. Investoren bemängeln, der Basiswert des Programms sei zu niedrig angesetzt worden. So gebe es für das Management keinen Anreiz, das Ergebnis zu steigern. Der britische Finanzinvestor Hermes, der rund fünf Prozent an Freenet hält, forderte ?den Vorstand zum freiwilligen Teilverzicht auf Aktienwertsteigerungsrechte? auf, weil das Programm gegen die deutschen Regeln der guten Unternehmensführung (Corporate Governance) verstoße.Davon will Spoerr selbst nichts wissen. ?Der Vorstand weist den Vorwurf der Selbstbereicherung entschieden zurück?, sagt er dem Handelsblatt. Der Aufsichtsrat habe das Programm beschlossen und auch auf seine Angemessenheit geprüft. ?Jetzt wird es gegen mich verwendet, nur weil der Aktienkurs sich gut entwickelt hat?, schimpft er. Spoerr ist der Ansicht, dass er das Programm als eine Art Gehaltserhöhung für gute Leistungen verdient hat ? ebenso wie sein Jahressalär, das mit 3,8 Millionen Euro im vergangenen Jahr deutlich über dem des Telekom-Chefs liegt. ?Freenet ist von mir und meinem Team aufgebaut worden?, sagt Spoerr selbstsicher. ?Das ist eine besondere unternehmerische Leistung, die eingeschätzt werden muss.?An Selbstbewusstsein hat es dem Freenet-Chef noch nie gemangelt. In der Branche stößt er damit allerdings auf wenig Gegenliebe. Ein Experte beschreibt ihn als ?arrogant, selbstverliebt und sehr eitel?. Ex-Kollegen berichten, Spoerr sei schon in den ersten Berufsjahren sehr ehrgeizig gewesen und habe als Sanierungsberater keine moralischen Skrupel gekannt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Er achtet stets auf seinen Vorteil?Zum Showdown zwischen Spoerr und seinen Aktionären dürfte es auf der Hauptversammlung von Freenet in Hamburg kommen. Es liegen zahlreiche Gegenanträge vor. Drillisch, der zweitgrößte Aktionär und gleichzeitig Wettbewerber von Freenet, fordert eine andere Neubesetzung des Aufsichtsrates als die, die Freenet vorgeschlagen hat.Das bisherige Kontrollgremium, so der Vorwurf von Drillisch, habe willfährig alle Vorschläge des Vorstands abgenickt ? so auch das umstrittene Aktienwertsteigerungsprogramm. Zudem will Unternehmenschef Paschalis Choulidis der Hauptversammlung vorschlagen, Spoerr das Vertrauen zu entziehen. Die Aussichten, dafür eine Mehrheit zu gewinnen, schätzt Choulidis allerdings selbst als gering ein. Der größte Einzelaktionär Vatas, der 18 Prozent an Freenet hält, hat Spoerr bereits Unterstützung zugesichert.Spoerr hält die Vorwürfe gegen ihn für einen ?strukturierten und gezielten Angriff, um mich kurz vor der Hauptversammlung zu schwächen?. In der Tat dürfte die Kritik von Drillisch an Spoerr nicht ganz uneigennützig sein. Drillisch-Chef Paschalis Choulidis hat sich bei Freenet eingekauft, um unter dem Konzerndach die Bereinigung des Marktes für Mobilfunkdienstleister zu betreiben. Drillisch gilt als Übernahmekandidat. Spoerr aber widersetzte sich diesem Ansinnen. Choulidis forderte daraufhin vor einigen Wochen wie andere Aktionäre eine Zerschlagung von Freenet. Spoerr aber lehnt auch das ab und will nur den Konzern als Ganzes verkaufen. Alles andere sei nicht im Interesse der eben erst verschmolzenen Gesellschaft, sagt er. Was seine Aktionäre ? zu gut einem Drittel Finanzinvestoren ? davon halten, ist ihm einerlei: ?Ich vertrete das Gesellschaftsinteresse und nicht nur die reinen Aktionärsinteressen.?Es sind offenbar aber nicht nur einige Aktionäre, die Spoerr verprellt hat. Der frühere Leiter des Rechnungswesens von Freenet hat Anfang Juni bei verschiedenen Behörden ein Dossier eingereicht, in dem er Spoerr Betrug, Insiderhandel und Geldwäsche vorwirft. Das Dokument, das inzwischen auch öffentlich zugänglich ist, reichte er unter anderem bei der Staatsanwaltschaft Hamburg und Kiel ein, die Ermittlungsverfahren begonnen haben. ?Dieses Dossier kursierte schon 2002?, sagt Spoerr. Die Staatsanwaltschaft München habe damals ein entsprechendes Verfahren wieder eingestellt.Ehemalige Kollegen beschreiben Spoerr als ?viel zu clever?, um sich auf illegale Weise zu bereichern. ?Er achtet stets auf seinen Vorteil, bewegt sich aber immer innerhalb der Legalität?, ist sich etwa Torsten Gerpott sicher. Der Professor für Telekommunikationswirtschaft hat früher mit Spoerr zusammen bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton gearbeitet.Doch selbst härteste Kritiker bescheinigen Spoerr ein sicheres unternehmerisches Gespür. Er habe Freenet groß gemacht ? und das Unternehmen sicher durch schwierige Zeiten navigiert. ?Spoerr ist schneller als andere?, sagt ein Ex-Mitstreiter. Er kennt den Markt sehr gut und erkennt, wo es was zu holen gibt ? für das Unternehmen, aber in erster Linie auch für sich selbst.?
Dieser Artikel ist erschienen am 19.07.2007