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Shivas Shuttle

Sie kommen und fast keiner merkt's. Indische Unternehmen gründen hierzulande Tochterunternehmen und kaufen deutsche Firmen. Weit über 120 indische Unternehmen gibt es bereits in der Bundesrepublik. Nach Schätzungen der Deutsch-Indischen Handelskammer bieten sie zusammen etwa 10 000 Arbeitsplätze, die Hälfte für Deutsche.
Überblick: Die Top-Inder in Deutschland
Interview mit Mohan Murti, Generalbevollmächtigter bei Reliance

Nur eine Schwarzwälder Kuckucksuhr würde Stefan Schmieder jetzt in seiner Exotik toppen. Da steht er, der 38-Jährige, auf einer Bühne in Mumbai (Bombay) vor 1 000 Indern, seinen neuen Kollegen. Seit wenigen Tagen arbeitet der Software-Entwickler für die Mastek GmbH in Villingen-Schwenningen und flog gleich nach Indien, um die Muttergesellschaft kennen zu lernen. Jeder neue Mastek-Mitarbeiter, der nach Mumbai kommt, muss sich allen vorstellen. Ob er dann ein Gedicht rezitiert, eine Rede hält oder einen Handstand macht, ist egal.
Schmieder, der Schwarzwälder, entscheidet sich, die Hymne seines Landes zu singen. Beherzt schmettert er drauflos: "Das schönste Land in Deutschlands Gauen, das ist mein Badener Land." Ende. Die Inder sind begeistert und feiern ihn, als ob Gandhi gerade den Ganges durchschritten hätte. Schmieder, ein eher bescheidener Mensch, verbeugt sich und tritt ab. Die Taufe ist bestanden und der Deutsche nun Teil der großen Mastek-Familie

Die meisten Führungskräfte, die in Deutschland bei indischen Unternehmen anfangen, werden "zum Warmlaufen" für ein paar Tage in das Heimatland der Muttergesellschaft geschickt - vor allem, wenn es sich um IT-Firmen handelt. Die Kollegen in der Entwicklung sind Inder, die für den deutschen Markt die Produkte in Indien herstellen.
Für die Deutschen ist der Job eine große Chance: Wer bei einer indischen Tochtergesellschaft in Deutschland beginnt, bekommt nicht nur internationale Unternehmensluft zu schnuppern und Kundenkontakte weltweit, sondern profitiert auch vom Know-how der Inder. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Deutsche erweitern ihren kulturellen Horizont für den Zukunftsmarkt Indien

Die besten Jobs von allen


Jobs durch Inder
Weit über 120 indische Unternehmen gibt es bereits in der Bundesrepublik. Darunter auch deutsche Unternehmen mit indischen Eigentümern, die meisten jedoch sind indische Tochtergesellschaften. Nach Schätzungen der Deutsch-Indischen Handelskammer bieten sie zusammen etwa 10 000 Arbeitsplätze, die Hälfte für Deutsche. Mehr als zwei Drittel gehören der IT-Branche an. Der Rest verteilt sich auf die Textil-, Maschinenbau-, Autozulieferer- und Pharmaindustrie - hier kaufen die Inder vorzugsweise auch deutsche Unternehmen.
Der Stahlgigant Mittal, der zuletzt Schlagzeilen machte, weil er noch in diesem Jahr seinen europäischen Rivalen Arcelor kaufen will, hatte bereits 1995 mit dem Kauf der Hamburger Stahlwerke zugeschlagen. Der Autozulieferer Bharat Forge kaufte vor zwei Jahren das insolvente Traditionsunternehmen Carl Dan Peddinghaus im Sauerland, Amtek Auto übernahm 2005 Zelter in Bonn mit 400 Mitarbeitern. In diesem Jahr schluckte der Inder Dr. Reddy's den Generika-Hersteller Betapharm

Sir Stefans neue Welt
Seit Anfang des Jahres arbeitet Schmieder als Projektentwickler für Mastek im Schwarzwald. Die Muttergesellschaft wurde 1983 in Mumbai von vier jungen Indern gegründet, die gerade von der Business School kamen. Heute hat das Unternehmen weltweit 3 000 Mitarbeiter. Die Deutschland-Zentrale mit Vertrieb und Verwaltung in Villingen-Schwenningen gibt es seit sieben Jahren.
Ganz neu war Indien für den Badener nicht. Schon bei seinem vorherigen Job hatte er geschäftlich mit Indern zu tun. Dennoch war die Antrittsreise zu seinen obersten Chefs nach Mumbai ein Erlebnis. Zum einen, weil er die indischen Kollegen aus der Entwicklung kennen lernen konnte, mit denen er von Deutschland aus regelmäßig telefoniert. Zum anderen wurde ihm klar, dass Indien längst nicht mehr nur aus Armut, heiligen Kühen, Chakra und der Göttin Shiva besteht, sondern auch "ein Hightech-Land ist, mit Konsum, moderner Infrastruktur, Hochhäusern und Wohlhabenden".
Dass ihm die Firma einen Wagen mit Fahrer zur Verfügung stellte, war weniger Luxus, sondern überlebenswichtig: "Bei Linksverkehr und einem Fahrverhalten, das so gut wie keine Regeln kennt, hat man das bitter nötig." Ganz im Gegensatz zum direkten Umgang mit den Menschen - Schmieder erlebte ein einziges Überbieten an Service und Höflichkeiten. Für seinen Chauffeur war er nur "Sir Stefan".
Erst Anfang der 90er Jahre begann Indien, im Westen zu investieren. Das Land stand damals vor dem Bankrott, die Regierung startete mit dem Aufbau einer Marktwirtschaft. Der Staat zog sich nach und nach zurück, die Wirtschaft öffnete sich für ausländische Investoren. Heute erwartet das Land ein Wachstum von jährlich fast sieben Prozent. Die junge kaufkräftige Mittelschicht wird größer, ist sehr gut ausgebildet, glaubt an seine Stärke und hat Heißhunger auf Erfolg

"Wir sind interessiert, vor allem auch neue deutsche Mitarbeiter zu bekommen, um noch besser unsere hiesigen Kunden bedienen zu können", meint Joachim Grouven, Entwicklungsmanager bei Infosys Technologies in Eschborn. Infosys, der zweitgrößte Software-Hersteller Indiens, hat in der Bundesrepublik 350 Mitarbeiter, davon 60 deutsche. Wie die anderen großen indischen Systemhäuser Wipro oder Satyam will auch Infosys den deutschen Markt von innen heraus bedienen können

"Deutsche Kunden sind immer dankbar, wenn man als indisches Unternehmen auch Deutsch spricht", erklärt Grouven. Der 40-Jährige ist international gut vorgebildet. Nach seinem Jura- Studium in Bonn arbeitete er für drei Monate seines Referendariats bei einer indischen Kanzlei - "ich hatte einfach das Bedürfnis, nach Indien zu gehen". Nach dem LL.M. (Master of Laws) in Washington D.C. arbeitete er als Anwalt in Connecticut und Hannover - zuständig für das Indien-Referat. Im Jahr 2000 trat er bei einer Tochtergesellschaft von PricewaterhouseCoopers (PWC) in die IT-Branche ein. 2005 wechselte er zu Infosys und baut dort seitdem das Deutschland-Geschäft weiter aus

Karriere mit Yoga
Dass Grouven bei den Indern als großer Kommunikator gilt, sich mit seinem Chef gerne privat zum Tee trifft und Bollywood-Filme guckt, liegt auch an seiner Indien-Affinität: Seit 15 Jahren macht er Yoga, seit einem Jahr ist er sogar Lehrer mit Ausbildung am Yoga-Institut in Mumbai. Er spricht ein paar Brocken Hindi und ist Vegetarier. "In einem deutschen Unternehmen hätten die mich schon längst in irgend so eine Öko-Ecke abgestellt."
Auch seine Frau lernte er in Indien kennen: Um auszuspannen ging Grouven 1998 in ein indisches Kloster am Fuße des Himalayas. Statt Ruhe bekam er Liebe, denn auch seine Zukünftige nahm just in diesem Kloster Urlaub vom Alltag - eine Inderin.
"Meine Erfahrungen machen mir im Job natürlich vieles leichter. Es ist oft wie ein Heimspiel", erklärt Grouven. Die indische Mentalität schätzt er als "sehr offen" ein. Er liebt das Teamwork, das die Inder sehr gut beherrschen. Doch der Druck sei groß, sagt er. Die Inder wollen unnachgiebig wachsen. Auch deswegen sollen künftige Manager bei Infosys noch stärker auf die andere Kultur eingeschworen werden. "Neue Projektleiter, die bei uns in Deutschland anfangen, sollen für einen längeren Zeitraum nach Indien gehen, um die Unternehmenskultur und das Know-how noch besser kennen zu lernen", sagt Grouven. Es könnte sich dabei um einige Monate handeln.
Für Hightech-Freaks eine durchaus verlockende Vorstellung. Die Zentrale von Infosys liegt im Mekka des indischen IT-Erfolgs: Bangalore.?

Martin Roos

Die Top-Inder in Deutschland*

Betapharm
Geschäftsfeld: Generika
Indische Mutter: Dr. Reddy's Laboratories Ltd.
Mitarbeiter in Deutschland: 370
www.betapharm.de

CDP Bharat Forge
Geschäftsfeld: Baumaschinen, Motoren
Mitarbeiter in Deutschland: 1 000
www.cdp-bharatforge.de

Hamburger Stahlwerke
Geschäftsfeld: Stahl
Indische Mutter: Mittal Steel
Mitarbeiter in Deutschland: 2 000
www.ispat.com

Infosys
Geschäftsfeld: IT-Beratung, Software-Lösungen
Mitarbeiter in Deutschland: ca. 350
www.infosys.com/german/default.asp

Mastek
Geschäftsfeld: IT-Beratung, Software-Lösungen
Mitarbeiter in Deutschland: ca. 100
www.mastek.com

State Bank of India
Geschäftsfeld: Finanzen
Mitarbeiter in Deutschland: 80
www.statebank-frankfurt.com

Tata Consultancy Services
Geschäftsfeld: IT-Beratung und -Services
Mitarbeiter in Deutschland: ca. 250
www.tcs.com

Trevira
Geschäftsfeld: Hightech-Polyester-Fasern
Indische Mutter: Reliance Group
Mitarbeiter in Deutschland: 2 000
www.trevira.de

Zelter
Geschäftsfeld: Automobilzulieferer
Indische Mutter: Amtek
Mitarbeiter in Deutschland: 400
www.zelter.de

*in alphabetischer Reihenfolge
Quelle: Dt.-Ind. Handelskammer / karriere
Dieser Artikel ist erschienen am 08.05.2006