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Shell-Chef dankt wegen falscher Reservenbewertung ab

Von Th. Wiede, A. Hoffbauer; Handelsblatt
Am Ende war der ruhige Technokrat dem Druck der Investoren doch nicht gewachsen: Sir Philip Watts, Chef von Royal Dutch/ Shell, dem zweitgrößten Ölkonzerns Europas, räumte am Mittwoch seinen Stuhl.
LONDON. Watts, der seit 1969 für Shell arbeitet und seinen Posten 2001 von Mark Moody-Stuart übernahm, stand schon länger in der Kritik ? vor allem wegen Fehlern in der Kommunikation mit der Finanzwelt. Vor knapp zwei Monaten folgte dann, was die meisten Beobachter heute für den Auslöser seines Rücktritts halten: Shell musste überraschend seine Öl-Reserven um 20 % nach unten korrigieren, womit sich der Konzern eine Untersuchung der US-Börsenaufsicht SEC einhandelte.Der vor allem von Anlegern als konservativ geschätzte Multi hatte Öl aus Projekten in Nigeria und Australien verbucht, die sich wirtschaftlich noch gar nicht ausbeuten ließen. Dieser ?Shell-Schock? versetzte die gesamte Branche in Unruhe und schickte die Aktie des britisch-niederländischen Unternehmens auf eine Talfahrt.

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Die Zweifel über die Methoden der Reservenbewertung, die einen wichtiger Indikator in der Ölbranche darstellt, sind bis heute nicht ausgeräumt. Watts, der sich auch nach dieser Panne nicht persönlich den Fragen der Großinvestoren stellte, wischte erste Rücktrittsforderungen beiseite und kündigte an, seine nur noch 17 Monate währende Amtszeit zu vollenden.Bei der Vorlage der Jahresbilanz Anfang Februar räumte er dann ein, Fehler gemacht zu haben, und kündigte an, in den kommenden Wochen das Gespräch mit Großinvestoren zu suchen. Neben Zweifeln an seinem Management-Stil kritisieren diese vor allem die noch aus dem Jahr 1907 stammende Doppel-Konzernstruktur. So gibt es immer noch zwei Konzernzentralen sowie getrennte Aktien von Shell und Royal Dutch. ?Diese Gespräche sind nicht sehr ermunternd verlaufen?, sagt Derek Butter, Analyst bei Wood Mackenzie. Watts habe die Zweifel an seinem Management nicht ausräumen können. Bis zuletzt hatten Investoren zum Teil auch öffentlich kritisiert, Watts könne die Probleme nicht in den Griff bekommen.Nicht nur die Fehlbuchung der Reserven hat die Anleger verärgert, sagt Mark Iannotti, Analyst bei Merrill Lynch: ?Shell musste sich von seinen Produktionszielen verabschieden und kann mittelfristig auch nicht genug wachsen.? Hinzu kommt: Der Rivale BP hat Shell heute bei vielen Kernzahlen ? darunter beim Ersetzen verbrauchter Reserven durch neue Felder ? überflügelt.Da zählen Watts Siege nur noch wenig. Erfolgreich hatte er das Geschäft strategisch auf Russland ausgerichtet, das Gasgeschäft in Saudi Arabien aufgebaut und den Fokus auf die nachhaltige Entwicklung gelegt. Damit hatte er eine Konsequenz aus den Skandalen ziehen wollen, in die Shell in Nigeria oder bei der ?Brent Spar? verwickelt war.Watts Rückzug sei nicht überraschend, sagt Iannotti. Erstaunlich sei vielmehr, dass auch van de Vijver gehen wird. Der galt als Favourit für Watts Nachfolge im kommenden Jahr. Auf den Chef-Posten folgt nun Jeroen van der Veer, Präsident des niederländischen Teilkonzerns Royal Dutch Petroleum. Er soll bis Juni 2008 im Amt bleiben, sagte gestern eine Konzernsprecherin. Bislang musste traditionell auf einen Briten ein Niederländer folgen.Die Börse in London belohnte den Rücktritt Watts mit einem Kursaufschlag von fast 4 %.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.03.2004