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Sheep ?n chips

Martin Roos
Thames Valley – so unheilverheißend bei schlechtem Wetter, so lieblich und sanft bei Sonnenschein – hat nicht nur literarische Gemüter erregt. Auch die internationalen Manager der Computer- und High-Tech-Industrie sind entzückt.
Eine Wiese, sattgrün, ein windschiefer Baum, ein Lattenzaun, ein Fluss, irgendwo ein Cottage, daneben ein Schaf. Mäh. Wie beim Doktor und dem lieben Vieh. Plötzlich Wind, immer stärker, Wolken ziehen, dunkel, bedrohlich, Zweige brechen, das Schaf, mäh, mäh, immer dunkler und dunkler, krachender Donner – hier spricht Edgar Wallace.

Thames Valley – so unheilverheißend bei schlechtem Wetter, so lieblich und sanft bei Sonnenschein – hat nicht nur literarische Gemüter erregt. Auch die internationalen Manager der Computer- und High-Tech-Industrie sind entzückt.

Die besten Jobs von allen


Ins Thames Valley, westlich von London, eine halbe Stunde mit dem Zug von Paddington Station, haben viele ihre europäischen Headquarters gepflanzt: Dell, Hewlett-Packard und Novell in Bracknell, Hitachi und Nortel Networks in Maiden- head, IBM und SAS-Software-Institut in Marlow, und im Readinger ?Thames-Valley-Park? Oracle, Druid, Microsoft und die England-Zentrale von SAP. Dazwischen das Henley Management College in Henley.

Wer in London in der Computer- und Internetbranche arbeitet, kommt an diesem Stück Erde, dem ?Hightech M4 Corridor?, an der Autobahn M4 nicht vorbei. In der gesamten Thames-Valley-Region leben 1,8 Millionen Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen arbeitet auch im Valley.

Im kleinen Maidenhead im ?Shire Horse? an der Bathroad hat schon lange kein Pferd mehr auf einen Sack Hafer gewartet. Auf der Straße vor dem Pub sausen heute schicke Karren vorbei.

Im ?Shire Horse? stehen ?after work? die Jungs im Anzug, viele von Nortel Networks, Jackett ausgezogen, Ärmel hochgekrempelt, die Hand am Pint, Chips aus der aufgerissenen Tüte, Ellenbogen auf der Theke. Mittendrin der Mann mit den blauen Augen und dem schwarzen Haar. Er könnte Ire sein oder Waliser, ein Typ, der vom Fischen in rauen Flüssen erzählt oder am Kliff unrasiert den Schiffen nachschaut. Gregor Kirchner kommt aber aus Oberwinter – ?ne rheinische Jong.

?Maidenhead ist klein und provinziell. Aber es hat eine wunderbare Landschaft. Wie aus einem Gemälde. Wälder und Parks wie Golfplätze und in jedem Kaff einen Segel- oder Ruderclub?, sagt der 34-Jährige. Viele seiner Kollegen wohnen in der Hauptstadt und müssen pendeln. ?Da verliert man zu viel Zeit. Außerdem ist das Wohnen in London fast unbezahlbar.? Schon in Maidenhead legt er für seine 70-Quadratmeter-Wohnung 3.000 Mark hin.

Seit November 1999 arbeitet der Deutsche bei Nortel Networks. 3.000 Mann beschäftigt die Europazentrale des kanadischen Internet- und Telekommunikationsunternehmens. Als ?Manager Sales Force Development? sorgt Kirchner für die kontinuierliche Weiterentwicklung eines Teils der Vertriebsorganisation. Zuständig ist er für ein Gebiet, das von Finnland bis Südafrika und von Russland bis Portugal reicht.

?Den Job hat es ursprünglich so nicht gegeben. Ich habe ihn selbst geschaffen?, sagt Kirchner. ?Sich aber so etwas zu organisieren, ist nicht untypisch für unsere Arbeitskultur hier. Man schaut, wie man sich effektiv in einem Unternehmen einbringen kann und bewirbt sich auf eine Position. Es ist sogar möglich, sich selbst für einen Job vorzuschlagen, auch wenn man für diesen nicht unbedingt das Fachwissen hat. In England kommt es auf Fähigkeiten und Initiative an.

? Nach seinem BWL-Studium in Aachen und seinem Job als Eventmanager bei EMDS Consulting ging er 1997 als Recruitment-Berater zu Nortel Networks nach Paris. Dann wechselte sein Chef nach London, Kirchner ging mit.

?Viele der Europäer, die in High-Tech-Unternehmen internationale Karriere machen, sind irgendwann mal auch hier durchgezogen.? Richtige ?Poshs?, englische Schickimicki, seien aber in den Thames Villages, den Dörfern Marlow, Henley oder Bray, zu Hause. ?Das sind die Bogenhausens von Thames Valley.? In den winzigen Luxuskäffern zwängen sich die Lotos Elites durch die Gassen. Promis, TV-Moderatoren und Musikgrößen wie Ringo Star oder die Spice-Girls haben sich in hübschen Herrschaftshäuser eingenistet.

Zweimal in der Woche nimmt Kirchner abends den Zug nach London. ?Der pendelt 24 Stunden am Tag und kostet so viel wie?s Parkhaus in der Innenstadt: knapp 20 Mark.? Mal zieht?s ihn ins Theater, mal in einen Club oder ins Kino – ?in Maidenhead gibt?s ja nur eins? – oder er fährt zum Yoga in die Hauptstadt. Eine Kollegin, Italienerin, veranstaltet privat den Kurs. ?Das geht dann immer so: Erst was für den Geist, dann hausgemachtes Risotto für den Magen.?

20 Prozent von Kirchners Arbeitskollegen sind Nicht-Engländer. Die glucken auch privat oft zusammen und unternehmen viel. ?Hier lernt man leicht Leute über den Job kennen, aber wie fast überall auf der Welt ist es mit dem Kontakt zu den Einheimischen auch in England nicht so einfach.? Für Kirchner kein Problem. Er liebt?s vielsprachig und international. Auch in der Ehe. Seine Frau ist halb Deutsche, halb Ungarin. Genau wie er arbeitet sie im Valley – bei Hewlett-Packard. Und genau wie er schwärmt sie für Krimis: von Edgar Wallace.

Dieser Artikel ist erschienen am 21.02.2001