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Shai Agassi ? der technikverliebte Supermann

Von Jens Koenen
SAP-Vorstand Shai Agassi ist überraschend zurückgetreten. Das IT-Talent war von Anfang an etwas Besonderes beim Software-Konzern, etwas Ungewohntes in Walldorf. Der junge Manager galt als kommender Mann im Unternehmen. Der Begriff ?Kronprinz? fiel des öfteren. Und doch ist er gescheitert ? an fehlender Bodenhaftung.
Als der damals 34-Jährige 2003 in den Vorstand des Softwarekonzerns berufen wurde, war er nicht nur der Jüngste in diesem erlauchten Kreis. Agassi war auch der Erste ohne Stallgeruch, noch dazu Ausländer, der bei der Softwareschmiede mit einem solch großen Einfluss ausgestattet wurde.Bis heute hat der gebürtige Israeli das Außergewöhnliche nicht ablegen können. Nie ist der Jungmanager, der mit seinem makellosen Gesicht locker als Fernsehmoderator zur Primetime durchgehen würde, so richtig in der SAP-Zentrale gelandet. Niemals ist er warm geworden mit den SAPlern aus der Kurpfalz. Wohl auch deshalb hat Agassi bei SAP jetzt hingeschmissen, war ihm doch spätestens mit der Vertragsverlängerung von SAP-Chef Henning Kagermann bis zum Jahr 2009 klar geworden, dass es wohl noch einige Zeit dauern würde bis zu einer möglichen Berufung.

Die besten Jobs von allen

Gesetzt war Agassi auf jeden Fall für den Chefposten. Das stellte SAP-Mitgründer Hasso Plattner am Mittwoch klar. ?Ich hatte Shai über meinen Plan informiert, dass er als Co-CEO Nachfolger von Henning Kagermann werden soll?, sagte dieser am späten Abend. Doch nachdem festgestanden habe, dass Kagermann noch ein bisschen länger machen werde, habe Agassi deutlich gemacht, dass das ?zeitlich nicht seiner persönlichen Karriereplanung entsprochen hätte?, berichtete Plattner und ergänzte: ?Er ist eben ein Entrepreneur, er wollte nicht warten.?Nötig hat Agassi, der seit 1996 mit seiner Frau und den zwei Söhnen im Silicon Valley lebt, den Spitzenposten in Walldorf nicht. Finanziell ist er seit dem Verkauf der von ihm gegründeten Softwarefirma Toptier völlig unabhängig. 400 Millionen Dollar zahlte SAP ihm und seinem Vater Reuven Agassi.Entsprechend knapp fällt das Statement von Agassi aus. ?Es ist eine große Ehre, in den vergangenen sechs Jahren zum Erfolg der SAP beigetragen zu haben?, sagte er gestern und ergänzte: ?Ich bin stolz auf unsere Leistungen und die Produkte, die wir erfolgreich am Markt eingeführt haben.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein technologischer Visionär.In der Tat sind es vor allem seine technologischen Qualitäten, die ihn in den Vorstand der SAP gebracht hatten. Er ist Visionär und damit seinem Fürsprecher Plattner sehr nahe. Wie dieser ist Agassi technikverliebt. Schon mit sieben Jahren programmiert Agassi seine ersten Software-Anwendungen. Aber anders als Plattner redet er ruhig und leise, bleibt auch in der größten Hektik ruhig.Nach dem College-Abschluss 1990 gründet er mit Quick-Soft seine erste eigene Firma für den Vertrieb von Software. Mit im Boot ist schon damals sein Vater, ein Ex-Colonel der israelischen Armee und Telekommanager. Doch das Duo gibt sich damit nicht zufrieden. 1992 wird Toptier geboren, 1993 folgt Top Manage, das im März 2002 ebenfalls von SAP gekauft wird. Es ist vor allem die Internettechnologie von Agassi, die SAP gut gebrauchen kann. Sie hilft den Walldorfern um die Jahrtausendwende aus einer Klemme, schließlich will das neue SAP-Kernprodukt mySAP noch nicht so, wie es soll. Dank Agassi ist das Problem im Nu gelöst. ?Er hat uns in der Internetblase geholfen, im ruhigen Fahrwasser zu bleiben?, dankte Plattner seinem Ziehsohn gestern ausdrücklich.Das wissen auch die Walldorfer Entwickler. Akzeptiert haben sie Agassi deshalb aber nicht. Dazu mögen auch die marketinggetriebenen Auftritte des smarten Israeli beigetragen haben. Im Supermann-Kostüm war Agassi dort vor über zwei Jahren aufgetreten und hatte zuvor als Comicfigur in einem Zeichentrickfilm die Softwarewelt vor dem Desaster gerettet.Dass SAP den eingeschlagenen Weg auch ohne Agassi weitergeht, machte SAP-Chef Kagermann, der künftig die Entwickleraufgaben von Agassi übernimmt, gestern mehr als deutlich. ?Wir verfügen im Entwicklungs- und Produktbereich über ein sehr starkes Managementteam?, sagte er. Gerüchte über Differenzen mit Agassi über die künftige Strategie wies Plattner zurück. ?Wir hatten vielleicht an der einen oder anderen Stelle andere Interpretationen, aber ich kann keine relevanten Differenzen finden?, sagte der SAP-Mitgründer.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.03.2007