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Sepp Blatters schlimmste Plage

Von Thomas Knüwer
Den Reporter Andrew Jennings treiben nur zwei Themen um: die Fifa und das Internationale Olympische Komitee IOC. Bei beiden hat er inzwischen Hausverbot. Nun ist die WM zwar vorbei, doch der Journalist lässt nicht locker: Wer bei der Fifa war bestechlich?
Im Visier von Jennings: Fifa-Chef Blatter. Foto: dpa
LONDON. Ein Bild wie aus einer Seifenoper: Der Reporter, offenes, verknittertes Hemd, Notizblock in der Hand, eilt neben dem Mächtigen her und wirft ihm Fragen an den Kopf. Der Gefragte schweigt und verschwindet in einem Gebäude, zwei breitschultrige Herren im dunklen Anzug verwehren dem Journalisten den Eintritt.Doch dies ist keine Inszenierung. Es ist eine Szene aus der BBC-Dokumentation ?The Beautiful Bung ? Corruption and the World Cup?. Der Davoneilende ist Josef ?Sepp? Blatter, der Chef des Weltfußballverbands Fifa, der Reporter ist Andrew Jennings ? Blatters schlimmste Plage.

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Seit Jahren treiben Jennings nur zwei Themen um: die Fifa und das Internationale Olympische Komitee IOC. Bei beiden hat er inzwischen Hausverbot ? eine Ehre, die weltweit einmalig sein dürfte. ?Warum darf ich keine Fragen stellen?? wundert er sich und kennt die Antwort: Wer Bestechung in der olympischen Familie aufdeckt und die Nähe des IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch zur faschistischen Franco-Diktatur öffentlich macht, vermindert die Zahl seiner Freunde.Doch der 63-Jährige ist stolz auf die Zahl seiner Feinde, die er in fast 40 Jahren als investigativer Journalist gesammelt hat. Für fast alle britischen Blätter hatte er schon geschrieben, als er sich Ende der 70er in die elektronischen Medien wagte, erst zu BBC Radio, dann ins Fernsehprogramm des staatlichen Senders. Es sind Korruptionsenthüllungen, die ihn bekannt machen. 1986 weigert sich die BBC, seine Dokumentation über Bestechung bei Scotland Yard auszustrahlen ? Jennings wechselte zum Privatsender Granada.Anfang der 90er richtet sich sein Interesse auf den Sport. ?Ich bin kein Sportfan?, gesteht er. Am ehesten vielleicht noch ein Freund der Leichtathletik, er selbst war mal Mittelstreckenläufer. Erst nimmt er sich das IOC vor in seinen Büchern und nun die Fifa: ?Fußball interessiert mich nicht so sehr, ich bewundere die athletische Leistung, das ist alles.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jennings hat zu seinen Kollegen eine eindeutige Meinung.Kommt das Gespräch auf seine Kollegen aus den Sportressorts, wirft Jennings entsetzt seinen Kopf nach hinten, dass die nackenlangen, grauen Haare fliegen: ?Ja, schreiben können sie, und wie sie schreiben können. Aber sie recherchieren nicht, sie sind doch keine Journalisten.?Jennings ist damit wohl das Gegenteil eines Sportjournalisten. Nie zuvor habe man so viele Juristen ein Buch prüfen lassen wie bei Jennings neuestem Werk ?Foul?, sagt sein Verlag Harper Collins. ?Er hat die Fakten hervorragend dokumentiert und exzellentes Material zusammengetragen?, lobt ein ehemaliger hochrangiger Fifa-Mitarbeiter.Jennings treibt vor allem eines um: 1998 vergab die Fifa die TV-Rechte an den WM-Turnieren 2002 und 2006 an eine Firma namens ISL, diese wurde später Teil des Reichs von Leo Kirch und ging dann Pleite. Über Jahre hinweg soll sie Fifa-Funktionäre mit Millionen Schweizer Franken überzeugt haben, der beste Geschäftspartner in Sachen WM-Rechte zu sein. Auch die Schweizer Justiz ermittelt weiter.In Deutschland hat man bisher wenig von diesen Vorwürfen gehört. Das Buch ?Foul? fand vor der WM keinen Verlag. Und Jennings neue BBC-Dokumentation sollte eigentlich Ende Juni bei Arte laufen ? doch der ?offizielle Kultursender des Kunst- und Kulturprogramms der Bundesregierung zur Fifa WM 2006? nahm ihn aus dem Programm. Auf Nachfrage hieß es, man prüfe, ob Jennings Film rechtlich in Ordnung sei. Über die Internet-Seite der BBC ist er aber ohnehin für jeden zu sehen. Jennings selbst erzürnen solche Zweifel an seiner Arbeit. Und deshalb gräbt er weiter: ?Ab September gibt es noch mehr gute Geschichten über Herrn Blatter.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.07.2006