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Senkrechtstarter an Zwillingstürmen

Von Philipp Otto, Handelsblatt
Rainer Neske führt seit einem Jahr den Privat- und Geschäftskundenbereich der Deutschen Bank.
FRANKFURT. Manchmal sagen Zahlen eben mehr als tausend Worte. Eigenkapitalrendite: 51 Prozent vor Steuern. Aufwand-Ertragsrelation 75 Prozent. Rainer Neske hätte noch ein paar mehr derartige Kennziffern zu bieten, und damit Ergebnisse, mit denen sich selbst kleine effiziente Spezialbanken brüsten würden. Dabei handelt es sich um das Ergebnis des Jahres 2003, das die Sparte Privatkundengeschäfts der Deutschen Bank erzielt hat.Seit nunmehr einem Jahr führt Neske weltweit den Privat- und Geschäftskundenbereich von Deutschlands größter Bank, das erfreuliche Ergebnis ist zu einem großen Teil bereits seiner Arbeit zu zuzuschreiben. Insofern war es ein Senkrechtstart, den der Nachfolger des zur Dresdner Bank abgewanderten Herbert Walter im Führungsgremium der Deutschen Bank gezeigt hat.

Die besten Jobs von allen

Rainer Neske hat seine Chance jedenfalls genutzt. Er hat das Vakuum, dass nach dem Abgang von Walter drohte, gar nicht erst entstehen lassent. Und er hat dabei so überzeugend gehandelt, dass manch einer in- und außerhalb der Bank behauptet, er sei bereits besser als sein Vorgänger. Und der wurde immerhin mehr als einmal als einer der besten Privatkundenbanker Deutschlands bezeichnet.Dabei ist Neskes Weg für Bankvorstände höchst ungewöhnlich. Denn Neske ist Informatiker, studiert hat er an der Universität Karlsruhe, 1990 stieg er in der Software-Entwicklung der Deutschen Bank ein. Als Bereichsleiter der Abwicklungsabteilung für Wertpapiere, Geld, Devisen sammelte er erstmals Führungserfahrung und übernahm auch internationale Verantwortung. Zu den Privatkundenspezialisten der Deutschen Bank 24 stieß er dann 1999. Mit seinem scharfen analytischen Verstand erarbeitete er sich zügig die zweite Position unter Herbert Walter, den er schließlich beerbt hat.Wer heute mit dem großen Mann mit der hohen Stirn spricht, spürt schnell, dass Neske den Schatten Walters längst verlassen hat. Begeistert erzählt er von seinem Visionen, den enormen Erfolgschancen. Als größte Herausforderung sieht er die Aufgabe, den Privatkundenmitarbeitern der Deutschen Bank das Verkaufen beizubringen. Nase runter, heißt die Devise unter Neske. Er greift auf Mitarbeiterschulungen, IncentiveProgramme und leistungsabhängige Entlohnung zurück. Mit Erfolg wohl, denn die Zahl der verkauften Produkte pro Klient wächst stetig.Dazu trägt auch bei, dass unter Neske wieder Ruhe und Zuversicht eingekehrt ist bei den Privatkundenbankern. Deren Selbstbewusstsein war nach den zahlreichen Umstrukturierungen erheblich angeknackst. Der Westfale, der häufig und gerne lächelt, ist dabei kein Aktionist, vielmehr steht er für gleichmäßiges Arbeiten. Es darf aber nur in eine Richtung gehen: nach oben.Dafür sucht Neske immer wieder den Kontakt zu seinen Mitarbeitern. ?Er will wissen, wie die Dinge, die er entscheidet, unten ankommen und wie die Bank tickt?, sagt ein Mitarbeiter Neskes. Dafür verbringt er viel Zeit im Flugzeug, tourt durch Deutschland und Europa.Der ?Schnelldenker?, so ein Deutschbanker, sei einer dieser neuen Managertypen. Macht und Ansehen sei ihnen zwar wichtig, doch mehr zähle das Ergebnis. ?Er kommt nicht von oben herab und gibt damit das Bild eines Chefs, wie es neu ist für die Deutsche Bank?, sagt ein Mitarbeiter. Und so passt es auch zu ihm, dass er, statt mit den anderen Führungskräften in den Zwillingstürmen zu residieren, lieber in deren Schatten in der Frankfurter Ulmenstrasse bei seinem Team arbeitet. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die Privatkundenbanker bald an die Messe umziehen.Eines sollte man bei aller Freundlichkeit aber niemals tun: Neske zu unterschätzen. So charmant, höflich und nett er wirkt, er ist ein harter Manager der auch rücksichtslos entscheiden kann, wenn er von der Sache überzeugt ist.Neske ist einer von lediglich zwei Deutschen im obersten Führungsgremium der Bank und mit 39 Jahren obendrein der jüngste. Als Leichtgewicht gilt er aber schon lange nicht mehr: ?Ich rede auch mit den Investmentbankern?, sagt er. Noch vor einem Jahr hat mancher über dieses Selbstbewusstsein gelächelt.Doch Neske genießt Ansehen auch bei Größen wie Anshu Jain oder Michael Cohrs, die jedes Jahr Milliarden an Erträgen für die Deutsche Bank heranschaffen. Sie respektieren, was er mit seinem Bereich im schwierigen Umfeld Deutschland, in dem 50 Prozent des Privatkundenmarktes von den Sparkassen dominiert wird, erreicht hat. ?Ich kümmere mich nur in einer Sache um die Wettbewerber: Was kann ich von Ihnen lernen?, sagt Neske. Gelernt hat er offenbar schon eine Menge, wie die Zahlen belegen.Doch mit dem Erfolg wachsen auch die Ansprüche, die Erwartungen der Bank an ihn sind groß. Er soll die Deutsche Bank mittelfristig zur führenden Bank für Privat- und Geschäftskunden in Deutschland und Europa entwickeln. In diesem Jahr erwartet man einen Ergebnisbeitrag von 1 Mrd. Euro, ein Drittel mehr als 2003. Neske läßt keinen Zweifel, das er auch das schaffen wird. Dabei stützt er sich auf das Vertrauen von Konzernchef Josef Ackermanns. Manch einer sieht in ihm deshalb heute schon einen potenziellen Nachfolger des Schweizers.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.03.2004