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Selten sitzt eine Frau auf dem Chefsessel

Christoph Hus, Handelsblatt
In deutschen Unternehmen sind Frauen in Führungspositionen weitaus seltener vertreten als in anderen europäischen Ländern. Nur 17 Prozent der deutschen Arbeitnehmer haben bislang überhaupt intensive Erfahrungen mit weiblichen Chefs gemacht. Damit schneidet Deutschland im europäischen Vergleich am schlechtesten ab. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Online-Umfrage der Jobbörse Step Stone. Daran beteiligten sich über 2 100 Menschen in Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Italien, Belgien und den Niederlanden.Die große Mehrheit der Befragten aus Deutschland hat keine oder nur wenig Erfahrung mit weiblichen Führungskräften. 54 Prozent gaben an, die Management-Positionen seien bis auf wenige Ausnahmen mit Männern besetzt. Lediglich für 17 Prozent sind Frauen in Top-Positionen nichts Ungewöhnliches. Die Zahlen belegen, dass Führungspositionen in deutschen Unternehmen immer noch überwiegend in Männerhand sind.

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Die übrigen Länder zeigten sich in der Step-Stone-Umfrage fortschrittlicher. Im europäischen Durchschnitt gaben 28 Prozent der Befragten an, Frauen in Managementpositionen seien etwas völlig Normales. Weitere 53 Prozent haben zwar schon einmal unter einem weiblichen Chef gearbeitet, sind aber dennoch der Meinung, dass Frauen auf der Führungsebene deutlich unterrepräsentiert sind. Lediglich für ein Fünftel existieren weibliche Manager faktisch nicht.Zum Alltag gehören Frauen in leitenden Positionen vor allem in Belgien, Norwegen und den Niederlanden. Hier gaben zwischen 31 und 40 Prozent der Befragten an, weibliche Chefs seien nichts Außergewöhnliches. Auch im vermeintlich von Männern dominierten Italien war diese Antwort mit 38 Prozent deutlich häufiger als in Deutschland.Die Ergebnisse der Step-Stone- Umfrage belegen, wie selten Frauen in europäischen Unternehmen in Top-Positionen gelangen. Managerinnen sehen die Ursachen darin, dass die Verantwortung für Familie und Kinder viele beginnende Karrieren beendet. Anders als Männer verharren Frauen häufig in ihren Einstiegspositionen, weil sie beruflichen Aufstieg und Familienplanung nicht vereinbaren können."In der Regel sind die Führungspositionen von heute immer noch ganz auf Männer zugeschnitten", klagt Pia Palmu, Leiterin des Personalmarketings bei Ikea Deutschland.Dänemark, Norwegen und die Niederlande, wo berufstätige Frauen schon lange zum Alltag gehören, zählen nun zu den Vorreitern der Veränderung. In den skandinavischen Ländern ist es für Frauen traditionell leichter, Kinder und Karriere miteinander zu verbinden. Jede Frau hat dort Anspruch auf einen Kinderhort- sowie einen Kindergartenplatz. Der Nachwuchs wird auf Wunsch auch ganztägig betreut. Für die Mütter ist es damit möglich, weiter berufstätig zu sein.Neben gesetzlichen Regelungen spielt aber auch das Ansehen berufstätiger Mütter eine große Rolle."In Finnland ist es nicht nur akzeptiert, sondern üblich, als Frau beschäftigt zu sein", sagt die gebürtige Finnin Palmu."Aber Finnland scheint selbst seinen skandinavischen Nachbarn noch ein ganzes Stück voraus zu sein."Dies belegen auch die Umfrage- Ergebnisse für Schweden. Wie in Deutschland halten nur 17 Prozent der Befragten weibliche Führungskräfte für alltäglich - weitaus weniger als in Dänemark und Norwegen.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.11.2004