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Sekretärinnen

Sekretärinnen zu unterschätzen, ist ein weit verbreiteter Fehler. Die Damen haben nämlich in der Regel viel mehr, als man sich vorstellen kann: mehr Macht, mehr Kenntnisse, mehr Herrschaftswissen und mehr Kontakte.
Der Beruf der Sekretärin (Sekretäre gibt es fast gar nicht mehr, höchstens Generalsekretäre, und das ist etwas ganz anderes) hat kein sonderlich attraktives Image: Im besten Fall denkt man an "dienstbare Geister", die von morgens bis abends adrett gekleidet auf ihrer Tastatur klimpern und auf Zuruf köstlichen Kaffee kochen, ohne jemals ihr Lächeln abzusetzen. Und im schlechtesten Fall denkt man an misslaunige Zicken, die wenig mehr tun als Tür und Telefon ihres Chefs zu bewachen und gnadenlos alle abzuwimmeln, die sie aus irgendeinem Grund nicht leiden können. So richtig angenehm sind beide Vorstellungen nicht. Genau deshalb werden inzwischen kaum mehr reine Sekretärinnenstellen angeboten, sondern fast nur noch "AssistentInnen / SekretärInnen" gesucht: "Team-Assistent", das klingt nun mal nach mehr Verantwortung als die reine "Tippsenarbeit".Sekretärinnen zu unterschätzen, ist ein weit verbreiteter Fehler. Die Damen haben nämlich in der Regel viel mehr, als man sich vorstellen kann: mehr Macht (so mancher "dienstbare Geist" zieht für schwache Chefs die Strippen), mehr Kenntnisse (was sie über Text- und Tabellenprogramme wissen, werden Sie wahrscheinlich im Leben nicht lernen), mehr Herrschaftswissen (wer jahrelang in den Topetagen Ablage macht und wenigstens überfliegt, was er ablegt, kennt jedes Firmengeheimnis) und mehr Kontakte (Sekretärinnen sind Anlaufstellen und kennen alle vom Hausmeister bis zum Generaldirektor der Mutterfirma).

Die besten Jobs von allen

All das ist eigentlich unübersehbar. Jedenfalls für alle, die die Augen aufmachen und der Sekretärin ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit widmen. Anstatt aus Arroganz oder Bequemlichkeit darauf zu verzichten, sie zu grüßen, sich ihren Namen zu merken oder sich sonst irgendwie für sie zu interessieren. Die Damen haben ein sehr gutes Gedächtnis für Leute, die sie nur als lästiges Hindernis in der Kommunikation mit den "wirklich Wichtigen" betrachten und entsprechend behandeln. Wer das tut, darf sich nicht wundern, wenn sie auf ihre Weise Rache nehmen. Möglichkeiten dafür haben sie eine ganze Menge. Das fängt damit an, dass sie für unangenehme Zeitgenossen keinen Finger mehr krumm machen, sobald sie zwar könnten, aber nicht müssen. Und es hört damit auf, dass sie sich ihrem Chef gegenüber bei jeder passenden Gelegenheit ganz nebenbei recht kritisch über Sekretärinnenverachter äußern. Was eine ausgesprochen gefährliche Waffe ist, denn die meisten Chefs halten viel von der Meinung ihrer engsten Mitarbeiterin.Sekretärinnen zu schätzen wissen, ist deshalb grundsätzlich das Gebot der Stunde, und zwar bitteschön nicht nur aus rein sachlichen Erwägungen ("immer hübsch nett sein zu Leuten, die nützlich sind"). Sondern weil Sekretärinnen in erster Linie ganz einfach Kolleginnen sind. Obwohl Anfänger mit Universitätsabschluss und dynamische Jungmanager das oft ganz anders sehen: Arroganz gegenüber Sekretärinnen, Assistenten und Praktikanten gilt als typischer Fehler von studierten Berufsanfängern. Dabei sind gerade die gut beraten, zu den Sekretärinnen ihrer Vorgesetzten eine möglichst gute Beziehung aufzubauen. Kaum jemand sonst ist so gut in der Lage, ihnen Informationen und Ratschläge zu geben ("Sprechen Sie doch mal den Schmitz aus der dritten Etage an, der kann Ihnen das bestimmt erklären!") und ihnen zu helfen, ihr Unternehmen, ihre unmittelbare Arbeitsumgebung und ihre eigene Rolle darin zu verstehen.Und außerdem können offene und freundschaftliche Beziehungen zu Sekretärinnen eine Erfahrung fürs Leben vermitteln: Dass nämlich die Position innerhalb einer offiziellen Rangordnung nicht das Geringste über die menschlichen Qualitäten (sozialen Kompetenzen) des Inhabers dieser Position aussagt. Und dass es neben der offiziellen noch ganz andere Rangordnungen gibt - zum Beispiel für Beliebtheit oder Hilfsbereitschaft - auf der die Sekretärin möglicherweise ganz oben steht.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2004