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Seine letzte Schlacht

Von Markus Hennes und Ruth Reichstein
Bei der Übernahmeschlacht durch den Branchengiganten Mittal geht es für Arcelor-Chef Guy Dollé um viel. Er ist ein Chef der alten Schule und ein sehr emotionaler Mensch. Bei der Verteidigung seines Unternehmens geht es Dollé nicht nur um die Zahlen.
LUXEMBURG/ BRÜSSEL. Es ist ein besonderer Tag für den Arcelor-Chef. Nicht nur, weil die Bilanzpressekonferenz wegen des großen Andrangs von einem Schloss auf das Messegelände umziehen musste. Der Luxemburger Stahlkonzern steckt mitten in der Abwehrschlacht gegen den indisch-britischen Familienkonzern Mittal Steel. Es kann gut sein, dass dies das letzte Mal ist, an dem Dollé die Arcelor-Bilanz vorlegt, denn Ende kommenden Jahres endet sein Vorstandsvertrag. Aber zumindest äußerlich lässt er sich das nicht anmerken. Sichtlich entspannter als seine Vorstandskollegen auf dem Podium antwortet er auf die Fragen der Journalisten.Dem Angreifer Lakshmi Mittal zollt Dollé zwar Respekt: ?Sein Erfolg ist unbestritten.? Doch er macht eines klar: ?Wir werden gewinnen.? Als größte Schwachstelle des Angebots bezeichnet er, dass Mittal die Übernahme Arcelors überwiegend mit eigenen Aktien bezahlen will.

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Für den drahtigen Dollé, der mit weit ausholenden Gesten argumentiert, geht es um viel. ?Er empfindet das als einen persönlichen Angriff?, sagt Peter Scherrer von der Europäischen Metallgewerkschaft, mit dem sich der Arcelor-Chef kürzlich traf. ?Dollé ist ein sehr emotionaler Mensch. Ihm geht es nicht nur um Zahlen, sondern er empfindet auch eine Verpflichtung gegenüber seinen Leuten.?Deshalb mögen ihn die Gewerkschaften, obwohl Dollé die schmerzliche Restrukturierung bei Arcelor angetrieben hat. Im belgischen Lüttich zum Beispiel schaltet er 2009 den letzten Hochofen ab. In Zukunft wird im belgischen Stahlbecken nur noch ?kalt? produziert. Rund 10 000 Arbeitsplätze gehen verloren.Aber in der Übernahmeschlacht kann sich Dollé zu 100 Prozent auf seine Mitarbeiter verlassen. Immer wieder melden sich Gewerkschafter mit Kritik an Mittal zu Wort. ?Es sind zwei grundverschiedene Unternehmensstrukturen. Das passt nicht zusammen, und das gilt auch für die beiden Chefs?, sagt John Castegnaro, Luxemburger Gewerkschaftspräsident und Mitglied im Aufsichtsrat von Arcelor. Mittal sei auf Profit aus und kenne keine sozialen Verpflichtungen, meint Castegnaro.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mitarbeiter bezeichnen ihn als einen typisch französischen ?Patron?.Dollé dagegen bezeichnen Mitarbeiter als einen ?Chef der alten Schule? oder als einen typisch französischen ?Patron?.Er gehört zu einer inzwischen seltenen Spezies. ?Er ist nicht einfach nur Manager, sondern auch Unternehmer?, sagt Gewerkschafter Peter Scherrer. Und jetzt kämpft er wie ein Löwe, um sein Werk zu erhalten.Dabei ist er sonst sehr umgänglich, wird von seinen Mitarbeitern als ?angenehmer Chef? und ?Arbeitstier? beschrieben. Sein Erfolg als Stahlmanager scheint ihm nicht zu Kopfe gestiegen zu sein. Er ist weder für ausschweifende Feste noch für Skandale bekannt. Seit 30 Jahren ist er in erster Ehe verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter, die beide ? wie er ? Ingenieure geworden sind.Dollé kommt aus einfachen Verhältnissen. Er wird 1942 in der zentralfranzösischen Provinz Picardie geboren. Sein Vater ist Kunstglaser und hat sich auf Kirchenfenster spezialisiert. Seine Arbeit führt die Familie nach Metz, wo Dollé aufwächst und heute sein Familiendomizil hat.Hier beginnt auch seine Karriere in der Stahlindustrie. Nach seinem Abschluss an der Pariser Eliteschule für Ingenieure, Ecole Polytechnique, arbeitet er zunächst für das Forschungsinstitut Irsid. 1980 wechselt er zum französischen Stahlkonzern Usinor und steigt schließlich 1999 zum Vize-Konzernchef auf. Keine drei Jahre später steht Dollé an der Spitze von Arcelor, der Fusion von Usinor mit der Luxemburger Arbed und der spanischen Arceralia.Dollé muss von seinem Pariser Büro nach Luxemburg umziehen. Anders als die meisten seiner Kollegen mault er nicht. ?Ich bin ein Mann der Provinz?, sagt er und freut sich über die Nähe zur Wahlheimat Metz.Mit der Stadt verbindet Dollé auch seine Fußball-Leidenschaft. Als Schüler kickt er beim FC Metz, sogar als Kapitän. ?Heute kommt er noch ins Stadion, wenn sein Terminkalender es zulässt?, sagt der Präsident des Clubs, Charles Molinari. Ihn verbindet mit Dollé eine Freundschaft.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Morgens liest Dollé erst mal die Sportzeitung.Der Arcelor-Chef verfolgt von seinem Büro aus im Zentrum von Luxemburg, was in der französischen Liga passiert. Jeden Morgen liest er ? vor den Finanzblättern ? die Sportzeitung ?L?Equipe?. Im Büro hat er Meisterschaftsbälle mit Spielerautogrammen ausgestellt. Er will sich wohlfühlen in dem eher kleinen Raum und nicht mit seinem Arbeitsplatz andere beeindrucken.Oft ist er auf Reisen, um seinen Konzern weiter auszubauen. Anders gäbe es kein Überleben, meint der Franzose. Deshalb zieht Dollé eine große Niederlassung in Brasilien hoch, erweitert beständig das Geschäft Arcelors in Asien, vor allem in China. Und gerade übernahm er den kanadischen Stahlkonzern Dofasco.In einigen Jahren werde es nur noch wenige, globale Stahlkonzerne geben, prophezeit Dollé. Dass Arcelor dazu gehören wird, das steht für ihn außer Frage.Auch deshalb führt er jetzt so unerbittlich die Schlacht gegen die feindliche Übernahme durch Mittal Steel. Ein ?Marathonlauf? solle das werden, drohte er gestern erneut dem indischen Rivalen. ?Wir haben einen langen Atem.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Zur Person: Guy Dollé.Guy Dollé
  • 1942 Er wird am 31. Oktober als Sohn eines Kunstglasers in der zentralfranzösischen Region Picardie geboren. Kurz darauf siedelt seine Familie nach Metz in den Norden Frankreichs über. Dollé besucht später die Pariser Eliteschule Polytechnique.
  • 1966Dollé beginnt in Metz seine Karriere in der Stahlbranche, zunächst beim Forschungszentrum der Stahlbranche, Irsid.
  • 1980Er steigt ins Management des französischen Stahlkonzerns Usinor ein. Ein kurzes Zwischenspiel gibt er von April bis Mai 1993 als Vorstandsvorsitzender der Saarstahl AG in Völklingen, die kurz darauf in ein Konkursverfahren eintritt.
  • 1995Dollé steigt bei Usinor weiter auf. Er ist verantwortlich für Planung und internationale Beziehungen. Später wechselt er an die Spitze der Abteilung für rostfreien Stahl und Legierungen.
  • 1999Dollé wird von Francis Mer zum stellvertretenden Unternehmenschef von Usinor ernannt. Er ist für das Tagesgeschäft des Stahlkonzerns verantwortlich.
  • 2002Beim Zusammenschluss von Usinor, mit Arbed/Luxemburg und Arceralia/Spanien zu Arcelor wird Dollé die Unternehmensführung des neuen Konzerns übertragen.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.02.2006