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Seine dritte Chance

Von Holger Alich
Gleich zwei Top-Jobs hat Christian Streiff kurz hintereinander verschlissen. Heute tritt er als neuer Konzernchef von PSA Peugeot Citroën vor die Aktionäre und informiert über "seine Mission". Er will den Konzern zu neuer Größe führen.
Christian Streiff ist neuer Chef bei Peugeot. Foto: dpa
PARIS. Farnborough, Großbritannien: Christian Streiff ist erst wenige Tage im Amt, von Selbstzweifel gibt es indes keine Spur. Trotz der sommerlichen Hitze hat der Top-Manager seinen rugbygestählten Körper in einen anthrazitfarbenen Nadelstreifenzwirn gehüllt, die bordeauxrote Krawatte schimmert auf dem makellos weißen Hemd; mit seinem etwas jungenhaften Lächeln strahlt der neue Konzernchef den Kameraleuten entgegen.Die Szene spielte sich im vergangenen Juli ab. Streiff war erst seit wenigen Tagen Chef des Flugzeugbauers Airbus und musste sich gleich den Kunden auf der wichtigen Airshow stellen. Drei Monate später folgte der Absturz. Entnervt von den ständigen Einmischungen der Großaktionäre warf Streiff das Handtuch.

Die besten Jobs von allen

Paris, Frankreich. Wieder richten sich heute die Objektive der Fotografen auf den 52-Jährigen. Denn Christian Streiff tritt zum ersten Mal als neuer Chef des Autoriesen PSA Peugeot Citroën vor die Aktionäre. Die Anleger erhoffen sich mehr Details zu seinem Plan "Cap 2010", mit dem er den nach Volkswagen zweitgrößten Autokonstrukteur Europas zu neuer Größe führen will. "Meine Mission ist, PSA wieder zu Wachstum und steigenden Gewinnen zu führen", hatte er kurz nach seinem Amtsantritt im Februar im Konzernsitz an der Avenue de la Grande Armée erklärt.Die Laufbahn des Christian Streiff dürfte in Frankreich in jeder Hinsicht einzigartig sein. In weniger als zwei Jahren verschliss er gleich zwei Top-Jobs: Nach über 25 Jahren im Dienste des ältesten französischen Industrie-Konzerns, Saint-Gobain, überwarf er sich mit Übervater Jean-Louis Beffa, als Streiff schon als dessen Nachfolger feststand. Ein Jahr später folgte die unrühmliche Episode bei Airbus. Und dennoch hat ihm die Familie Peugeot, die 45 Prozent der Stimmrechte hat, die Führung ihres Autoimperiums anvertraut.Dass er nicht nur eine zweite, sondern nun sogar eine dritte Chance bekommt, sich als Konzernlenker zu beweisen, führen Beobachter auf sein großes Können als Industrie-Manager zurück. Zum Beispiel hatte Streiff vor seiner Berufung an die Airbus-Spitze keinerlei Erfahrungen im Flugzeugbau, auch wenn er über einen Pilotenschein verfügt. In weniger als drei Monaten erarbeitet sich das Arbeitstier den Restrukturierungsplan "Power 8", der in großen Teilen heute noch vom EADS- und Airbus-Chef Louis Gallois umgesetzt wird. "Er hat gute Arbeit geleistet", urteilte Gallois nach Streiffs Abgang. Gestolpert ist er bei Airbus wie bei Saint-Gobain über sein wenig diplomatisches Wesen, heißt es in Paris.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Theater-Liebhaber führt bei PSA endlich selbst die RegieBeim Autobauer PSA führt der Theater-Liebhaber endlich selbst die Regie. Denn die Familie Peugeot weiß, worauf sie sich eingelassen hat. Gleich nach Amtsantritt konnte Streiff daher den Vorstand nach seinem Gusto neu besetzen. Die Strategie für die Konzernmarken Peugeot und Citroën unterstellte er zum Beispiel seiner früheren Saint-Gobain-Kollegin Isabel Marey-Semper.PSA ist zwar kein Sanierungsfall, hat aber wie alle europäischen Volumenhersteller eine Menge Herausforderungen zu meistern. Vier Hauptprobleme hat Streiff identifiziert: Die Qualität der Autos ist zu schlecht, die Produktpalette kommt in die Jahre, die Organisation ist zu ineffizient, und die Fixkosten sind zu hoch. Wenn auch weniger dramatisch als Wettbewerber Renault, verliert auch PSA mit seinen beiden Marken kontinuierlich Marktanteile: Lag dieser in der EU (Kleinlaster herausgerechnet) für PKW noch bei 15 Prozent im Jahr 2002, sind es derzeit nur noch gut 13 Prozent.Die Folge: "Der Konzern hat Kapazitäten für vier Millionen Fahrzeuge, tatsächlich produzieren wir nur 3,4 Millionen", sagte dieser Tage Jean-Luc Vergne, Personalvorstand des Konzerns. In Sachen Kostenreduzierung versprach Streiff schon im März daher einen "Umbruch".Ende April kündigte der Konzern an, in Frankreich 4800 Stellen zu streichen, das sind fünf Prozent aller Jobs im Heimatland. Die Rosskur soll indes ohne Stellenstreichungen ablaufen.Dennoch atmen die Gewerkschaften etwas auf. Denn sie hatten befürchtet, dass Streiff ein weiteres Werk schließen könnte, wie es sein Vorgänger Jean-Martin Folz bereits im britischen Ryton getan hatte. "Wir haben Streiff erst einmal persönlich getroffen, dabei machte er den Eindruck, dass man mit ihm reden kann", sagte Marcel Merat, Betriebsratsvertreter der Gewerkschaft CGT.Was ihm bei Airbus früher Probleme bereitet hatte, kommt heute bei PSA gut an: sein direktes und damit eher unfranzösisches Wesen. "Er ist jemand, der sich an den Hierarchien vorbei Informationen von den Mitarbeitern vor Ort abholt", sagte ein Insider.So berief Streiff zehn spartenübergreifende Arbeitsgruppen ein, die ihm Vorschläge zur Verbesserung der Fahrzeugqualität, zur Kostensenkung und zur schnelleren Entwicklung von neuen Modellen machen sollen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Probleme mit etablierten Ordnungsschemata Mit etablierten Ordnungsschemata hatte Streiff schon immer so seine Probleme. So absolvierte er nicht die elitäre Ingenieurs-Schmiede Polytechnique, denn diese untersteht dem Verteidigungsministerium. Antimilitarist Streiff wollte aber partout keine Uniform tragen.Also absolvierte er die nicht weniger angesehene Ecole des Mines. Den Einzug in das Corps de Mines, eine der französischen Brutstätten für Konzernchefs, verpasste er indes, obwohl er Jahrgangsbester war. Denn bei der Aufnahmeprüfung breitete er seine umweltpolitischen Vorstellungen aus, was damals nicht wirklich angesagt war.Dennoch wurden die hohen Herren auf den jungen Mann mit den krausen Haaren aufmerksam - und empfahlen ihn Saint-Gobain-Chef Beffa. Dieser schickte ihn kreuz und quer um den Erdball und in alle Sparten des Baustoffriesen - von der Flachglasproduktion bis hin zu Schleifmitteln.In den 80er-Jahren arbeitete Streiff einige Jahre in Deutschland. Dieser Erfahrung verdankt er exzellente Deutschkenntnisse und gute Drähte in die deutsche Industrie (so sitzt er bei Thyssen-Krupp und bei Continental im Aufsichtsrat); die Erfahrungen im Wende-Deutschland verarbeitete er zudem in seinem Roman "Kriegsspiel".Und kaum war seine Benennung als Peugeot-Chef beschlossene Sache, holten pfiffige Buchhändler in Frankreich den Titel wieder aus der Versenkung und platzierten ihn exzellent im Buchregal. Nach seinen jüngsten Karriere-Irrwegen will Streiff indes vor allem als Auto-Manager, nicht als Autor für Furore sorgen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Christian StreiffVita von Christian Streiff1954 wird er in Lothringen geboren. Im Anschluss an seine Schullaufbahn absolviert er ein Ingenieursstudium an der Ecole des Mines in Paris.1979 beginnt Streiff seine Karriere bei Saint Gobain, einem Unternehmen für Werk- und Baustoffe. In den ersten elf Jahren leitet er Produktionsstätten des Unternehmens in Deutschland.1997 steigt er zum Leiter des Geschäftsbereichs Rohrleitungen auf.2001 wird er Mitglied des Vorstands und gleichzeitig Senior-Vizepräsident des Konzerns.2006 wird Streiff Vorstandschef von Airbus, tritt aber schon drei Monate darauf zurück, weil er sich mit seinem Spar- und Restrukturierungskonzept beim EADS-Aufsichtsrat nicht durchsetzen kann.2007 wird er dann Konzernchef des Autokonzerns PSA Peugeot Citroën.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2007