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Sein tiefer Fall

Von Mark C. Schneider
Er war der mächtigste Arbeitnehmervertreter im Land ? bis er über die "VW-Affäre? stolperte. Ab Donnerstag steht Klaus Volkert vor Gericht. Doch ehemalige Verhandlungspartner, einstige Weggefährten und nicht zuletzt Volkes Stimme haben ihn schon längst verurteilt.
Klaus Volkert ist am 30.06.2005 als Betriebsratschef von Volkswagen zurückgetreten. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Das Urteil über Klaus Volkert ist längst gefällt ? "selbst schuld?. Das sagt nicht nur Volkes Stimme, nachdem immer mehr Details der VW-Affäre ans Tageslicht gekommen sind. Diesem Urteil schließen sich auch viele ehemalige Verhandlungspartner und einst wohlmeinende Weggefährten an.Immer wieder erzählen Besucher von dem großen Eindruck, den ein Besuch bei dem einst mindestens so machtbewussten wie tatsächlich mächtigen langjährigen Gesamtbetriebsratschef von Europas größtem Autobauer bei ihnen hinterlassen hat. Viele Berichte handeln von einem "selbstzufriedenen Aufsteiger?, der wohl in jeder Beziehung die Puppen tanzen ließ. Je wichtiger Volkert sich genommen habe, desto größer sei sein Statusbewusstsein geworden. So habe ein Termin in seinem Büro einer Audienz geglichen. "Dagegen waren viele Top-Manager unprätentiös im Umgang?, sagt ein IG-Metall-Funktionär. "Stolz prahlte Volkert, wer auf seinem Besucherstuhl schon alles um Hilfe bei Auftragsentscheidungen gebeten hat.?

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Es scheint genau dies die Keimzelle zu sein, aus der die unappetitliche Affäre erwuchs: Die einzigartige Wolfsburger Mischung aus realer Bedeutung des Betriebsrats und selbstherrlichem Machtanspruch. Mehr noch: Die Mesalliance wurde verherrlicht, Volkert präsentierte sich als weitsichtiger "Ko-Manager?, der das Wohl von Belegschaft und Unternehmen gleichermaßen berücksichtigte.Rückendeckung kam zumindest vom damaligen Personalvorstand Peter Hartz, dessen findige Mitarbeiter ein Händchen dafür hatten, die aus der Not geborenen Arbeitszeitmodelle als geniale Innovationen feiern zu lassen. In seinem Prozess hat der vom Chefsessel auf die Anklagebank verbannte Hartz zugegeben, Volkert mit Sonderbonuszahlungen in Millionenhöhe "gekauft? zu haben.Hartz-Anwalt Egon Müller sprach davon, Volkert habe bei anstehenden wichtigen Entscheidungen "Hunderttausende? hinter sich bringen können. "Ein Mann wie Volkert verfügte über Charisma?, sagte der Spezialist für Wirtschaftsrecht. Hartz habe dies erkannt ? "und das hat er eingekauft?. Es sei dem VW-Personalvorstand dabei um "Klimapflege? gegangen, so der Anwalt. Der VW-Manager selbst erhob in seinem Geständnis schwere Beschuldigungen gegen Volkert. Der Betriebsratschef habe "deutlich verstehbar zum Ausdruck gebracht?, dass er mehr Geld wolle.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Strahlende Karriere beendet Heute scheint es schwer vorstellbar, aber Hartz, der Namensgeber der einschneidenden Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Ära, war einst ein bundesweit begehrter Manager. Niedersachsens SPD-Spitzenpolitiker wie der damalige Kanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Sigmar Gabriel flogen eigens per Hubschrauber zum 60. Geburtstag von Hartz.Heute ist seine einst strahlende Karriere längst beendet. Die Richter des Braunschweiger Landgerichts verdonnerten Hartz nach einer umstrittenen Urteilsabsprache wegen Untreue, teilweise in besonders schweren Fällen, und Begünstigung eines Betriebsrats zu zwei Jahren Haft auf Bewährung sowie einer Geldstrafe von 576 000 Euro. Ein tiefer Fall, der nun auch den von vielen bereits vorverurteilten Volkert droht. Am kommenden Donnerstag soll der Prozess pünktlich um zehn Uhr in der Braunschweiger Münzstraße beginnen. Bereits ab acht Uhr dürfte sich wieder eine Traube von Schaulustigen um die 48 Sitzplatzkarten balgen.Sollte Volkert im Strafprozess verurteilt werden, kommen auf ihn wahrscheinlich Schadensersatzforderungen in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro zu. Eine sogenannte Directors-and-Officers-Versicherung hat VW den entstandenen Schaden in Höhe von rund 4,5 Mill. Euro ersetzt. Einen Teil der Summe fordert die Versicherung bereits von Hartz zurück. Auch von Volkert will sie Schadensersatz einklagen, will der "Spiegel? erfahren haben.Doch völlig egal, wie das Urteil ausfällt: Die Folgen von Volkerts Verfehlungen werden noch lange nachwirken. Mit einem Organisationsgrad von weit mehr als 90 Prozent bleibt die IG Metall ein unbestrittener Machtfaktor bei Volkswagen. Noch immer sitzen Betriebsräte und Gewerkschafter bei wichtigen Entscheidungen am Tisch ? gegen sie geht nichts im VW-Reich.Dennoch schwächt die Affäre Volkerts unbeteiligte Nachfolger ? zumindest moralisch. Die immer wieder aufflackernden Geschichten um gekaufte Arbeitnehmervertreter und Liebe auf Firmenkosten schmerzen, heißt es. Teste zum Beispiel der amtierende Betriebsratschef Bernd Osterloh einen repräsentativen Audi A8, gehe das Getuschel gleich los.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Verständliche Drohgebärde Infrage gestellt wird die Macht von IG Metall und Betriebsrat zudem vom neuen Großaktionär Porsche. Noch ist völlig ungewiss, ob die gestern trotz Osterlohs erbitterten Widerstand ins Handelsregister eingetragene Porsche-Holding nach europäischem Recht (SE) am Ende das geschwächte VW-Mitbestimmungssystem de facto aushebeln wird. Ein Arbeitsgericht in Ludwigsburg hatte eine einstweilige Verfügung des VW-Betriebsrats kürzlich abgelehnt. Übernimmt Porsche wie erwartet die Mehrheit an Volkswagen, wird der fünftgrößte Autobauer der Welt zu einem Teil der Porsche SE.Da war es sicher kein Zufall, dass der Betriebsrat vor zwei Wochen die Bänder in den VW-Werken für eine Stunde stillstehen ließ ? offiziell als Informationsveranstaltung für die Mitarbeiter deklariert, war das tatsächlich eine Drohgebärde, die von den Adressaten verstanden wurde. Bei Volkswagen gibt es Sinn für Symbolik. Drei Tage vor der Landtagswahl in Niedersachsen am 27. Januar 2008 will die Wirtschafts-Strafkammer das Urteil im Prozess gegen die Hauptbeschuldigten Volkert und den Ex-VW-Manager Klaus-Joachim Gebauer verkünden. Als Zeugen geladen sind auch die Ex-SPD-Abgeordneten in Bund und Land, Hans-Jürgen Uhl und Günter Lenz.Beobachter sprechen von einem "politischen Prozess?. Dem niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff war als langjährigem Oppositionsführer die enge Verbindung zwischen SPD-Regierung und Volkswagen stets ein Dorn im Auge. Das vom Europäischen Gerichtshof kassierte VW-Gesetz begünstigte eine solche Nähe.Spannend bleibt die Frage, was eigentlich Volkswagens Patriarch Ferdinand Piëch wusste. Der Aufsichtsratschef muss am 9. Januar in der Münzstraße als Zeuge aussagen.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Chronik der Affäre VolkswagenChronik der Affäre Volkswagen25. Juni 2005: Erste Berichte über eine Schmiergeldaffäre tauchen auf. Drei Tage darauf erstattet VW Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.30. Juni 2005: Betriebsratschef Klaus Volkert tritt zurück. Eine Woche darauf berichten die Medien darüber, dass der VW-Vorstand dem Betriebsrat teure Luxusreisen ins Ausland bezahlt habe. Dafür hätte das Gremium Vorstandsbeschlüsse abgenickt.5. August 2005: Der VW-Vorstand akzeptiert den Rücktritt von Arbeitsdirektor Peter Hartz. Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer gibt zu, im Auftrag des Vorstands für Betriebsräte Besuche in Nobelhotels und Nachtclubs organisiert zu haben.15. November 2006: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig erhebt Anklage gegen Hartz in 44 Fällen. Im Januar 2007 bestätigt der, den früheren Betriebsratschef Volkert "gekauft? zu haben. Hartz wird verurteilt, Volkert und Gebauer werden angeklagt.15. November 2007: Prozessauftakt gegen Volkert und Gebauer.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.11.2007