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Jamie Mitchell
Die Regierungen gehen ins Netz. Damit bieten sich auch jungen Unternehmen viele neue Chancen. Aber Geschäfte mit dem Staat folgen eigenen Gesetzen.
Die Regierungen gehen ins Netz. Damit bieten sich auch jungen Unternehmen viele neue Chancen. Aber Geschäfte mit dem Staat folgen eigenen Gesetzen.

Die Regierungen in Europa geben im Schnitt rund 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für den öffentlichen Sektor aus. Ein gewaltiges Potenzial für Internetfirmen. Denn unter dem Stichwort "E-Government" wollen die Staaten künftig zumindest einen Teil ihrer Geschäfte und Dienstleistungen über das Internet abwickeln.

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So haben sowohl Bundeskanzler Gerhard Schröder als auch der britische Premierminister Tony Blair versprochen, bis 2003 sämtliche Dienstleistungen der Regierung im Internet verfügbar zu machen. Doch für junge Unternehmen ist E-Government ein hartes Pflaster.

Was ist überhaupt E-Government? Unter dem Begriff werden eine ganze Reihe von Geschäftsmodellen zusammengefasst. Besonders nahe liegt es, Bürgern und Unternehmen online Dienstleistungen anzubieten.

Unternehmen geben jährlich Tausende von Euro für reine Verwaltungsaufwendungen aus. Und die Regierungen verschleudern ein Vermögen, indem sie bürokratische Hürden überwachen und einsetzen. Ein vereinfachter Informationsaustausch wird die Kosten für beide Seiten sehr stark senken. Zusätzlich möchte die Regierung ihr Dienstleistungsangebot erweitern.

Ein weiteres Teilgebiet ist die "digitale Demokratie". Momentan gibt es keine eindeutige Zustimmung für eine Stimmabgabe im Internet. Andere Arten der digitalen Demokratie sind dagegen schon weniger umstritten. So könnte eine wesentliche Verbesserung in den Beziehungen zwischen Bürgern und Politikern erreicht werden, wenn die E-Mail-Adressen der Regierungsvertreter öffentlich bekannt wären. Und für Staaten, in denen Referenda eine große Rolle spielen, bietet das Internet das ideale Mittel, um solche öffentlichen Abstimmungen zu fördern und eine hohe Wahlbeteiligung zu erreichen.

Die Gesellschaften in Amerika und Großbritannien sind, was den Zugang zu Wohlstand und Bildung und damit auch zur Technologie angeht, noch strikt geteilt. Zu den Aufgaben des E-Government gehört deshalb auch, diese Kluft zu verringern. Der Preisverfall bei Computern und der Vormarsch des digitalen Fernsehens vor allem in Europa tragen dazu bei. Ebenso helfen Regierungsprogramme, die Schulen mit Computern ausstatten und für einen kostenlosen Internetzugang in Büchereien und Kiosken sorgen.

Ein wirtschaftlich besonders bedeutsames Element des E-Government ist die "elektronische Beschaffung" (E-Procurement). Online zu kaufen und zu verkaufen senkt die Kosten. Aber die Geschäftsregeln einer Regierung sind komplexer als in einem Unternehmen. Oft ist die Ausschreibung von Aufträgen vorgeschrieben, und auch bei kleinen Anschaffungen - etwa beim Kauf eines Computers oder von Büroklammern - müssen die Verwaltungen mehrere Angebote einholen und schriftlich detailliert Bericht erstatten, um das beste Angebot belegen zu können.

Plattformen für die elektronische Beschaffung tragen nicht nur dazu bei, den besten Preis zu erzielen, indem sie die Transparenz und Auswahl erhöhen. Sie erleichtern auch den Einkauf als solchen. Bei einem Regierungsprojekt zur elektronischen Beschaffung in den USA kann man über die Plattform alles bestellen - von der Büroklammer bis zum Feuerwehrauto. Nach nur wenigen Monaten werden große Teile der Regierungseinkäufe über dieses neue System abgewickelt.

Die wahre Stärke des E-Government liegt aber darin, dass es den Umgang zwischen Regierungen und den Bürgern verändern kann. So muss sich zum Beispiel eine schwangere Frau in Zukunft vielleicht nicht mehr mit mehreren verschiedenen Behörden und Institutionen auseinandersetzen - von der Krankenkasse bis zum Sozialamt, von der reinen Beratung bis zur Abgabe eines Antrags.

Angesichts dieser vielfältigen Geschäftsmöglichkeiten stellt sich die Frage, wie ein Startup sie nutzen kann. Zuerst muss man feststellen, dass der Markt aufgrund seiner schieren Größe alle großen Anbieter von Informationstechnologien angelockt hat - von SAP über IBM bis zu Siemens. Und doch ist das Feld noch weitgehend unbeackert, weil kaum jemand Erfahrung damit hat. Nur in den USA gibt es einige Unternehmen, die sich auf diesem Gebiet schon ein Weilchen tummeln.

Jungen Firmen, die frische Talente und Unternehmergeist haben, bietet sich also durchaus die Chance, ihr Know-how der Regierung zur Verfügung zu stellen. Allerdings stehen ihnen zwei größere Hürden im Weg: Absatzzyklen und Glaubwürdigkeit.

Die staatlichen Absatzzyklen sind unglaublich lang. Aufgrund einer Vielzahl von Gründen dauert es zwölf Monate, bis eine typische Ausschreibung der öffentlichen Hand wie etwa für das Internetportal einer Stadt abgeschlossen ist. Doch heute schaffen es Startups kaum noch, sich frisches Kapital zu beschaffen, ohne bereits konkrete Abschlüsse mit Kunden vorweisen zu können. Also sollte jeder, der auf dem Gebiet E-Government ein neues Projekt angeht, über genügend Kapital verfügen, um auch eine längere Phase ohne Einnahmen durchzustehen.

Zum zweiten sind Regierungen geradezu notorisch besorgt, dass ein Auftrag nicht erfüllt wird. Die fehlgeschlagenen Regierungsprojekte in der Informationstechnologie füllen eine lange Liste. Es gibt Statistiken, nach denen über 90 Prozent dieser Regierungsvorhaben schief gegangen sind! Für Startups ist es deshalb besonders wichtig, ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen zu können.

Dazu müssen sie bereits erzielte Erfolge nachweisen, eine glaubwürdige Marke und Mannschaft vorstellen und finanzielle Ausdauer belegen können - diese Kriterien werden bei einer Ausschreibung zuerst geprüft.

Wie kann ein junges Unternehmen diese beiden Herausforderungen erfüllen? Die Antwort lautet: Indem es Partnerschaften eingeht, vorzugsweise Kapitalpartnerschaften, um seine Glaubwürdigkeit, einen guten Ruf und eine umfangreiche Startfinanzierung zu sichern, damit es den Zeitraum bis zu einer zweiten Finanzierungsrunde überstehen kann.

Absatzzyklen von zwölf Monaten stellen in der öffentlichen Verwaltung oft das Minimum dar. Ein Startup, das nur über wenig Startkapital verfügt, muss den Spagat meistern, seine Kosten niedrig zu halten und gleichzeitig verkaufbare Produkte zu schaffen und Umsatz zu machen. Wenn sie diese Herausforderungen nicht meistern, haben Startups gegenüber großen und etablierten Unternehmen kaum eine Chance, das Potenzial des E-Government für ihre Geschäfte zu nutzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.03.2001