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Schwierige Kollegen

Cornelia Topf
Die Arbeit könnte so schön sein, wenn da nicht die lieben Kollegen wären – vor allem jene, die eingebildet, intrigant, faul oder furchtbar empfindlich sind.
Herr Müller geht mal wieder ins Detail und hält den ganzen Betrieb auf. Frau Schneider treibt gegen den Teamkonsens quer, und Frau Schmitt hat zum hundertsten Mal eine Rechnung verschlampt. Kein Wunder, dass uns da der Kragen platzt und wir die magischen Worte aussprechen, die alles nur noch schlimmer machen: ?Sei doch nicht immer so penibel/rechthaberisch/unordentlich!“ Was erreichen wir damit? Das Gleiche wie in jeder Beziehungskiste: einen handfesten Krach.

Wir lernen hieraus, dass man jemandem, der irgendwie schwierig ist, dies bloß nicht auf den Kopf zusagen darf – sonst eskaliert die Situation. Wir lernen außerdem, wen wir überhaupt als schwierigen Kollegen bezeichnen: jeden, der nicht so ist, denkt und handelt wie wir. Deshalb hält im Büroalltag der Introvertierte den Extravertierten für eine Tratschtasche und der Extravertierte den Introvertierten für einen Sesselfurzer. Der Detailverliebte hält den Kreativen für einen Spinner, der Kreative wiederum hält den Detailverliebten für einen Erbsenzähler.

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90 Prozent aller ?schwierigen“ Kollegen sind überhaupt nicht schwierig, sondern ganz einfach anders. Wir haben nur nie gelernt, wie wir mit ihnen umgehen sollen. Wir denken, die anderen sind so, wie sie sind, nur um uns zu ärgern. Sind sie aber nicht. Sie sind so, weil sie so sein wollen.

Der Detailverliebte will nicht den ganzen Betrieb aufhalten – er leidet selbst darunter. Deshalb reagiert er ungehalten, wenn Sie ihm sagen: ?Sei doch nicht so ... !“ Können Sie ihm das verdenken? Nein, er reagiert völlig normal. Sie würden genauso reagieren, nein, Sie reagieren genauso, wenn man Ihnen sagt: ?Sei doch nicht so ... (tragen Sie an dieser Stelle Ihre größte Tugend ein)!“

Der erste Schritt zur Abschaffung schwieriger Kollegen ist also Verständnis. Doch Verstehen ist die schwerste Übung der Welt. Deshalb haben wir ja so viele schwierige Kollegen. Verständnis setzt kognitive Anstrengung voraus. Eine Anstrengung, die sich lohnt. Fragen Sie sich: ?Warum und wozu macht er, was er macht?“ Und wenn Sie nicht darauf kommen, fragen Sie Ihren Kollegen selbst. Sie müssen ihm nur klar zeigen, dass Sie nicht fragen, um ihn bloßzustellen, sondern weil es Sie interessiert.

Interesse ist das Wundermittel der Deeskalation. Eine Minute Interesse hat schon zehn Jahre alte Zerwürfnisse beendet. Hinterher sagen Sie sich: ?Jetzt weiß ich endlich, warum er das macht!“ Und ab diesem Moment haben Sie keinen Stress mehr mit dem vormals als schwierig abgestempelten Kollegen. Ein Problem haben Sie aber immer noch mit ihm: Denn der Penible hält weiterhin den Betrieb auf und der Hektiker stört immer noch mit seinen Eintagsfliegenideen.

Was tun? Sie müssen den Kollegen auf sein Verhalten ansprechen. Doch leider sind die kommunikativen Fähigkeiten vieler im Beruf stehender Menschen unterentwickelt. Das führt dazu, dass vor allem Berufsanfängern irgendwann der Geduldsfaden reißt und sie den Chef einschalten.

Dieser Schuss geht nach hinten los. Wer den Chef einschaltet, sagt sich, dem Chef und allen Kollegen: ?Ich komme nicht allein damit zurecht. Ich bin eine Petze und ein Kameradenschwein.“ Egal, wie berechtigt die Klage ist, egal, wie viele andere Kollegen davon profitieren, danach sind Sie ?unten durch“ und selber ein schwieriger Kollege, der gemieden wird. Merke: Der Chef ist immer das letzte Mittel, wenn Sie alles andere schon probiert haben.

Sie müssen das Problem also selbst lösen. Wenn Sie Nachhilfe in Sachen Kommunikation brauchen, hören Sie einfach zu, wie eine gute Mutter mit ihrem Kind redet. Sagt sie etwa streng: ?Es gibt heute kein Eis“? Nein, denn sie weiß, welches Geheul danach einsetzt. Eine gute Mutter ist cleverer, sie sagt: ?Ich weiß, du hättest jetzt gerne ein Eis. Ich auch. Es ist gerade keines im Kühlschrank. Was machen wir denn da?“

Das Erste, was Sie einem Andersdenkenden entgegenbringen müssen, ist Verständnis, das Zweite ist die Einsicht, dass es ein Problem gibt. Das Dritte schließlich ist das Angebot, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Diese drei Dinge braucht der schwierige Kollege – mehr nicht.

Und wie merken Sie, ob Sie selbst ein schwieriger Kollege sind? Dafür gibt es eine Faustregel: Wer sich selbst nicht für einen schwierigen Kollegen hält, ist einer. Denn schwierige Kollegen glauben stets, dass sie alles richtig machen und nur die anderen schuld sind. Gute Kollegen dagegen kennen ihre Schwächen und wissen oder ahnen zumindest, wann und womit sie anderen auf den Senkel gehen. Wissen Sie’s?
Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2001