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Schwer belastet

Von Martin-W. Buchenau
Europas größter Fuhrunternehmer steht wegen Bestechung und Steuerhinterziehung vor Gericht: Thomas Willi Betz kämpft um die Familienehre.
STUTTGART. Thomas Willi Betz kommt vom Seiteneingang rechts in den Saal 1 des Landgerichts Stuttgart. Das ist der Weg für inhaftierte Angeklagte. Der Speditionsunternehmer lächelt die schwarz gekleidete, elegante Mitvierzigerin in der zweiten Reihe an. Liebevoll, aber doch etwas gehemmt, trifft Betz? Blick den seiner Ehefrau. Das grelle Neonlicht des Gerichtssaals unterdrückt weitere Gefühlsäußerungen. Seit seiner Verhaftung vor einem Jahr sieht er seine Frau jeden Monat nur die vorgeschriebenen 30 Besuchsminuten in der Justizvollzugsanstalt Stammheim. Freilassung auf Kaution wurde ihm nicht zugestanden ? wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr.Der schlanke 48-Jährige mit der hohen Stirn trägt einen korrekten dunklen Anzug, den Schnauzbart akkurat gepflegt. So sieht keiner aus, den man im Gerichtssaal erwarten würde. Der größte europäische Spediteur gehört eigentlich zur feinen Gesellschaft. Nun aber muss er sich zwei Tage lang anhören, wie sich der Staatsanwalt durch die fast 600 Seiten der Anklageschrift liest.

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Bestechung in über 20 eigenständigen Fällen, Urkundenfälschung in Hunderten von Fällen und Steuerhinterziehung in großem Stil wird ihm vorgeworfen. Mit den mitangeklagten Prokuristen aus seinem Unternehmen wird ihm sogar vorgeworfen, sich zu einer ? Bande zur fortgesetzten Handlung? zusammengeschlossen zu haben.?Der Angeklagte hat durch die Straftaten hohe Einkünfte und Gewinne erzielt?, betont der Staatsanwalt und nennt Zahlen: 4,5 Millionen Euro habe der Spediteur für Bestechung osteuropäischer Beamter ausgegeben, um im Gegenzug Transportgenehmigungen in die EU zu bekommen. Insgesamt sei dadurch ein Bruttoerlös von 186 Millionen Euro zwischen 1998 und 2003 erzielt worden. Durch die vorgetäuschte Beschäftigung von 900 bulgarischen LKW-Fahrern bei der dortigen Tochter Somat habe er 19,6 Millionen Euro Sozialabgaben in Deutschland nicht bezahlt.Zudem soll Betz durch unrechtmäßige Zulassung im Ausland acht Millionen Euro KFZ-Steuern hinterzogen und 7,5 Millionen Euro an Einfuhrabgaben nicht gezahlt haben. Letztendlich muss das Gericht die entscheidende Frage klären, ob die 900 bulgarischen Fahrer Betz direkt zuzurechnen sind ? oder der bulgarischen Tochter.Das Unternehmen, das in diesem Jahr seinen Umsatz um einen niedrigen zweistelligen Prozentsatz auf 730 Millionen Euro steigern will, wird zentral von Reutlingen geführt. Betz ist als Spediteur nicht nur einer der größten LKW-Kunden von Daimler-Chrysler, sondern vermarktet auch an elf Standorten in Osteuropa Fahrzeuge des Daimler-Chrysler-Konzerns. Derzeit werden die fast 8 000 Beschäftigten interimsweise von einem Prokuristen geführt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In der Branche wird Betz seit langem angefeindet.In der Branche wird Betz seit langem angefeindet, weil die bulgarischen Fahrer nur ein Drittel des Lohnes ihrer deutschen Kollegen verdienen ? ein gewaltiger Wettbewerbsvorteil, wenn ein LKW mit zwei Fahrern besetzt wird, die dann ohne Pause fahren können und zusammen weniger als ein deutscher Fahrer kosten.Betz galt in Reutlingen bisher als cleverer, aber rechtschaffener schwäbischer Unternehmer. Diesem Ruf will er auch vor Gericht gerecht werden. Nach der Anklage will er direkt zur Sache sprechen und, dezidiert auf Gutachten gestützt, nachweisen, dass die Fahrer zur bulgarischen Tochter gehören und die Vorwürfe somit also unbegründet sind. Anders als in einem vergleichbaren Fall der Spedition Fixemer in Saarbrücken, wo die Angeklagten zur Sache bislang schweigen, will er in die Offensive gehen.Thomas Willi Betz ist der Sohn von Firmengründer Willi Betz. Die Anklage gegen den 78-jährigen Senior wurde abgetrennt, da er nicht verhandlungsfähig ist. Er leidet unter den Folgen von Schussverletzungen, die ihm vor zehn Jahren Einbrecher in seinem Haus zufügten. Danach zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück.Angefangen hat alles ganz klein: Der 17-jährige Bauernsohn ohne Führerschein aus Undingen auf der schwäbischen Alb bringt kurz nach dem Krieg mit einem ausrangierten französischen Militärlaster seine erste Fuhre Lebensmittel und Brennholz nach Reutlingen. 1953 gehören ihm bereits fünf Laster, 1960 zehn und 1975 wird er Deutschlands größter Fuhrunternehmer. Heute gilt er als Europas Nummer eins.Das rasante Wachstum verdankt Betz vor allem seinem Instinkt. Er liefert als einer der Erster in den 50ern billigen Wein aus Italien und Frankreich mit eigens gebauten Tanklastwagen in die Heimat. Als sich kein Spediteur in den 60ern in den Nahen Osten traut, fährt Betz nach Iran, Syrien, Kuwait und Saudi-Arabien. Die Bulgarien-Verbindung wird in den 70er-Jahren die Grundlage für den Aufstieg an die Spitze. Mitten im Kalten Krieg fährt Betz nach Sofia und handelte mit der Regierung eine Kooperation mit dem staatlichen Fuhrunternehmen Somat aus. Heute gehört Somat zu hundert Prozent Betz, inklusive Schwarzmeerfähren, Krankenhäusern und Supermärkten in Sofia.Ein ganzes Stadtviertel gehört Betz in Reutlingen, mit Lagerhallen, Waschstraßen, Logistikzentrale und Parkplätzen. Mitten in diesem Industriegebiet hat sich Willi Betz seine Villa, einen Pferdestall und eine Reithalle gebaut.Hier wuchs auch sein Sohn Thomas zwischen LKW-Reifen und Europaletten auf. Ob er das Familienunternehmen wieder führen wird, werden die nächsten 70 Verhandlungstage zeigen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zur Person Thomas Willi BetzTHOMAS WILLI BETZ1958
wird er in Reutlingen geboren und wächst in der schwäbischen Kleinstadt auf. Später studiert er Wirtschaftsingenieurwesen. Sein Vater Willi bezieht ihn früh in die Firma ein und überträgt ihm Aufgaben.
1995
wird sein Vater von Einbrechern in seinem Haus angeschossen. Danach zieht er sich zurück. Sohn Thomas führt maßgeblich die Geschäfte.
2003
überrollt am 26. März in der wohl größten Firmenrazzia der deutschen Geschichte ein Kommando von 800 Polizisten, Steuerfahnder und Staatsanwälten die Firma.
2005
wird Thomas Betz im September verhaftet.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.09.2006