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Schweiz

Für Deutsche ist die Schweiz das Auswanderungsland Nummer eins in Europa. Knapp 13.000 Landsleute zog es im Jahr 2004 dorthin. Kein Wunder, denn von diesem Arbeitsmarkt kann man in Deutschland nur träumen: 3,3 Prozent Arbeitslose, in manchen Kantonen sogar nur ein Prozent.
Alles außer Hochdeutsch

Rolf Glötzl, 39, Diplom-Mathematiker aus Regensburg, lebt seit 1997 in Zürich. Bei dem Versicherungskonzern Zurich Financial Services arbeitet er als Senior Investor Relations Officer

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Keine zehn Pferde würden mich im Moment zurück nach Deutschland bringen. Es heißt ja, Zürich sei die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit - das kann ich nur bestätigen. Hier ist alles in handlichem Format, aber mit dem Flair einer internationalen Bankenstadt. Ich bin in zehn Minuten am See und in einer Stunde beim Skifahren. Kein Wunder, dass immer mehr Deutsche nach Zürich ziehen.
Was Gehalt und Steuern angeht, ist es hier fast paradiesisch. Als ich in die Schweiz gekommen bin, habe ich beispielsweise mein Nettogehalt auf einen Schlag verdoppelt. Natürlich brauchte ich erst mal eine Arbeitsgenehmigung, was aber für mich als Versicherungsmathematiker kein Problem war, denn der Beruf ist in der Schweiz Mangelware.
Entsprechend gut bin ich gefördert worden: Damit ich meinen jetzigen Job als Investor Relations Officer antreten konnte, hat mich die Zurich bei meinem MBA-Studium sogar finanziell unterstützt.
Schwyzerdütsch verstehe ich mittlerweile ganz gut. Das ist auch notwendig, denn der Schweizer an sich hasst es, Hochdeutsch reden zu müssen. Als Kollegen sind Schweizer höflicher und kooperativer als die Deutschen, und vor allem profilieren sie sich nicht ständig als Alleswisser. Abends gehen wir hier eher getrennte Wege, aber wenn man von einem Schweizer nach Hause eingeladen wird, hat man's geschafft. Gewöhnungsbedürftig war für mich das hohe Preisniveau. Anfangs dachte ich noch: Das gibt's doch nicht, da musst du dich verrechnet haben. Meine 80-Quadratmeter-Wohnung kostet umgerechnet 1.730 Euro im Monat - und das ist definitiv noch keine Luxusklasse. Aber ich beklage mich ja nicht über meinen Gehaltszettel, dann darf ich auch nicht über die Preise hier meckern

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Arbeitsmarkt

Für Deutsche ist die Schweiz das Auswanderungsland Nummer eins in Europa. Knapp 13.000 Landsleute zog es im Jahr 2004 dorthin. Kein Wunder, denn von diesem Arbeitsmarkt kann man in Deutschland nur träumen: 3,3 Prozent Arbeitslose, in manchen Kantonen sogar nur ein Prozent. Hohen Bedarf an Fachkräften hat die Finanz- und Versicherungsbranche. Aber auch in IT, Hotellerie und Gastronomie, Metallindustrie und Maschinenbau sind Deutsche willkommen.

Boom-Regionen

Die dynamischsten Regionen der Schweiz liegen im Nordwesten rund um Basel und in der "Greater Zurich Area" rund um Zürich und Zug. Der Tourismus boomt im Wallis, in Luzern, Graubünden, im Tessin und Berner Oberland

Gehalt und Lebensstandard

Die Schweiz hat das höchste Gehaltsniveau in Europa. Das mittlere Bruttojahreseinkommen beträgt 42.000 Euro. Am meisten verdient man in Zürich und Genf; besonders gut bezahlen Unternehmensberatungen, IT/Telekommunikation sowie Finanz- und Versicherungsunternehmen. Im Schnitt liegt das Gehalt 20 Prozent über dem, was in Deutschland üblich ist. Das Land ist ein Steuerparadies, vom Gehalt bleibt viel übrig: Bei einem kinderlosen Single mit Durchschnittsgehalt werden 29,5 Prozent Steuern und Abgaben abgezogen, bei einer Einverdienerehe mit zwei Kindern 18,6 Prozent. Krankenversicherung ist Privatsache und von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Schon für rund 200 Euro pro Person wird eine Grundversicherung angeboten, jedoch mit recht hohem Selbstbehalt. Zürich und Genf sind weltweit die Städte mit der höchsten Lebensqualität. Leider sind sie auch unter den Top Ten der teuersten Städte. Die Lebenshaltungskosten liegen in der gesamten Schweiz 20 bis 30 Prozent höher als in Deutschland. Mieten in Großstädten können sogar 70 Prozent teurer sein.

Bewerben

Ganz ähnlich wie in Deutschland. Üblich sind schriftliche Bewerbungen; per E-Mail bewirbt man sich nur, wenn ausdrücklich erwünscht. Ein Deckblatt kennt man in der Schweiz nicht, und auch ein Foto ist nicht notwendig. Wichtig ist die Referenzenliste: Sie wird mit zum Vorstellungsgespräch genommen und enthält Namen, Funktionen, Adressen und Telefonnummern von Menschen, die den Bewerber beruflich kennen (Dozenten, Vorgesetzte).
Dieser Artikel ist erschienen am 18.07.2006