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Schweißtreibend

Die Fragen stellte Liane Borghardt
Interview mit Harald Völker, 33, Vorsitzender des Doktorandennetzwerks Thesis.
Was ist die größte Hürde auf dem Weg zur Doktorwürde?

Harald Völker: Während der Promotion ist man sehr auf sich allein gestellt – und steht sich daher oft selbst im Weg. Denn im Unterschied zu anderen wissenschaftlichen Arbeiten wie Klausuren sind hier keine Kriterien vorgegeben, an denen man sich messen kann. Der Einzelne hat da keine Vergleichsmöglichkeiten und muss seine eigenen Benchmarks setzen. Das ist eine der größten Schwierigkeiten für Doktoranden. Aber damit zugleich eine ihrer beachtlichen Leistungen.

Die besten Jobs von allen


Trotzdem läuft die künftige akademische Elite eher mit gesenktem Kopf herum.

Eine Promotion ist zwar harte Arbeit, aber man wird dafür nicht auf Heller und Pfennig entlohnt wie bei anderen Jobs. Das kann schon am Selbstbewusstsein nagen. Hinzu kommt: Während die meisten Doktoranden noch in der klapprigen Ente herumfahren, kassieren ehemalige Kommilitonen schon dicke Einstiegsgehälter. Außerdem plagen einen ständig Zweifel, ob man das richtige Thema gewählt hat oder ob man die Promotion überhaupt packt.

Was tun, wenn die Selbstzweifel überhand nehmen und den Doktoranden in ein tiefes Motivationsloch reißen?

Es ist ganz wichtig, sich mit Leuten zu unterhalten, die auch mitten in der Dissertation stecken. Der interdisziplinäre Austausch bei Thesis hat noch einen Vorteil: Wenn der Romanist mit dem Juristen oder dem Biologen redet, ist es für ihn viel einfacher, die Hosen runterzulassen und zu sagen ?Ich komme nicht weiter“, als vor Institutskollegen, die auf ein und dieselbe Stelle nach der Promotion schielen. Sich Leute zum Vorbild zu nehmen, die die Dissertation erfolgreich abgeschlossen haben, kann helfen. Persönliche Vorbilder können aber auch aus anderen Bereichen kommen. Mir hat sich das Bild von Jan Ullrich eingebrannt, wie er 1997 die Radrenn-Etappe in Andorra gewonnen hat. Fünf Stunden ist er in praller Sonne stetig den Berg hoch gefahren. Von da an habe ich meine Promotion als Ausdauersport mit Etappensiegen betrachtet.

Was hilft, wenn man beim Schreiben gar nicht erst in die Gänge kommt?

Die Angst vorm weißen Blatt kriegt man in den Griff, wenn man sich sagt: Das erste Kapitel wird sowieso wieder umgearbeitet; also hier nicht zu viel Liebe investieren. Meins habe ich zwei Wochen vor Abgabe noch mal neu geschrieben.

Darf ein Doktorand auch mal in die Ferien fahren?

Klar, das sollte er sogar. Aber eine Auszeit zum Entspannen muss nicht der Urlaub auf den Malediven sein. Wenn man während der Promotion die Augen nach links und rechts offen hält, etwa mal ein Praktikum einschiebt, tut das auch gut.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.07.2001