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Schweden

Barbara Weise
Die schwedische Wachstumsrate lag im letzten Jahr bei beachtlichen 2,7 Prozent, die Arbeitslosenquote sank auf 4,6 Prozent. Gute Chancen haben vor allem Ingenieure und IT-Spezialisten.
Leben lässiger
Nicole Gläser, 37, lebt seit knapp zwei Jahren in Stockholm. Die Landschaftsarchitektin hat bei einem Internetdienstleister ihren Traumjob gefunden.

Job-Links

Eigentlich hat es mich immer in den Süden gezogen - bis ich mich vor vier Jahren in einen Schweden verliebte. Der hat mich schnell davon überzeugen können, wie schön sein Heimatland ist! 2004 kündigte ich meinen Job als Marketingleiterin in einem Softwarehaus in Mannheim, doch von Deutschland aus eine neue Stelle zu suchen, erschien mir schwierig. So haben wir uns erst mal ein Haus gesucht und ich habe einen Intensivkurs Schwedisch gemacht. Eine weise Entscheidung: Zwar ist in einigen internationalen Unternehmen die Umgangssprache Englisch, aber ohne gute Kenntnisse in der Landessprache läuft eigentlich nichts. Ein paar Mal bekam ich eine Absage mit der Begründung, dass sie jemanden mit perfekten Schwedischkenntnissen suchen. Also bewarb ich mich erst mal auf Stellen, wo Deutschkenntnisse verlangt wurden - wo auch immer. Es muss ja nicht gleich der erste Job ein Volltreffer sein, sagte ich mir. Zuerst habe ich in einem Unternehmen für Suchmaschinenoptimierung gearbeitet. Das war okay. Seit Anfang des Jahres habe ich meinen Traumjob: Bei Eastpoint AB, einem Internetdienstleister, bin ich als General Manager Germany für den Marktaufbau Deutschland verantwortlich. Die Firma ist international und sehr breit aufgestellt, genau das, was ich wollte. Inzwischen arbeite ich auch sehr gerne mit schwedischen Kunden. Ich mag die lockere Geschäftskultur. Die Schweden denken weniger in Hierarchien, und zu Meetings, in denen in Deutschland garantiert Anzug und Krawatte angesagt wären, kommt man in Jeans. Was ich sehr genieße, sind die Arbeitszeiten: Die reguläre Arbeitszeit beträgt 40 Stunden, und daran hält man sich in der Regel auch. In Deutschland habe ich oft bis zu 70 Stunden gearbeitet. Die Schweden legen viel Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance und verbringen jede Menge Zeit mit der Familie. Und mit Kaffeetrinken! Die Cafés hier sind auch einfach unheimlich gemütlich. Mein Lieblingscafé ist das "Flickorna i Sommarhamn" in Stavsnäs By in der Nähe von Stockholm. Die riesige Kuchenauswahl dort versüßt mir sogar die langen, dunklen Winter

Die besten Jobs von allen


Arbeitsmarkt

Die schwedische Wachstumsrate lag im letzten Jahr bei beachtlichen 2,7 Prozent, die Arbeitslosenquote sank auf 4,6 Prozent. Gute Chancen haben vor allem Ingenieure und IT-Spezialisten. Ohne Schwedischkenntnisse kommen aber selbst Fachleute nicht weit

Boom-Regionen

In der Hauptstadt Stockholm befinden sich 40 Prozent der Hauptsitze aller schwedischen Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern. Die Region rund um Malmö und Göteborg beherbergt Automobilindustrie, Banken und Versicherungen

Gehalt und Lebensstandard

30.210 Euro brutto im Jahr verdient ein Arbeitnehmer durchschnittlich in Schweden. Akademiker müssen gegenüber Deutschland mit Gehaltsabschlägen rechnen. Besteuert werden die Einkommen individuell, das heißt unabhängig vom Familienstand. Man zahlt eine so genannte Kommunalsteuer in Höhe von 26 bis 34 Prozent (je nach Gemeinde). Dazu kommt bei höheren Einkommen die staatliche Einkommensteuer von 20 bis 25 Prozent. Wer weniger als sechs Monate in Schweden arbeitet, zahlt einen pauschalen Einkommensteuersatz von 25 Prozent. Die Lebenshaltungskosten liegen rund zehn bis 20 Prozent höher als in Deutschland, insbesondere Alkohol und Restaurantbesuche schlagen empfindlich zu Buche. Der Wohnmarkt in den Städten ist sehr eng - Immobilien werden eher gekauft als gemietet. Mietwohnungen bekommt man oft nur unter der Hand über Untermietverhältnisse.

Bewerben

Die Bewerbungsunterlagen bestehen aus Anschreiben und Lebenslauf, ein Foto ist nicht unbedingt nötig. Referenzen früherer Arbeitgeber werden dagegen erwartet, Zeugniskopien (übersetzen lassen!) erst zum Bewerbungsgespräch mitbringen. Online-Bewerbungen sind verbreitet. Beim Vorstellen ist Understatement angesagt, Statussymbole sind tabu. Wer sich etwa seinen akademischen Titel auf die Visitenkarte drucken lässt, gilt als Angeber. Fragen beim Bewerbungsgespräch reichen in den privaten Bereich, Beispiel: Thema Familienplanung.
Job-Links: Wirtschaft und Arbeitsmarkt
  • Die Arbeitslosenquote lag in den letzten Jahren um die fünf Prozent

  • Dringend gesucht werden aktuell Fachkräfte im Gesundheitswesen, in der IT- Branche und im pädagogischen Bereich

  • Jeder Schwede, unabhängig vom Einkommen der Eltern, hat das Recht auf Studienfördergelder. In Schweden machen 90 Prozent der Jugendlichen das "Abitur" (3-jähriges Gymnasium)

  • Schweden hat die weltweit höchste Erwerbsquote von Frauen.
Arbeitsvermittlung und Bewerbung
  • Das schwedische Arbeitsamt heißt Arbetsförmedlingen und ist in jeder Kommune vertreten. Trotz Aufhebung der Monopolstellung des Arbeitsamtes 1993 bietet es weiterhin 80 Prozent aller offenen Stellen an

  • Stellenanzeigen finden sich unter anderem in den Zeitungen Platsjournalen und Nytt jobb

  • Das landesweite Computersystem des Arbeitsamtes (Platsbanken) informiert über freie Stellen

  • Für niedrige und mittlere Positionen stellt das Arbeitsamt vorgedruckte Formulare bereit. Für höhere Stellungen sollten Sie sich jedoch individuell bewerben. Immer mehr sind auch Online-Bewerbungen gefragt. Vor einer schriftlichen Bewerbung sollten Sie telefonisch mit dem Arbeitgeber Kontakt aufnehmen.
Löhne, Soziale Absicherung, Steuer, Versicherung
  • Arbeitsverträge sind wie die meisten Fragen im Bereich des Arbeitsrechts durch Tarifverträge geregelt. Individuelle Arbeitsverträge sind selten. Lohn- und Gehaltsfragen werden jedoch einzeln ausgehandelt

  • Die Kommunen sind gesetzlich verpflichtet, erwerbstätigen Eltern einen Kindergartenplatz anzubieten

  • In Schweden gibt es eine kommunale Steuer, die rein einkommensabhängig, unabhängig von Familienstand und Kinderzahl, erhoben wird.

  • Jeder, der in Schweden wohnt, ist durch die schwedische Krankenkasse, Försäkringskassan, versichert. Dort müssen Sie sich selbst anmelden, unter Angabe Ihres Einkommens und Ihres Arbeitsortes

  • Die Arbeitslosenversicherung ist bis heute noch freiwillig. Ihre Leistungen liegen bei 80 Prozent des letzten Bezugsentgelds, mindestens jedoch 27, höchstens 65 Euro täglich, und werden für unter 57-Jährige 300 Tage und für über 57-Jährige 450 Tage ausgezahlt.
Wussten Sie schon...

... dass man in Schweden auch Geschäftspartner sehr schnell mit dem Vornamen anredet? Dies darf aber nicht mit rascher Verbrüderung verwechselt werden.

... dass Bewerbungen in Schweden sehr informell sein dürfen? Man beginnt seine Bewerbung gerne mit der Anrede "Hej", Titel und Namen der Eltern sind nicht nötig, ebenso wenig ein Foto. Wenn es zu einem Vorstellungsgespräch kommt, ist man lockerer als in Deutschland, aber gepflegt gekleidet.

... dass man in Schweden überall möglichst flache Strukturen hat? Ein Chef beim Kaffeekochen oder im lockeren Gespräch mit seinen Angestellten ist keine Seltenheit. Der Arbeitnehmer hat dort mehr Freiheit, aber er muss dabei auch mehr Verantwortung als in Deutschland übernehmen.

Nützliche Adressen

Europäisches Berufsberatungszentrum im Arbeitsamt Kiel
Adolf-Westphal-Str. 2
24143 Kiel
Tel: (04 31) 7 09 - 12 11
e-mail: kiel.euroguidance@arbeitsamt.de

Das Schwedische Institut
Box 7343
S - 10391 Stockholm
Tel.: (00 46) 8 - 789 20 00
Internet: http://www.si.se

http://www.gulasidorna.se
Die schwedischen Gelben Seiten

http://www.migrationsverket.se
Die Datenbank der schwedischen Einwanderungsbehörde

http://www.sos.se
Die schwedische Gesundheitsbehörde Socialstyrelsen, zuständig für Anerkennung von Berufsabschlüssen im medizinischen Bereich

http://www.syoguiden.com Die Datenbank der schwedischen Berufsberatung
Dieser Artikel ist erschienen am 22.08.2003