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Schwanengesang

Katja Wilke
Die großen Plattenfirmen feuern reihenweise deutsche Künstler. Letzte Chance für junge Musiker: Independent Labels.
Erst gab es Gold, dann einen Tritt. Mit selbst geschriebenen Songs wie "Witchcraft" oder "Just More" kletterte die deutsche Mädchenband Wonderwall vor zwei Jahren hoch in die Charts, die CD "Witchcraft" brachte der Band die goldene Schallplatte, ihre Tour mit Teenieschwarm Ronan Keating lief glänzend. Wonderwalls Plattenfirma WEA aus dem Warner-Konzern setzte hohe Erwartungen in seinen Shootingstar. Doch das zweite Album verkaufte sich nur noch mäßig. Vergangenen Winter, mitten in den Aufnahmen zur zweiten Single-Auskoppelung, zog Warner plötzlich sein fest zugesagtes Budget für ein neues Video zurück. "Das war zwar kein formeller Rausschmiss", sagt Sängerin Kati rückblickend, "aber uns war natürlich klar, dass eine Zusammenarbeit auf so einer Grundlage nicht mehr möglich ist."

Die Erfahrung der Wonderwall-Musikerinnen Kati und Ela haben in den letzten Wochen und Monaten viele deutsche Musiker machen müssen, und nicht immer ging die Plattenindustrie so subtil vor wie Warner: Die vier großen internationalen "Majors" Universal, EMI, Warner und das frisch fusionierte Mega-Label SonyBMG räumen gnadenlos auf und feuern jeden, der nicht genug Umsatz bringt.

Die besten Jobs von allen


Die Musikkonzerne, die 75 Prozent des Marktes unter sich aufteilen, stehen unter Druck. Viel zu spät entdeckten sie das Internet als Vertriebsform, zu unflexibel war ihre Preispolitik bei den CDs. Die Quittung für verschlafene Markttrends sind dramatische Verkaufsrückgänge, bereits das vierte Jahr in Folge. Tausende Mitarbeiter wurden von den Plattenmultis entlassen, zuletzt setzte BMG 2.000 Angestellte an die Luft - Preis für die Fusion mit Ex-Konkurrent Sony. In Deutschland sind davon voraussichtlich rund 80 Mitarbeiter betroffen.

Einer der wenigen Hoffnungsträger ist das Geschäft mit Handy-Klingeltönen: Das brummt bereits seit einigen Jahren, erreichte im vergangenen bereits 2,4 Milliarden Euro und hat nach Ansicht von Branchenkennern sogar noch Wachstumspotenzial. Bis 2008 sollen die Umsätze weltweit auf 3,7 Milliarden steigen. Im Bemühen, auch die angestammten Unternehmensbereiche wieder gut aufzustellen, setzen die Konzernzentralen nun die Brechstange bei den Künstlern an.

Superstars ganz klein

EMI trennte sich von rund 20 Prozent seiner Interpreten, BMG ging noch gründlicher vor: Rund 60 Prozent der deutschen Musiker wurden hier vor die Tür gesetzt. Von den aufwändig im Fernsehen gecasteten "Superstars" darf nur einer bleiben: Alexander. Mit Schmuseliedern konnte der Plastikpop-Barde unter pubertierenden Mädchen innerhalb kurzer Zeit eine vergleichsweise treue und CD-kaufwillige Fangemeinde bilden. Andere - darunter Daniel Küblböck oder Jacqueline, aber auch gestandene Rock-Größen wie Udo Lindenberg - mussten gehen.

"Die Zentralen der Plattenkonzerne haben die heimischen Künstler als Umsatzbremse ausgemacht", beklagt Ole Seelenmeyer vom Verband deutscher Rock- und Popmusiker. "Da steckt oft ein ganz enormer Druck aus den USA dahinter." Die großen Labels wollen nur noch wahre Superstars in ihren Karteien sehen, die sich weltweit vermarkten lassen. "Da fallen Deutsche durch das Raster", sagt Seelenmeyer. Selbst hierzulande erfolgreiche Stars wie Sarah Connor oder Jeannette könnten noch so inbrünstig auf Englisch trällern - an einen Durchbruch in den USA, dem größten Musikmarkt, sei nicht zu denken.

Best of Volksmusik

Bittere Folge: Die Nachwuchsförderung ist völlig eingebrochen. Für junge Musiker wird es immer schwieriger, an Plattenverträge zu kommen. "Die Großen schließen zurzeit wenige bis gar keine neuen Verträge ab", sagt Seelenmeyer. Bis auf eine grausame Ausnahme: Das Geschäft mit Schlager- und Volksmusik wird angeheizt wie nie zuvor. Bei BMG räumt Schlagersängerin Andrea Berg als eine der erfolgreichsten nationalen Künstlerinnen ab: Knapp eine Million Mal verkaufte sich ihr "Best of"-Album. "Bei Schlager und Volksmusik haben wir die Umsätze stabil gehalten", heißt es bei EMI, die mit den urigen "Randfichten" sogar in den Popcharts Erfolge feierten.

Nachwuchsmusikern ohne Musikantenstadl-Ambitionen bleibt derzeit nur eine Chance: Independent Labels - kleine, unabhängige Plattenfirmen, die im Schatten der Großen überleben und manchmal sogar blühen. Die so genannten Indies sind flexibler und schneller als die trägen Konzerne, können rascher auf den Markt reagieren. Nicht ganz so profitable Künstler sind für sie keine Last, weil sie ohnehin mit geringeren Kosten bei der Produktion oder beim Videoclip-Dreh arbeiten - oder gleich ganz auf ihn verzichten. Auch für Marketing bleibt in der Regel nicht viel Geld. Was zählt, ist Kreativität.

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Helden aus dem Nichts

"Wir sind Helden" schrieben eine der schönsten Indie-Erfolgsgeschichten des vergangenen Jahres. Walter Holzbauer, Geschäftsführer des kleinen Wintrup-Musikverlages in Detmold, entdeckte die Band und versuchte, ihnen einen Plattenvertrag bei einem der großen Labels zu verschaffen. Doch die winkten ab, hielten die Musik der Helden für nicht marktfähig. Holzbauer und sein kleines Team, überzeugt von der Musik und den intelligenten Texten der Newcomer, nahmen die Sache selbst in die Hand: Über einen unabhängigen Vertrieb brachten sie CDs in den Handel und schleppten Aufnahmen der Band in verschiedene Radiosender. Mit dem Erfolg kam auch das Interesse der Musikkonzerne zurück, EMI erhielt den Zuschlag. "Künstler aktiv aufzubauen", sagt Marcus Bünte, Artists-&-Repertoire-Manager bei Wintrup, "das können sich nur wenige kleine Labels leisten."

Doch auch Helden-Geschichten sind rar, viele Independents krebsen hart am Existenzminimum. Ihre Hoffnungen liegen auf der Musikmesse Popkomm, die mit verändertem Konzept vom 29. September bis zum 1. Oktober in Berlin stattfindet (siehe Interview S. 26). "Wir gehen davon aus, dass es eine Veranstaltung wird, auf der Künstler und Produzenten konstruktiv miteinander ins Gespräch kommen - nicht mehr nur eine Nabelschau der großen Labels", heißt es bei Impala, dem internationalen Verband der unabhängigen Plattenfirmen.

Die zunehmende Konzentration auf dem Musikmarkt sehen sie skeptisch, dem Rausschmiss der Künstler dagegen können die Unabhängigen der Branche auch Gutes abgewinnen: Das Hamburger Musiklabel Edel verkündete bereits selbstbewusst, dass sie sich nun unter den vielen geschassten Musikern die guten raussuchen und unter Vertrag nehmen könne - ohne kostenintensive Aufbauarbeit leisten zu müssen, die sich über Jahre hinziehen kann.

Rosinen picken

Für das Label Seven Days Music, das unter dem Dach von Jack White Productions arbeitet, hat sich das Rosinenpicken bereits gelohnt. Hier fanden Kati und Ela von Wonderwall nach der Trennung von Warner ein neues Zuhause. Wonderwall sind bekannt, die Lieder kann jeder mitsummen. Auch die Musikerinnen freuen sich: "Das ist eine viel persönlichere Zusammenarbeit", sagt Ela und lobt kürzere Entscheidungswege und mehr Mitspracherechte. "Wir arbeiten mit Leuten zusammen, die an uns glauben. Das ist ein gutes Gefühl." Und gleicht dann auch ein geringeres Budget aus.

In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob sich das Zusammengehen für beide gelohnt hat: Wonderwall haben am Soundtrack zu dem neuen Zeichentrickfilm "Lauras Stern" mitgearbeitet, der am 23. September in deutschen Kinos startet, und im Herbst erscheint ein neues Album. Wer weiß, wenn es gut läuft, steht Warner vielleicht wieder vor der Tür - diesmal als Bittsteller.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.09.2004