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Schrempp steht wegen Daimler-Chrysler-Fusion vor Gericht

Für Jürgen Schrempp könnte die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler vor fünf Jahren noch unangenehme Folgen haben: Der US-Milliardär Kerkorian fühlt sich benachteiligt und klagt nun auf Entschädigung in Milliardenhöhe.
Kirk Kerkorian. Foto: dpa (1991)
HB STUTTGART. In der amerikanischen Provinz, am Bezirksgericht im Bundesstaat Delaware, will Bundesrichter Joseph Farnan von Montag an ergründen, ob damals alles mit rechten Dingen zuging.Kerkorian fühlt sich von Schrempp betrogen, seit dieser im Oktober 2000 der ?Financial Times? in einem Interview offenbart haben soll, er habe es von vornherein auf eine Übernahme des US- Autobauers abgesehen, der inzwischen nur noch eine von mehreren Sparten von Daimler-Chrysler ist. Die steuerbegünstigte ?Fusion unter Gleichen? (merger of equals) habe er als ?psychologischen Umweg? gebraucht, um die Aktionäre zu überzeugen. Kerkorian war vor der Fusion mit 13,75 Prozent größter Chrysler-Aktionär. Von 2001 an hat er seine Daimler-Chrysler-Anteile verkauft, nachdem die Aktien bereits deutlich in die Knie gegangen waren.

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Farnan hat Schrempp, Finanzvorstand Manfred Gentz und den Ex-Chrysler-Chef Bob Eaton nach Wilmington einbestellt. In der zweiten Dezember-Woche wird Schrempps Auftritt erwartet. Auch Kerkorian will aussagen. Hätte er gewusst, dass Daimler-Benz eine Übernahme und keine ?Fusion unter Ebenbürtigen? geplant habe, hätte er einen höheren Aufschlag auf die Aktien verlangen können, argumentiert er. Die meisten Chrysler-Aktionäre hätten einer Übernahme durch die Deutschen überdies kaum zugestimmt. ?Das war nie eine Fusion unter Gleichen. Daimler-Benz war viel größer?, sagt Garyl Rhys, Automobilwirtschafts-Professor von der Universität Cardiff in Wales. ?Viele Amerikaner haben das nur geglaubt, weil sie das glauben wollten.? Die Äußerungen des pressescheuen Schrempp in dem ?FT?-Interview seien freilich etwas naiv gewesen, räumt er ein.Kerkorians Argumentation "scheinheilig"Schrempp habe keinen Grund, sich für den gewählten Weg zur Fusion zu entschuldigen, sagt ein Londoner Autoanalyst. ?Schon damals hätten sich professionelle Investoren keinen Illusionen hingegeben, dass das kein Merger war.? Kerkorians Argumentation sei scheinheilig. Nicht die Strategie von Daimler-Chrysler stehe auf dem Prüfstand, sondern die Art, wie sie verkauft wurde. Welche Summe Tracinda tatsächlich von Daimler-Chrysler will, ist indes weiter unklar.Die im November 2000 eingereichte Klage lautete auf acht Milliarden Dollar - zwei Milliarden Dollar als Entschädigung für Kerkorians Einbußen und sechs Milliarden als Strafe für die angebliche Lüge Schrempps. Zuletzt sprachen seine Anwälte von einem Betrag zwischen 1,5 und 2,0 Milliarden Dollar. Erst vor einer Woche wies Richter Farnan den letzten Antrag des Stuttgarter Konzerns auf Abweisung der Klage ohne weitere Beweisaufnahme ab. In der Begründung für die Zulassung verhehlte er seine Sympathien für die Kläger nicht: ?Nach meiner Ansicht hat Tracinda ausreichende Beweise für die Behauptung vorgelegt, dass die Beklagte nie eine Fusion unter Gleichen im Sinn gehabt hat, sondern von Anfang an heimlich eine Übernahme plante?, heißt es in seinem 38-seitigen Schriftstück.Großaktionär Kerkorian sei von Anfang an in alles eingeweiht gewesen, hielt Daimler-Chrysler dagegen. Er habe Eaton sogar zu der Fusion gedrängt und den Plan an das ?Wall Street Journal? verraten, um ihn ja nicht scheitern zu lassen. Verdächtig sei auch, dass Kerkorian nach Angaben seiner Sekretärin Protokolle seiner Gespräche mit Eaton kurz vor der Einreichung der Klage habe verbrennen lassen. Sie entbehre jeder Grundlage.Vergleich erwartetDennoch könnte sich das Verfahren hinziehen, glaubt Anwalt Michael Schell, der Daimler-Chrysler vertritt. Bis 17. Dezember stehe man sich vor dem Richter gegenüber, wohl erst im Januar dürften die schriftlichen Plädoyers eingereicht werden. Nicht wenige Analysten und Experten tippen deshalb darauf, dass sich Daimler-Chrysler allen Beteuerungen zum Trotz doch zu einem Vergleich bereitfinden werde. Bei der Sammelklage über 22 Milliarden Dollar von anderen Chrysler-Aktionären, die im Sommer beigelegt wurde, war der Autokonzern mit 300 Millionen Dollar davon gekommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.11.2003